Navid Kermani, Bestsellerautor und einer der führenden Intellektuellen unserer Republik, erfreut mit einer Lektüre, die fesselt, ja die einen geradezu in ihren Bann zieht, sodass man gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen! Zu lesen über das Lesen, über Bücher, über das Denken zu Fragen unserer Zeit, über Trauer und Leid, über Gott und die Welt. Kurzum: über das Leben an sich! Eine Melange aus Dokumentation, Reportage, Journal, Essay und reiner Poetik mit bisweilen meditativer Note. Also viel mehr als nur ein Roman. Denn dieses grandiose Werk lässt sich nicht in eine Schublade pressen. Und wenn schon, dann wohl eher als Sachbuch denn als Roman.

Die Protagonistin, eine Autorin ohne Namen um die 50, führt ein Tagebuch für 365 Tage, von Winter zu Winter, und es wird schnell offenbar, dass es sich bei vielen Begebenheiten und Episoden aus dem Leben eines Vielbeschäftigten, des Autors und Orientalisten Navid Kermani selbst handeln dürfte.

Und die Erzählerin (»Lesschreiberin«) will alle Bücher ihrer Bibliothek (»Lesegruft«) alphabetisch abarbeiten und so ihr Leben reflektieren. Das Lesen wird für sie somit zur Therapie in oft traurig empfundener Zeit (etwa Tod der Mutter, Krankheit und Ehetrennung).

Ein vielschichtiges Abenteuer mit einem Auf und Ab von Gefühlen, mit vielen Sprüngen. Diese Auto- und Dokufiktion besticht auf knapp 600 Seiten mit Zitaten, Kommentaren, Glossen, Essays und Auszügen aus den Büchern von A bis S. Hier taucht ganz besonders der Wissenschaftler Kermani auf. Und Köln, sein Lebensort, findet sich in zahlreichen Bezügen wieder, etwa der Ehrenfelder Moscheebau oder die Silvesternacht 2015/16 mit sexuellen Übergriffen.

Warum die Bibliothek nur bis S bearbeitet wird, ja das kann jeder Leser für sich selbst interpretieren. Es bleibt: ein Fragment. Wie ein unfertiges Leben. Oder: Der Vorhang zu, und alle Fragen offen. Ein literarischer und intellektueller Genuss. Und: Danke für so viele Denkanstöße!

Navid Kermani. Das Alphabet bis S. Roman. München 2023