Grenzen mit und für die Natur zu überwinden, funktioniert nicht nur in Deutschland. Auch in Mitteleuropa, im Baltikum und Balkan hinterließ der Eiserne Vorhang große Landstriche in Abgeschiedenheit. Auch hier blieb die Natur fast 40 Jahre lang weitgehend von zerstörerischen menschlichen Eingriffen verschont und ist als grenzübergreifender Biotopverbund ein starkes Symbol für das Zusammenwachsen. Entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs verläuft heute das Grüne Band Europa. Vom Eismeer bis zur Adria und zum Schwarzen Meer verbindet es einzigartige Landschaften, kulturelle Besonderheiten und Menschen. Auf über 12.500 km entstand ein einmaliger ökologischer Korridor und eine lebendige Gedächtnislandschaft.

 

Eine europäische Lebensader

50 Nationalparke und über 7.000 Schutzgebiete liegen entlang des Grünen Bandes und bilden in einem etwa 50 km breiten Korridor ein ökologisches Netzwerk. Dieses ermöglicht die Ausbreitung von Pflanzen und die Wanderung von Tieren – eine Seltenheit im dicht besiedelten Europa. Das Grüne Band leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und ist ein zentrales Element des europäischen Schutzgebietsnetzes. Gerade in Zeiten des Klimawandels ist dieser Süd-Nord-Wanderkorridor von großer Bedeutung. Zudem bietet das Grüne Band wichtige Ökosystemleistungen wie sauberes Wasser, frische Luft, fruchtbare Böden und vielfältige Erholungsräume. Zahlreiche grenzüberschreitende Initiativen und Partnerschaften stehen für Natur, Kooperation und ein Europa ohne trennende Grenzen.

 

Eine europäische Gedächtnislandschaft

Das Grüne Band Europa ist ein mittlerweile international bekanntes Symbol der jüngeren europäischen Geschichte. Dieses lebendige Denkmal erinnert uns an die friedliche Überwindung des Kalten Krieges und Eisernen Vorhangs. Es transformiert die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts durch europäische Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure in ein Zeichen gegen Grenzen und für Begegnung. Das Grüne Band ist kein Gleichnis für Trennung, sondern ein Symbol für die Symbiose von Naturschutz und Erinnerungskultur.

 

Europäische Zusammenarbeit für eine Vision

Die Vision, das europäische Natur- und Kulturerbe zu schützen, verbindet die zahlreichen Anrainerländer. Seit 2003 arbeiten Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen in der Initiative Grünes Band Europa zusammen. Die Akteure der Initiative treffen sich regelmäßig, um die Zusammenarbeit zu stärken und sich auszutauschen. Auf der 10. Paneuropäischen Konferenz zum Grünen Band im thüringischen Eisenach verabschiedeten die Teilnehmenden 2018 die »Eisenacher Resolution« als gemeinsame Botschaft. Sie appelliert an politische Entscheidungsträger, ihren Beitrag zum Schutz und zur Förderung des Grünen Bandes zu leisten.

 

Symbol der Trennung und der friedlichen Wende

Der Eiserne Vorhang war nicht nur eine Grenze. Er teilte Länder, Landschaften, Gesellschaft, Wirtschaft und das alltägliche Leben. Die Menschen in den östlichen Ländern hatten nur sehr begrenzte Mitgestaltungsmöglichkeiten. Zahlreiche Menschen verloren ihre Heimat oder bei Fluchtversuchen ihr Leben. Es bildeten sich immer wieder Oppositionsbewegungen, die vielfach mit systemischer oder auch militärischer Gewalt niedergeschlagen wurden: 1953 Volksaufstand DDR, 1956 Posener und ungarischer Aufstand und 1968 Prager Frühling, um nur einige zu nennen. In den 1970er Jahren folgten Arbeiterproteste in Polen. Insbesondere Glasnost und Perestroika sowie die polnische Solidarność-Bewegung ab 1980 und die Samtene Revolution 1989 in der Tschechoslowakei ebneten der friedlichen Wende in Deutschland den Weg.

Viele Naturschützer waren sich des Naturreichtums entlang des Eisernen Vorhangs früh bewusst. Angeregt durch die erste öffentliche Äußerung im Jahr 2002 von Hubert Weiger, des jetzigen Ehrenvorsitzenden des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) von einem Grünen Band durch ganz Europa entwickelte sich eine große Dynamik. Von Beginn an dachten und gestalteten Naturschutzgruppen auch den Gedächtnis- und Aufarbeitungsprozess mit. Allerdings ist der Stand an gesellschaftspolitischer Aufarbeitung in den Ländern noch sehr unterschiedlich.

 

Versprechen der Demokratie: Gib nicht auf!

Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Situation und der Minderwertschätzung des Konzeptes einer regelbasierten Zusammenarbeit erfährt die Kooperation am Europäischen Grünen Band wieder ganz neue Relevanz. Wenn Menschen sich kennen und schätzen, miteinander arbeiten und ein gemeinsames Ziel verfolgen, sich ihrer Vergangenheit stellen, um die Zukunft zu gestalten, kann Europas längster Biotopverbund und Lebensader der Erinnerung erhalten werden. Die Anerkennung als Welterbe der UNESCO wäre ein starkes Signal in die Welt.

Mehrere Anrainerstaaten sind bereits an das Nationale BUND Kompetenzzentrum Grünes Band mit dem Interesse an einer gemeinsamen Welterbestätte herangetreten, die den Biotopverbund und die Gedächtnislandschaft von weltweiter, herausragender Bedeutung anerkennt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026