Gayane Umerova, Vorsitzende der Stiftung für die Entwicklung von Kunst und Kultur in Usbekistan, hat mit den Pritzker-Preisträgern Tadao Ando und Rem Koolhaas zusammengearbeitet. Die Einladung weltberühmter Architekten würde dazu beitragen, die Bauqualität zu erhöhen – eine Strategie, die in Usbekistan zu einer Erfolgsgeschichte geworden zu sein scheint. Philipp Meuser, der seit 20 Jahren die Architekturentwicklung in Zentralasien mit kritischem Blick begleitet, sprach mit Gayane Umerova in Taschkent über die zunehmende Bedeutung von Baukultur und Architektur in ihrer Arbeit und mehr.

Philipp Meuser: Frau Umerova, Sie sind Vorsitzende einer staatlichen Einrichtung, die dem usbekischen Ministerkabinett untersteht. Die »Entwicklung von Kunst und Kultur« ist ein Teil der Aufgabe Ihrer öffentlichen Stiftung. Welche Rolle spielt die Architektur in diesem Zusammenhang?

Gayane Umerova: Architektur war bisher nicht Teil unserer Strategie – bis vor Kurzem. Im Jahr 2017 haben wir mit unserer Mission für Kulturdiplomatie begonnen. Ausstellungen in Usbekistan und im Ausland standen auf unserer Agenda. Unter anderem haben wir die Usbekistan-Ausstellung auf der Museumsinsel in Berlin organisiert (Anm. d. Red.: James-Simon-Galerie, bis 14. Januar 2024). Parallel dazu begannen wir mit der Renovierung des Staatlichen Kunstmuseums, eines 1974 eröffneten Gebäudes aus der Sowjetzeit. Während unserer Arbeit wurde uns klar, dass wir eine hohe Kompetenz bei der Restaurierung antiker Objekte und deren Ausstellung im Ausland haben – aber warum schauen wir nicht nach Orten, an denen wir die Schätze in unserem eigenen Land ausstellen? Daher suchten wir einen bekannten Meister für Museumsdesign und luden den japanischen Architekten Tadao Ando ein. Er erkannte jedoch sehr bald, dass das bestehende Gebäude nicht den Anforderungen eines modernen Museums entspricht: zu viel natürliches Licht, das unsere Sammlungsstücke wie Textilien und Manuskripte zerstören würde. Anstatt das alte Gebäude umzubauen, ziehen wir es vor, ein neues Staatliches Kunstmuseum zu errichten, das im Jahr 2026 fertiggestellt werden soll. Der Entwurf selbst stammt von Tadao Ando, und das Stuttgarter Atelier Brückner hat gemeinsam mit Werner Sobek die Ausführungsplanung samt Ausstellungsgestaltung übernommen. Andererseits wissen wir aber auch um die Verantwortung für den Altbau. Vor fünf Jahren wurde das Taschkenter Haus der Filmkunst abgerissen, um Platz für die Entwicklung des kommerziellen Quartiers »Tashkent City« zu schaffen. Wir wollen nicht, dass das Kunstmuseum aus der Sowjetzeit ein weiteres Opfer des Abrisses wird. Nachdem Ando begriffen hatte, dass das alte Gebäude nicht geeignet war, um daraus ein modernes Kunstmuseum zu machen, mussten wir umdenken. Das Haus hat durchaus seine Qualitäten, die wieder gezeigt werden sollen. Wir überlegen etwa, ob wir die in den frühen 2000er Jahren angebrachte Fassade entfernen sollen.

Sie erwähnen den Verlust des Hauses der Filmkunst und die Unmöglichkeit, das Kunstmuseum zu modernisieren, beides Beispiele aus der sowjetischen Spätmoderne. Würden Sie diese Architektur als einen Teil der usbekischen Baukultur betrachten?

