Lange galten die Ursprünge der Städtepartnerschaften als verstaubte Historie. Dieser Beitrag will zeigen, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Städtepartnerschaften sind aktueller und wichtiger denn je.
Aber von Beginn an. Besonders mit Städten in Frankreich, Polen und Großbritannien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Partnerschaften geschlossen. Die Aussöhnung und Freundschaft ehemaliger Feinde in einem friedlichen Europa sollte gefördert werden. Und genau darum geht es mittlerweile wieder: um die Wiederherstellung und den Erhalt des Friedens in Europa und auf der ganzen Welt.
Auch die Stadt Mannheim ist mit der Begründung von Städtepartnerschaften mit dem südfranzösischen Toulon und dem walisischen Swansea in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts den klassischen Weg gegangen. Verbindungen nach Polen gab es bereits in den 1980er Jahren, bis schließlich 1991 die Partnerschaft mit der Stadt Bydgoszcz in Zentralpolen unterschrieben wurde. Sie ist jedoch nicht die erste Partnerschaft in einem osteuropäischen Land. Eine der ältesten Partnerschaften besteht mit der Hauptstadt der Republik Moldau, Chişinău. Diese heute geostrategisch wichtige Region war lange Zeit eine vernachlässigte »Grauzone« auf den Landkarten Europas. Für Mannheim ist die Hauptstadt des südosteuropäischen Landes mit ihren breiten Boulevards und großen Parkanlagen schon lange eine »alte Bekannte«. Mannheim ist bereits seit 1989 mit ihr »verpartnert«. Und wie das so ist, wenn man jemanden kennt, der einen kennt: Chişinău wiederum unterhält eine Partnerschaft mit Czernowitz. Nur 300 Kilometer trennen Chişinău von der ukrainischen Stadt, die gleichzeitig nur einen Katzensprung von der rumänischen Grenze entfernt liegt. Ab 2015 entwickelte sich so eine trilaterale Projektpartnerschaft auf der Achse Deutschland – Moldau – Ukraine. Etwa mit einem großen Projekt zur Neugestaltung öffentlicher Räume oder auch bei der Zusammenarbeit in der Bewältigung der Corona-Pandemie. Aber damit nicht genug. Mit der litauischen Partnerstadt Klaipeda hat Mannheim ebenfalls eine strukturelle Verbindung zu Osteuropa von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine 2022 haben die Verbindungen der Stadt Mannheim mit ihren osteuropäischen Partnern eine gänzlich neue Wichtigkeit erhalten. Mannheim entschloss sich, eine Solidaritätspartnerschaft mit Czernowitz einzugehen und umfangreiche humanitäre Hilfe zu leisten. Bereits kurz nach Kriegsbeginn verabschiedete der Mannheimer Gemeinderat eine finanzielle Unterstützung von insgesamt einer Million Euro – nicht nur für das ukrainische Czernowitz, sondern auch für das moldawische Chişinău und das polnische Bydgoszcz. Alle drei Städte hatten und haben die Versorgung von Zehntausenden ukrainischen Geflüchteten zu bewerkstelligen. Im Jahr 2024 hat die Stadt Mannheim u. a. den Aufbau eines Reha-Zentrums u. a. für Kriegsversehrte in Czernowitz unterstützt. Das Großprojekt verfolgte einen ganzheitlichen und nachhaltigen Hilfsansatz. Zum einen wurden hochwertige robotikgestützte Reha-Geräte beschafft und nach Czernowitz transportiert, zum anderen für Schulungen und Expertenaustausch von Czernowitzer Ärzten, Physiotherapeuten und psychologischen Fachkräften mit Institutionen in Mannheim und Heidelberg gesorgt. Beteiligt waren zahlreiche Einrichtungen wie die Universitätskliniken Mannheim und Heidelberg, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) und das ZAR-Rehazentrum in Mannheim sowie die Schmieder Kliniken in Heidelberg. Für das Engagement rund um Czernowitz und Chişinău ist die Stadt Mannheim im Februar 2025 mit dem kommunalpolitischen Goerdeler-Preis in Leipzig ausgezeichnet worden. Ausruhen wird man sich auf den Lorbeeren aber nicht: Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht hat im Mai 2025 Chişinăus Bürgermeister in Mannheim empfangen, um die Weichen für die weitere Zusammenarbeit zu stellen. Mit dem Czernowitzer Amtskollegen traf er im Juni 2025 sodann auf der deutsch-ukrainischen Städtepartnerschaftskonferenz zusammen, um eine gemeinsame Strategie für den Wiederaufbau in der Ukraine voranzutreiben.
Der Krieg ist nach drei Jahren weiterhin bittere Realität im Alltagsgeschäft der Mannheimer Partnerschaften. Mannheim arbeitet mit Nachdruck daran, diesen Krieg trotzdem nicht zur Gewohnheitssache werden zu lassen. Deshalb wurden im August 2025 Czernowitzer Schülerinnen und Schüler zu einem Feriencamp eingeladen, um einen »Sommer ohne Krieg« erleben zu können. Junge Menschen für ihre Partnerstadt und für den europäischen Gedanken zu begeistern, ist die beste Investition in eine friedliche Zukunft. Die traurige Wahrheit ist aber auch: Diplomatisches Krisenmanagement steht in Mannheim mittlerweile auf der Tagesordnung. Die israelische Partnerstadt Haifa stand unter direktem Beschuss durch den Iran im Nahostkonflikt, die Partner im Istanbuler Bezirk Beyoğlu stehen unter enormem Druck, seit im März regelmäßig oppositionelle Bürgermeister in der Türkei festgenommen werden und die einzige »Freundschaftsstadt« Mannheims, El Viejo in Nicaragua, hat mit einem Regime zu kämpfen, das bürgerliche Proteste blutig niederschlägt. Und nicht zuletzt stehen im Bereich der Städtediplomatie auch noch die großen Fragen im Raum: Wie gestaltet man die Zusammenarbeit mit den USA? Wie mit China?
In der Zusammenarbeit mit Städtepartnern wird die heutige Fragilität des globalen Friedens ganz nah erlebbar. Doch genau in diesen herausfordernden Zeiten ist die internationale Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene ein wertvolles Werkzeug, das die deutsche Außenpolitik verstärkt nutzen könnte. Vor Ort in den Austausch gehen, strategische Projekte umsetzen, Menschen in den Dialog bringen – und diesen Dialog halten, wenn dieser auf anderen Ebenen schon nicht mehr möglich ist. Mannheim und seine Stadtgesellschaft setzen sich hierfür weiter unermüdlich ein.