Am Anfang stand der Sturz der SED-Diktatur, ja der Zerfall der ganzen Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges. Während der »Eiserne Vorhang«, der Europa jahrzehntelang teilte, in atemberaubender Geschwindigkeit verschwand, entwickelte sich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze eine einzigartige Gedächtnislandschaft, ein Erbe von Revolution und Einheit. Eine Vielzahl von Einrichtungen und Initiativen entstand, die sich der Auseinandersetzung mit der Teilungsvergangenheit verschrieben und sich wie auf einer Perlenkette entlang des Grünen Bandes aufreihten. Kristallisationspunkte der dezentralen und zivilgesellschaftlich geprägten Erinnerungskultur sind die vielfältigen Grenzmuseen, die größtenteils an historischen Orten wie früheren Grenzübergängen, Relikten der Sperranlagen oder anderen exponierten Stellen errichtet wurden.

Exemplarisch dafür steht das Grenzmuseum Schifflersgrund an der hessisch-thüringischen Landesgrenze, das mit rund 550 Metern einen der längsten erhaltenen Grenzabschnitte mit dem Todesort des erschossenen DDR-Flüchtlings Heinz-Josef Große umfasst. Bereits am 3. Oktober 1991 eröffnet, befindet sich die Einrichtung nach wie vor in Vereinsträgerschaft. Zwar sind inzwischen Mitarbeiter zur Entlastung und Professionalisierung beschäftigt, doch ist das Ehrenamt hier wie andernorts weiterhin von großer Bedeutung.

Die Aufgabenfelder der Grenzmuseen reichen von der Bewahrung baulicher Überreste, der Sammlung von Objekten und der Dokumentation immaterieller Überlieferungen wie den Erinnerungen von Zeitzeugen über das Gedenken an Leid und Opfer des menschenverachtenden DDR-Grenzregimes bis hin zur historisch-politischen Bildung für diverse Zielgruppen. In Ausstellungen, Veranstaltungen und pädagogischen Angeboten – zunehmend auch in hybriden Formaten – werden Wissen, Kompetenzen und Werte vermittelt. Sie sind Motoren für die Verständigung und das Zusammenwachsen zwischen Ost und West in einer hochsensiblen Region, Leuchttürme der historischen Vergegenwärtigung und Bewusstwerdung von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Bereits 1996 haben sich die verschiedenen Einrichtungen in einem länderübergreifenden bundesweiten Netzwerk, der Arbeitsgemeinschaft Grenzmuseen, zusammengeschlossen. Nach einem zwischenzeitlichen Stillstand wurde die AG 2025 wiederbelebt. Sie umfasst mehr als 20 Einrichtungen von Hof über das Eichsfeld und den Harz bis nach Lübeck. Darunter befinden sich sowohl mittlere und große Gedenkstätten wie das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth oder die Stiftung Berliner Mauer, die hauptamtlich geführt werden, als auch kleinere Museen und Initiativen im ehrenamtlichen Betrieb

Zweck der AG ist der Austausch zu konzeptionellen, pädagogischen und wissenschaftlichen Themen. Fast alle Einrichtungen sind mit den strukturellen Herausforderungen des ländlichen Raums konfrontiert, ganz zu schweigen vom stetigen Ringen um die Existenzsicherung und Projektmittel. Wie kaum jemand sonst wissen Grenzmuseen um Fluch und Segen, wenn Verwaltungs- und damit auch Fördergrenzen über die oft weitläufigen Außenbereiche verlaufen. Sie befinden sich größtenteils in einer zentralen Randlage in der Mitte Deutschlands mit mangelhafter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und eingeschränkter touristischer Infrastruktur.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bündelung und Vertretung gemeinsamer Interessen nach außen, aktuell insbesondere vor dem Hintergrund des laufenden Nominierungsverfahrens für den Natur- und Kulturraum Grünes Band als UNESCO-Welterbe. Dabei steht die AG im Austausch mit dem BUND Kompetenzzentrum Grünes Band und dem Deutschen Kulturrat. Schwerpunktmäßig arbeiten viele Grenzmuseen seit vielen Jahren mit Akteuren aus dem Umweltschutz zusammen und sind überdies in attraktive Naturlandschaften eingebettet.

Die Ausweisung des Grünen Bands in Deutschlands als gemischtes Natur- und Kulturerbe, die bei allen noch vorhandenen Unklarheiten von den Grenzmuseen unterstützt wird, dürfte zahlreiche Chancen und Perspektiven für die Grenzmuseen eröffnen: mehr Besucher, neue Zielgruppen und verbesserte Zugänge zu Fördermitteln. Eine Managementstruktur ohne die Einrichtungen als tragende Säulen ist gar nicht denkbar. Schon jetzt sind Grenzmuseen unschätzbare Multiplikatoren vor Ort. Ihnen wird von Anwohnern, Besuchern und Interessierten eine Omnikompetenz zu allen erdenklichen Fragen rund um die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des ehemaligen Grenzraumes zugeschrieben. Insofern könnte und sollte das Welterbeverfahren neben dem Schutz des einmaligen Biotopverbundes einen großen Beitrag zur langfristigen Erhaltung, Stärkung und nachhaltigen Weiterentwicklung der lebendigen Erinnerungskultur am Grünen Band leisten, in der sich die universellen Werte von Freiheit und Demokratie, die mit der friedlichen Überwindung des »Eisernen Vorhangs« errungen wurden, geradezu modellhaft widerspiegeln.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026