In unserem Forschungsprojekt »Ein immer noch geteilter Himmel? Deutschlands Osten und Westen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung«, das 2020 bis 2021 explorativ durch CIERA (Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne) und seit 2024 in einer erweiterten Form als Projekt der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence Nationale de la Recherche (ANR) gefördert wird, nutzen wir den ehemaligen innerdeutschen Grenzraum als Laboratorium, um gesellschaftliche Transformationen, Ähnlichkeiten, Unterschiede und Verflechtungen zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung sichtbar zu machen. Wir interessieren uns für die Alltagserfahrungen, sozialen Praktiken, lebensweltlichen Vorstellungen und wechselseitige Relationen gewöhnlicher Akteurinnen und Akteure östlich und westlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze. In diesem Beitrag geben wir einige Einblicke, wie Menschen, die in vier kleinen Dörfern unmittelbar an der deutsch-deutschen Grenze (Thüringen/Hessen und Thüringen/Bayern) lebten, den Fall der Mauer erlebt haben und welche Rolle diese ehemalige Grenze bis heute spielt. Dabei differenzieren wir verschiedene Perspektiven östlich und westlich der ehemaligen Grenze wie auch generationelle Sichtweisen und geben einen Ausblick auf die Bedeutung des Grünen Bands für die Menschen vor Ort.
Der Fall der Mauer wurde von jenen Gesprächspartnern als ein tiefer Einschnitt erinnert, die die seit 1952 sukzessive ausgebaute innerdeutsche Grenze noch selbst miterlebt hatten. Das Leben mit und an der Grenze prägte auf beiden Seiten die Alltagserfahrungen und war bis zur Grenzöffnung gewissermaßen zur Normalität geworden – insbesondere für die seit den 1950er Jahren geborenen Generationen. Die grenznahen Dörfer der DDR, die in der 500-Meter-Sperrzone innerhalb des 5-km-Schutzstreifens lagen, waren nicht nur von der BRD abgeschnitten, sondern auch vom übrigen DDR-Gebiet getrennt, was eine starke Auf-sich-selbst-Geworfenheit dieser Dorfgemeinschaften zur Folge hatte. Die Öffnung der Grenze war zumeist ein unglaubliches und unerwartetes Ereignis. Für die ältere Generation, die die Teilung miterlebt und die teilweise Verwandte und Bekannte »drüben« hatte, war es oft eine unbeschreibliche Freude, Verwandte wieder in die Arme schließen und die Beziehungen vertiefen zu können.
Dorfbewohner östlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze thematisierten häufig den Freiheitsgewinn, den die Grenzöffnung mit sich brachte: die Möglichkeit zu reisen, den eigenen Ort von der anderen Seite zu sehen oder die nahen Wälder und Sehenswürdigkeiten zu erkunden, die zuvor nicht zugänglich gewesen waren. Gleichzeitig waren es Geschäfte und Konsummöglichkeiten, die viele Bewohner in benachbarte westliche Gemeinden fahren ließen. Einige beschrieben auch Überforderung angesichts der Vielfalt an Konsumgütern und des vielen Unbekannten – etwa neue Verkehrsregeln, exotische Früchte oder bürokratische Anforderungen.
Im Spiegel dieser Erinnerungen schilderte eine ca. 60-jährige Frau, die die Grenzöffnung in einer grenznahen hessischen Kleinstadt erlebt hat, wie ihre Stadt plötzlich »zum Nabel der Welt« wurde: »Ja, also erstmal hat man ja alleine schon durch die Medien, man war ja ganz euphorisch. Man hat die Menschen gesehen, die endlich hierher konnten. (…) Auf einmal war Eschwege überfüllt wie eine Riesengroßstadt (…). Die Straßen waren zu mit Trabis und dem Geruch dieser Autos. Also, und ich muss sagen, da war eine riesige Willkommenskultur entstanden und eine Freude. (…) Ich glaube, so einen Ansturm hatte Eschwege bisher dann auch nie wieder erlebt wie damals der Grenzöffnung.«
Bewohner von Dörfern beider Seiten erzählten vom gemeinsamen Abbau der Grenzanlagen und der Wiederherstellung zugewachsener Verbindungswege, etwa durch den Einsatz freiwilliger Feuerwehren, die miteinander kooperierten. Die Grenzzäune wurden teilweise auch von der Bevölkerung demontiert und weiterverwendet. Zeugnis davon sind ehemalige Zaunteile, die bis heute sowohl östlich als auch westlich der ehemaligen Grenze als Kompostbehälter fungieren.
Die selbst initiierten Grenzöffnungen waren mit zünftigen Feierlichkeiten verbunden, zu denen Bewohner beider Seiten zusammenkamen. Für viele hessische oder bayerische Interviewpartner war dies das erste Mal, dass sie die Dörfer in Thüringen besuchten. Der teils monatelang anhaltende Volksfestcharakter wurde durch die große Gastfreundschaft der östlichen Nachbarn sowie durch niedrige Preise befördert, sodass insbesondere Jugendliche aus Hessen und Bayern gerne zum Feiern nach Thüringen kamen: »Also der Eintritt (auf Festorten) war nicht einmal eine Mark, das Bier eine Mark Ost, Schnaps eine Mark Ost. (…) Wir haben da gelebt wie die Fürsten. Es war spottbillig.«
Viele Dorfbewohner auf thüringischer Seite wurden nach der Wende zunächst arbeitslos, fanden jedoch schnell nur wenige Kilometer entfernt auf westlicher Seite Arbeit, sodass das tägliche Pendeln zur Normalität wurde. Das erforderte aber Anpassungen der Lebensgewohnheiten, wie ein Gesprächspartner aus Thüringen betont: »Vor der Wende oder nach der Wende haben wir gelacht, haben wir gesagt: Guck mal, was sie für nen Haufen Autos haben. Mittlerweile braucht jede Person hier unten, (…) ein Auto. Ohne geht es nicht!«
Die Neugierde und Offenheit, aber auch die Notwendigkeit, sich Neues anzueignen, während sich vertraute Realitäten auflösten, zumal auf den Mauerfall die Wiedervereinigung folgte, wurden von unseren Gesprächspartnern in Thüringen je nach Alter und Positionierung unterschiedlich, aber oft auch als generationsübergreifend verbindend erlebt.
