Armenien steht gerade nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Die ehemalige Sowjetrepublik mit knapp 3 Millionen Einwohnern liegt in der gebirgigen Kaukasusregion zwischen Asien und Europa und ist aus den Medien meist im Zusammenhang mit dem Konflikt mit Aserbaidschan um Bergkarabach bekannt. Die Hauptstadt Eriwan kennen einige vielleicht noch von den »Radio Eriwan«-Witzen der Sowjetzeit, die mit beißender Ironie auf die Missstände und Propaganda der Sowjetunion aufmerksam machten. »Radio Eriwan« war ein fiktiver Radiosender, der angeblich die Fragen der Hörerinnen beantwortete, nach immer gleichem Muster. Hörerfrage: »Gibt es in der Sowjetunion eine Presse-Zensur?« Radio Eriwan: »Im Prinzip nein. Es ist uns aber leider nicht möglich, auf diese Frage näher einzugehen.« Diese Witze verbreiteten sich ab den 1960er Jahren in Deutschland rasant und machten auf die politische Situation des Landes aufmerksam – heute würde man sagen, sie gingen viral. Schon damals fand Armenien eigene kulturelle Wege, um sich gegen Propaganda zu wehren und Verbindungen in die Welt zu knüpfen – mit den Mitteln des Humors. Auch heute hat das Land eine vielfältige kulturelle Szene, die international vernetzt ist – und das ist ein wichtiger Motor für Vielfalt und Offenheit einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet. Das Land erwägt, den EU-Beitrittsprozess zu starten und setzt sich für eine stärkere Kooperation ein – auch vor dem Hintergrund wachsender Spannungen mit Russland. In dieser Situation, im März 2025, durfte ich zusammen mit Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in der Hauptstadt Eriwan ein neues Goethe-Institut eröffnen. Warum? Und was hat das mit den Zielen und Wirkungsweisen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) zu tun?

Die Region des Südkaukasus mit Armenien, Aserbaidschan und Georgien grenzt an Russland, die Türkei und Iran. Und damit sind wir mitten im Brennpunkt vieler aktueller Konflikte und kriegerischer Auseinandersetzung. Die Region ist geprägt von der Post-Sowjet-Zeit, und die Gesellschaften sind im Umbruch: Orientieren sie sich in Richtung Europa, wie es zunächst in Georgien aussah? Oder setzen sich autoritäre Tendenzen durch wie in Aserbaidschan? Oftmals sind die Gesellschaften gespalten, wie es die Wahlergebnisse in Georgien, aber auch in der Republik Moldau zeigten, wo eine hauchdünne Mehrheit jeweils den Ausschlag gab – in Georgien gegen einen pro-westlichen Kurs (und die Wahlergebnisse wurden von mehreren Instituten angezweifelt), in der Republik Moldau dafür. Auch Armeniens Streben in die Europäische Union ist ein fragiler Prozess, denn viele Bürger haben Zweifel, ob die alte Schutzmacht Russland nicht doch die bessere Lösung wäre. Früher war doch alles besser, denken einige. Und genau hier setzt die AKBP an.

Bei einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut in Eriwan sagte Tigran Amiryan vom Cultural and Social Narratives Lab, dass Armenien die Soft Power von Kunst und Kultur gerade jetzt braucht, um Perspektiven einer freiheitlichen Gesellschaft zu öffnen und so Wege nach Europa aufzuzeigen. »Radio Eriwan« war nur ein Beispiel für eine solche Soft Power, die sich als untergründige Opposition formierte – denn bis heute ist unklar, wer eigentlich die Urheberinnen waren. Eine solche Soft Power ist auch heute so wichtig – in einer Zeit, in der in Europa selbst die Demokratie durch Rechtspopulismus unter Druck gerät, in der sich die Migrationsdebatte verschärft und wir neue Narrative für ein starkes und geeintes Europa brauchen. Daher profitieren wir in Europa genauso von diesen Perspektiven von Ländern im Umbruch, die neue Impulse für die Demokratie einbringen, ja, sie mit uns gemeinsam setzen können.

Das Zusammenspiel von Kunst, Kultur und Demokratie muss erlebbar werden. Konkret heißt das zum Beispiel: Das Cultural und Social Narratives Lab in Eriwan setzt sich dafür ein, zivilgesellschaftliches Engagement für Demokratie zu fördern und Erinnerungsarbeit zu den Konflikten in der Region zu ermöglichen, um alte Wunden zu heilen und Sprachlosigkeit zu überbrücken, etwa zwischen den Menschen in Armenien und Aserbaidschan. Das Gorki Theater unter Leitung von Shermin Langhoff hat zusammen mit armenischen Künstlerinnen das Programm »100+10 – Armenien Allegories« in Berlin kuratiert, in dem es um den Völkermord an den Armeniern geht, der sich zum 110. Mal jährt. Mit Film und Theater, Lesungen und einer Ausstellung ging es nicht nur um historische Perspektiven, sondern auch um die jüngste Vertreibung und Flucht von Armenierinnen aus Bergkarabach im Jahr 2023 – 120.000 Menschen mussten fliehen. Es geht darum, hinzuschauen, nicht zu resignieren, und mit den Mitteln der Kunst die Erfahrungen von Gewalt, Schuld und Macht aufzuarbeiten. So entstehen Verbindungen zwischen Deutschland und Armenien, die gerade jetzt so wichtig sind.