Ja, auf jeden Fall. Ich war schon immer von der Architektur fasziniert, aber diese Disziplin wurde als sehr männlich wahrgenommen, als ich noch viel jünger war. Als ich dann nach London ging, um dort zu studieren, beschloss ich, heimlich etwas Architektur zu studieren. Allerdings war Architektur zu dieser Zeit in Usbekistan weniger gefragt. In diesem Bereich zu arbeiten ist etwas Unglaubliches. Allerdings bin ich keine Architektin. Aber als Bauherrin kann ich Impulse geben, und ich sehe, wie die Architektur den Lebensstil der Menschen verändert. Außerdem geht es um das Narrativ der Architektur, dass wir die Städte und letztlich die Identität des ganzen Landes verändern können.

… und wenn es um das Erbe der sowjetischen Architektur geht. Wie wichtig ist diese Zeit für das Verständnis der Architekturgeschichte?

Der Abriss des Hauses der Filmkunst war ein Weckruf für uns. Wir haben daraufhin das Forschungsprojekt »Tashkent Modernism« ins Leben gerufen, das die Vielfalt der sowjetischen Bauten einem breiten Publikum nahebringen soll. Nicht nur in Usbekistan. Ausstellungen, Konferenzen und Publikationen werden unsere Hauptstadt als Reiseziel für Touristen attraktiver machen. Zu diesem Zweck haben wir kluge Köpfe aus vielen Teilen der Welt zusammengebracht. Und wer weiß, wenn es uns gelänge, auch die UNESCO für diesen Zeitraum zu begeistern, hätten wir das Hauptziel unserer Arbeit erreicht!

Die Stiftung wurde unter Präsident Shavkat Mirziyoyev im Jahr 2017 gegründet. Sie sind vor drei Jahren zur Vorsitzenden ernannt worden. Welche Tendenzen können Sie auf der Grundlage Ihrer Arbeit in Bezug auf die kulturelle Identität Usbekistans beschreiben?

Usbekistan hat eine vielschichtige Geschichte, und wir müssen alle diese Schichten identifizieren. Wir blicken auf eine lange Geschichte der islamischen Architektur zurück. Wenn Sie unsere traditionellen Mahallas besuchen, werden Sie Typologien der Madrasa und der Moschee finden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden Sie Beispiele für die imperialistische Architektur des Russischen Reichs, die auch unseren Städten ein Gesicht gab. Viele dieser Gebäude verschwanden und wurden von der sowjet-usbekischen Moderne überlagert. Doch heute können wir auch auf 30 Jahre Unabhängigkeit zurückblicken. Die zeitgenössischen Architekten haben die Kuppel als Strukturelement wiederentdeckt, aber auch den weißen Marmor, der allerdings nicht unbedingt zu unserer Baukultur gehört. Wir sind also immer noch auf der Suche nach der besten architektonischen Ausdrucksform.

Dass man aktuelle Tendenzen in der Architektur nicht umfassend beschreiben kann, ist keine Überraschung. Solange es weder eine kritische Auseinandersetzung mit Architektur noch Publikationen mit Substanz gibt, ist es nicht einfach, als Zeitzeuge einen ausgewogenen Blick zu entwickeln. Man kann also nur vermuten …

In der aktuellen Periode geht es eher um Kompromisse. Es geht eher darum, wie wir alle Schichten der Architekturgeschichte in einer zeitgemäßen Sprache verbinden und wie wir globale Entwicklungen in unser Land bringen können. Vor allem in Taschkent haben wir es immer noch mit einem Generalplan zu tun, der zu Sowjetzeiten entwickelt und danach nur leicht modifiziert wurde. Die stadtentwicklungspolitische Strategie muss immer noch auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Und jetzt ist es wirklich eine Katastrophe mit unserer Stadtplanung. Was wir brauchen, ist eine Vision für die Zukunft. Aber in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wir müssen damit aufhören, dass die nächste Generation immer das abreißt, was die alte Generation aufgebaut hat.