Westliche Einwohner thematisierten teilweise Mitleid mit den östlichen Nachbarn, was sich in Hilfsbereitschaft, mitunter aber auch in Abwertung äußerte, wie bei einer hessischen Gesprächspartnerin: »Als die Grenzen dann offen waren und wir sind dahin, die haben mir so unfassbar leidgetan. Die hatten nämlich nichts. (…) Die hatten nur ihre komische Fassbrause, die mir nicht geschmeckt hat.«
Vor und nach der Grenzöffnung wurde der Westen von Gesprächspartnern beider Seiten häufig unhinterfragt als moderner angesehen. Ostdeutsche Gesprächspartner berichteten von Minderwertigkeitsgefühlen, aber auch von Wut über die Erfahrung, als »zurückgeblieben« zu gelten. 30 Jahre später ist eine gewisse Empörung immer noch spürbar: »Alles, was ihr bisher gemacht habt, wird als falsch erklärt. Das war die Wende. Was du vorher mit voller Hingabe gemacht hast, und auf einmal ein Schnitt, Ende und wie geht’s weiter?«
Heute ist die ehemalige Grenze – abgesehen von einzelnen Schildern und Gedenksteinen – kaum noch sichtbar. Der früher so akribisch freigehaltene Grenzstreifen ist vielerorts zugewachsen, der sogenannte Plattenweg nicht überall erhalten. Mit bloßem Auge lässt sich oft kaum noch erkennen, welche Dörfer einst zur DDR oder zur BRD gehörten; teilweise erscheinen Orte östlich der ehemaligen Grenze sogar moderner und gepflegter.
Ost und West haben sich materiell und infrastrukturell weitgehend angeglichen. Bewohner aller vier von uns untersuchten Ortschaften beklagen einen Niedergang der lokalen Nahversorgungsinfrastruktur sowie ein deutlich nachlassendes Vereinsleben. Stadt-Land-Abgrenzungen überlagern heute vielfach frühere Ost-West Grenzen.
Dennoch zeigen sich feine Unterschiede. Die von uns befragten Dorfbewohner westlich der Grenze richten ihren Alltag häufig noch eher nach Westen aus, zumal auch die Arbeitsplätze oft weiterhin im Westen liegen. Sie fahren selten nach Thüringen und geben an, dort in der Regel keine engen freundschaftlichen Beziehungen (mehr) zu pflegen: »Ich habe dort keine freundschaftlichen Beziehungen. Bekannte ja, aber freundschaftlich nein. Also ich wüsste nicht, wann ich das letzte Mal privat drüben in einer Gemeinde war.«
Gleichzeitig sehen die meisten unserer Gesprächspartner in Hessen und Bayern heute kaum mehr Unterschiede zwischen Ost und West. Innerhalb der westlichen Orte werden Ost und West kaum mehr zu Bedeutungsträgern, auch wenn einige der Neuzugezogenen aus den neuen Bundesländern stammen und auf eine DDR-Biografie zurückblicken können. In den Ortschaften zählen das lokale Engagement und die individuellen Einstellungen.
Die Dorfbewohner, die östlich der ehemaligen Grenze wohnen, überschreiten die heutige Ländergrenze viel häufiger, insbesondere für die Arbeit, teilweise aber auch aufgrund der Grundversorgungsmöglichkeiten wie Einkauf oder auch Ärzte.
Viele – Ältere wie Junge – sehen ebenfalls kaum mehr Unterschiede zu westlichen Nachbargemeinden, beklagen aber zum Teil die administrative Bundeslandgrenze, die Kooperationen erschwere. Die freundschaftlichen und familiären Beziehungen bleiben auch weiterhin stark auf die Herkunftsdörfer ausgerichtet, was möglicherweise ein fortbestehendes Erbe der Auswirkungen des Sperrgebiets ist. Manchmal zeigt sich eine Umkehrung des ehemaligen Ost-West-Gefälles: Sei es in einer positiven Selbstbezeichnung als »Ossi« oder der Ansicht, dass es in den Dörfern und Familien östlich der ehemaligen Grenze mehr Zusammenhalt gäbe, wobei der Rückgang dieses Zusammenhalts als negative, »westliche« Entwicklung wahrgenommen wird.
Während viele Gesprächspartner stolz auf ihre Landschaft entlang der ehemaligen Grenze sind – die Chance, auf dem Land zu wohnen und von einer schönen Natur umgeben zu sein, wurde in unseren Gesprächen fast immer hervorgehoben –, wurde das Grüne Band bislang kaum erwähnt. Einzelne äußerten Bedenken hinsichtlich Einschränkungen lokaler Nutzungsrechte. Perspektivisch könnte das Grüne Band jedoch zu einer gemeinsamen Tourismusattraktion werden, die sich positiv auf die hier lokalisierten Dörfer, ihre Gemeinschaften und ihre Zusammenarbeit auswirkt.