Das neue Goethe-Institut in Eriwan setzt darüber hinaus einen Schwerpunkt auf das »Green Armenia« Programm, eine Nachhaltigkeitsinitiative gemeinsam mit anderen europäischen Kulturinstitutionen zu Ökologie und Stadtentwicklung. Darüber hinaus wurden literarisch in den »Geschichten vom Schwarzen Meer« in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin Einblicke in das Leben vor Ort gewährt, in die Umbrüche, die Geschichte, die Konflikte, aber auch in die Augenblicke des Alltags.

Dieser Ausschnitt aus unserer Arbeit am Goethe-Institut zeigt für mich sehr deutlich, mit welchen Mitteln wir eine sanfte Diplomatie betreiben können, die auf Vertrauen beruht, auf Augenhöhe mit unseren Partnern agiert und nachhaltig wirkt. Die AKBP kann hier vor Ort entscheidend dafür sein, ob eine europäische Perspektive die Menschen überzeugt, ob die Verbindungen halten und intensiviert werden können, ob sich eine freie und offene Gesellschaft durchsetzen kann. AKBP bedeutet damit auch, mit unserem Netzwerk dort physisch präsent zu sein, wo sich Gesellschaften im Wandel befinden und die Demokratie eine Chance hat. Es bedeutet, die Freiheit von Kunst und Kultur als Grundpfeiler einer offenen Gesellschaft zu fördern. Es bedeutet, über Sprache Verständnis und Verständigung zu fördern und Informationen bereitzustellen, die eine unabhängige Meinungsbildung unterstützen, Möglichkeitsräume aufzuzeigen und uns gegen Fake News und Propaganda einzusetzen. Auch das ist Teil einer sicherheitspolitischen Agenda, die wir unterstützen. Dafür haben wir in den vergangenen fast 75 Jahren ein starkes Netzwerk mit 150 Instituten in 99 Ländern aufgebaut, das bis heute für Sicherheit und Verständigung sorgt. Dabei ist die Langfristigkeit der Netzwerke vor Ort entscheidend – in Georgien etwa sind wir seit über 30 Jahren vertreten, in Thessaloniki bereits seit 70 Jahren. Diese Netzwerke sind auch in Krisenzeiten tragfähig und stärken die Resilienz der Gesellschaften vor Ort. Die Institute sind Anlaufstellen für Sprachlernende und damit eine Brücke nach Deutschland, die auf gegenseitigem Verständnis begründet ist. Gleichzeitig kommen so Menschen als Fachkräfte nach Deutschland, die unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft dringend braucht, und die zur Vielfalt unserer Gesellschaft beitragen. Auch kritische Diskurse werden in unseren Instituten geführt – etwa zur Haltung Deutschlands gegenüber Israel, die in vielen Ländern kritisiert wird. Hier ist der Ort und hier sind die Menschen, die die deutsche Haltung erläutern können, aber auch in ihren Realitäten in der deutschen Gesellschaft darstellen können – denn zu unserer Meinungsfreiheit gehören auch die Proteste und der öffentliche Diskurs, der nicht immer einfach ist. Wir machen da weiter, wo die Mittel der klassischen Diplomatie nicht mehr greifen. Dabei geht es nicht um eine »Vermittlung« oder gar »Verteidigung« von Werten – Demokratie ist keine Wagenburg – sondern darum, dass auf der Grundlage einer offenen Gesellschaft diese Werte immer wieder erneuert, gelernt und gelebt werden. Es ist eine reflexive Praxis der Gegenseitigkeit und keine Mission, für die wir als Goethe-Institut stehen. Empathie, Respekt und Toleranz tragen dabei zur Konfliktprävention bei. Denn auch die Möglichkeit des Anderen gilt es zu begreifen, im Rahmen der Meinungsfreiheit zu tolerieren und demokratisch auszuhandeln – in den Grenzen, die unsere Verfassung und unsere Überzeugung setzen.

Unsere physische Präsenz allein stößt jedoch an ihre Grenzen. Erhöhter Kostendruck und sinkende Budgets sind hier eine große Herausforderung. Dabei ist es das Ziel, unsere Reichweite zu erhöhen, auch Menschen außerhalb der Metropolen zu erreichen und Zielgruppen anzusprechen, mit denen wir bisher nicht in Kontakt gekommen sind. Hierzu leistet auch die digitale AKBP ihren Beitrag. In den sozialen Netzwerken hat das Goethe-Institut knapp 7 Millionen Follower – durch ein dezentrales Netzwerk der Institute in der ganzen Welt, die jeweils ihre lokalen Communities erreichen. Diese lokale Verankerung, die Ansprache der jeweiligen Zielgruppen je nach Kontext, Kultur und relevanten Themen, ist ein alltäglicher, direkter Draht in die Gesellschaft. Diese niedrigschwellige Ansprache spielt eine wichtige Rolle in unserer Arbeit, um in Kontakt zu bleiben, Bilder von Deutschland zu vermitteln, Themen zu adressieren und auf unsere Angebote aufmerksam zu machen. Gerade jüngere Zielgruppen erreichen wir auf diese Weise. Der Kampf gegen Fake News ist hier ein zentraler Fokus, da Desinformation eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt bedeutet. Gegennarrative, unabhängige und geprüfte Fakten sind dringend notwendig, um eine freie Meinungsbildung zu ermöglichen – die die Grundlage der Demokratie ist. Für Armenien braucht es vielleicht ein neues »Radio Eriwan«, das mit den Mitteln der Ironie gegen Fake News und Propaganda agiert – wie damals. Hörerfrage: »Gibt es einen spezifisch armenischen Humor?« Radio Eriwan: »Im Prinzip ja. Und wir haben ihn auch bitter nötig!«

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.