Taschkent ist bekannt für seine Vielfalt im sowjetischen Massenwohnungsbau. Der Geist der Sowjetzeit – z. B. das herausragende Beispiel des Wohnungsbauprojekts Dschemtschug – ist verloren gegangen. Die heutigen Bauherren sind nicht mehr bereit, in experimentellen Wohnungsbau zu investieren. Heute folgen die architektonischen Regeln in Usbekistan dem kommerziellen Gesetz des größtmöglichen Profits. Warum sehen wir keine modernen Interpretationen der traditionellen usbekischen Wohnform – der Mahalla?

Ein Grund dafür könnte sein, dass es sich bei den meisten Immobilien, von denen Sie sprechen, um private Investitionen handelt. Das Dschemtschug-Wohnhaus wurde Mitte der 1980er Jahre von der Architektin Ophelia Aydinova im Auftrag des Staates gebaut. Ihre Planung folgte einer politischen Philosophie des sozialen Lebens nach dem sowjetischen Ideal. Die Investoren, die heute den Markt beherrschen, kommen hauptsächlich aus dem Ausland. Jeder Quadratmeter erfordert eine finanzielle Investition. Natürlich wäre es fantastisch, in Taschkent oder anderswo Wohngebäude als moderne Interpretation einer vertikalen Mahalla zu sehen. In meiner Kindheit hatte ich Klassenkameraden, die im Dschemtschug wohnten. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass es anders war. Es war cool, in den Höfen zu spielen, die neun Stockwerke über der Straße lagen. Außerdem war es dort sehr sicher.

Die Sowjetzeit hat das Stadtbild von Taschkent um ikonische Gebäude bereichert. Sie haben die Konferenz »Tashkent Modernism« als Teil eines neuen Bewusstseins für die Vergangenheit der Stadt initiiert. Internationale akademische Kreise haben sich an dem Projekt beteiligt. Was sind die nächsten Schritte, an denen Sie arbeiten?

Im Moment konzentrieren wir uns auf die Renovierung und Umgestaltung mehrerer Gebäude in Taschkent. Wir haben die Gebäude identifiziert und analysiert, um alle technischen Probleme zu diagnostizieren. Wir arbeiten mit Werner Sobek als strategischem Partner für den gebäudetechnischen Teil des Projekts zusammen, da viele der Gebäude energetische und infrastrukturelle Probleme aufweisen. Das erste Gebäude, das wir renovieren werden, ist das bereits erwähnte ehemalige Staatliche Kunstmuseum, das nicht länger ein Kunstmuseum sein wird. Wir erwägen, es einem Design- oder Architekturarchiv zu widmen, möglicherweise als Museum oder Forschungszentrum. Da es in Taschkent ein bedeutendes Erbe aus dieser Zeit gibt, könnte die Geschichte der Sowjetmoderne ein besonderer Schwerpunkt werden. Ein weiteres Gebäude, an dem wir arbeiten, ist das ehemalige Inturist-Zentrum, das ehemalige republikanische Haus des Tourismus. Das 1986 fertiggestellte Gebäude ist ein Paradebeispiel für die Spätmoderne und bekannt für seine wohlproportionierte Struktur sowie seine außergewöhnliche volumetrische Komposition. Ursprünglich sollte es für Bildungsaktivitäten genutzt werden, als Kommunikationszentrum für Touristen dienen und internationale Filmfestivals beherbergen. Mit dem Schwerpunkt auf Unterhaltung und Bildung bot das Gebäude einen großzügigen Saal mit 600 Plätzen für Konzerte und Filmvorführungen, ein großes Foyer mit einem Café und einer skulpturalen Treppe sowie einen reizvollen Innenhof mit einem Springbrunnen. Wir arbeiten mit Ekaterina Golovatyuk vom Mailänder Studio GRACE zusammen, der Projektarchitektin für Rem Koolhaas’ Umgestaltung des Garage-Kulturzentrums in Moskau vor zehn Jahren. Nach dem Eingriff wird das Gebäude so umgestaltet, dass es Kultureinrichtungen, darunter auch die Büros unserer Stiftung, beherbergen wird. Unser Ziel ist es, den kommerziellen Sektor zu unterstützen und gleichzeitig unsere eigenen Projekte zu verfolgen.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2024.