Die Wahrnehmung der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im Raum Helmstedt ist facettenreich. Sie reicht von Erleichterung darüber, dass die Grenze heute praktisch nicht mehr wahrnehmbar ist, bis hin zu Fassungslosigkeit über Gestalt, Funktion und Auswirkungen – je nach Alter und Erfahrung der Menschen, die über den damaligen Eisernen Vorhang sprechen

Ältere Helmstedter, die an der DDR-Grenze gelebt und miterlebt haben, wie die anfangs noch relativ durchlässige Grenze innerhalb kurzer Zeit zu einem regelrechten Bollwerk ausgebaut wurde, sind sich heute einig: Die Wiedervereinigung ist das Beste, was je passiert ist. Sobald sich das Gespräch um die Grenze dreht oder der Grenzbereich in Sichtweite kommt, werden Erinnerungen wach: an Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeschlossenseins und an geradezu groteske Situationen.

Helmstedter Jugendliche lernen heute oft erst im Rahmen einer Klassenfahrt an die ehemalige DDR-Grenze die geschichtlichen Besonderheiten ihrer Heimat kennen. Um Wissen zur deutschen Teilung an authentischen Orten lebendig und anschaulich zu vermitteln, buchen Lehrkräfte die in der Stadt angebotene Rundfahrt Grenzenlos. Ihre Schülerinnen und Schüler reagieren vielfach fassungslos, wenn sie erfahren, mit welchem Aufwand und welcher Brutalität Menschen daran gehindert wurden, diese Grenze zu überqueren.

Auf der Westseite der DDR-Grenze nutzten insbesondere junge Menschen die Freiheit zu gehen. Daneben litt die Region Helmstedt nach der Grenzschließung unter gekappten menschlichen Verbindungen und wirtschaftlichen Verlusten. Zu beklagen war der Wegfall von Arbeitskräften und Arbeitsplätzen, Infrastruktur und Ressourcen. So verloren die in Helmstedt ansässigen Braunschweigischen Kohlebergwerke über Nacht ihr einziges Kraftwerk und die dazugehörigen Braunkohlevorkommen an die DDR. Im Einzelhandel fehlten die Kunden aus den Nachbarorten. Später wurden wirtschaftliche Nachteile zumindest teilweise durch Zonenrandförderung und Naherholungssuchende aus Berlin ausgeglichen.

Die Euphorie der Grenzöffnung ist bekannte Geschichte. Noch heute erzählen die Helmstedter von Menschenmengen in der Neumärker, der Fußgängerzone der Stadt, von Hubschraubern, die das Begrüßungsgeld brachten, von Nachtschichten, um ebendieses wieder auszuzahlen und von einzigartigen Begegnungen. Helmstedt wurde zur »Stadt der Einheit«. Gleichzeitig ahnte man im Rathaus schon bald, dass die Menschen schnell vergessen würden. Anhand von Grenz-Relikten rund um Helmstedt wollte man die Erinnerung wachhalten und deutsch-deutsche Geschichte für nachfolgende Generationen erlebbar machen. Zu diesem Zweck initiierten Menschen, die sich verantwortlich fühlten, zwischen Helmstedt und Magdeburg das Projekt Grenzenlos.

So entwickelte sich der ehemalige Grenzstreifen im Raum Helmstedt schon bald nach dem Mauerfall zu einem Ort gegen das Vergessen. Menschen aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt nutzen den gewachsenen Natur- und Kulturraum des Grünen Bands gerne zum Bewegen und Entspannen, aber auch, um über die Vergangenheit und aus der Vergangenheit zu lernen.

Einrichtungen wie die heutige Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn oder das Grenzdenkmal Hötensleben wurden zu kulturtouristischen Anziehungspunkten für Besucher aus Deutschland und der ganzen Welt. Doch es sind nicht nur diese bekannten Orte, die die Bedeutung des Grünen Bands ausmachen. Grenzpfähle und Grenztürme zeugen im Lappwald von der Vergangenheit und erinnern Spaziergänger, Radfahrer und Wanderer an die Zeit, als der Eiserne Vorhang die Erholungslandschaft in zwei Teile trennte.

Seit vielen Jahren denken Ehrenamtliche aus den beiden Nachbarländern grenzenlos. Gemeinsam entwickeln sie grenzübergreifende Rad- und Wandertouren, schließen Lücken im Wegenetz und schaffen Verbindungen, die jahrzehntelang gekappt waren. Das Grüne Band spielt dabei eine wichtige Rolle, sowohl als Natur- als auch als Kulturraum. Ein Beispiel ist die 51 Kilometer lange Radtour »Grenzenlos – Rundkurs Deutsche Einheit«, die nicht nur Zeugnisse der deutschen Teilung miteinander verbindet, sondern auch die urwüchsige Schönheit des Grenzforsts offenlegt.

Um die Verbindung zweier loser Enden geht es auch am Lappwaldsee. Hier wurde das Grüne Band durch den steigenden Wasserspiegel in den ausgekohlten Braunkohletagebauen Helmstedt und Wulfersdorf unterbrochen. Die Lücke im Grünen Band wieder zu schließen und die ganz besondere Geschichte dieses ehemaligen Grenzabschnitts erlebbar zu machen, zählt zu den Anliegen der Akteure im Planungsverband Lappwaldsee. Unter Vorsitz des Helmstedter Bürgermeisters Wittich Schobert engagieren sich in diesem Gremium Vertreter der Stadt Helmstedt und der sachsen-anhaltischen Nachbargemeinde Harbke gemeinsam für die Zukunft des Gewässers. Wie das Grüne Band als Nationales Naturmonument im einzigen Tagebau, der grenzübergreifend Kohle gefördert hat, erlebt werden kann, wird die Zukunft zeigen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026