Das Goethe-Institut gehörte 2006 zu den sechs Gründungsmitgliedern von EUNIC, dem Netzwerk der »European National Institutes for Culture«. Welche Motivation steckte damals hinter der Etablierung des Netzwerkes?
Johannes Ebert: Das oberste Ziel der Gründungsmitglieder war es, die europäische Integration voranzutreiben. Kultur und kultureller Austausch spielen hierbei eine sehr wichtige Rolle. Darüber hinaus wollten wir bestehende Kräfte bündeln, gemeinsam europäische Kulturprojekte auf der ganzen Welt realisieren, voneinander lernen und für die hohe Bedeutung unserer Arbeit werben, auch auf Ebene der europäischen Politik.
Mittlerweile hat EUNIC 39 Mitglieder, darunter Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in einer so diversen Gruppe?
In EUNIC zeigt sich die ganze Vielfalt der europäischen Kulturpolitik: Manche Mitglieder sind direkt mit ihren Kultur- oder Außenministerien verbunden. Andere haben kein eigenes Netzwerk im Ausland und wickeln ihre Arbeit über die Botschaften ab. In vielen Ländern wie Deutschland, Großbritannien oder Litauen wird die Auswärtige Kulturpolitik nach dem Mittlerprinzip umgesetzt: Eigenständige Organisationen übernehmen diese Aufgabe im Auftrag ihrer Ministerien.
Entscheidend für den Zusammenhalt ist, dass alle Mitglieder die Überzeugung teilen, dass kulturelle Kooperation und ein offener Kulturaustausch, ausgerichtet an freiheitlichen Werten, essenziell für den Erfolg des europäischen Projekts sind. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist eine stabile Governance mit Vollversammlung, Präsidium und einer aktiven Geschäftsstelle in Brüssel. Das Herzstück von EUNIC sind die Cluster an derzeit 143 Standorten, an denen nationale Kulturinstitute gemeinsam europäische Projekte umsetzen. Bei allem gilt: Niemand muss bei jedem Projekt mitmachen – ein EUNIC-Projekt entsteht, sobald mindestens drei Mitglieder beteiligt sind. Das lässt innerhalb des europäischen Rahmens von EUNIC Raum für länderspezifische Schwerpunktsetzungen und Strategien.
Sie waren von 2021 bis 2025 im Präsidium von EUNIC Global aktiv, von Sommer 2022 bis Sommer 2023 als dessen Präsident. Was war Ihnen in dieser Zeit besonders wichtig? Und was kann das Goethe-Institut von seinen EUNIC-Partnern mit Blick auf die eigene Arbeit lernen?
Das Jahr meiner Präsidentschaft fiel mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine zusammen. Das hat uns sehr beschäftigt, und mir war es wichtig, dass wir das auch strukturell abbilden. Deshalb haben wir das Ukrainische Kulturinstitut als assoziiertes Mitglied aufgenommen. Thematisch haben wir uns in dem Jahr vor allem mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz beschäftigt, unter anderem mit der Initiierung des »Climate Culture(s) Creative Labs«. Außerdem habe ich als Präsident von EUNIC intensiv bei den Brüsseler Institutionen für die Bedeutung des europäischen Kulturaustausches geworben. Und – das betrifft die innere Organisation – es ist mir gelungen, die Mitglieder von einer Erhöhung ihrer finanziellen Beiträge für EUNIC zu überzeugen.
Was das Goethe-Institut lernen kann? Sehr viel. Denn das Netzwerk dient einem ständigen Wissenstransfer und Wissensaustausch. Es gibt gemeinsame Workshops zu wichtigen Themen wie Nachhaltigkeit, Evaluation oder auch zu aktuellen geopolitischen Veränderungen. Im Rahmen des EUNIC Mobility Schemes können sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei europäischen Partnerorganisationen fortbilden. Das alles vermittelt eine europäische Perspektive, die für alle Mitglieder sehr wichtig ist.
Nationale Kulturpolitiken und zunehmende nationalistische Tendenzen scheinen eine transnationale europäische Zusammenarbeit derzeit eher zu erschweren. Wo sehen Sie zukünftig relevante Handlungs- und Themenfelder für das EUNIC-Netzwerk – in der Welt, aber auch mit Blick auf die EU?
EUNIC war, ist und bleibt relevant für die Stärkung von Demokratie, Vielfalt und sozialem Zusammenhalt in Europa und darüber hinaus. In einer Zeit, in der auf politischer Ebene tatsächlich an manchen Orte nationale Interessen wieder stärker in den Vordergrund treten, bietet dieses Netzwerk die Chance, jenseits des tagespolitischen Geschäftes die langfristige europäische Zusammenarbeit und das Gemeinsame zu betonen. Angesichts von Budgetkürzungen und einer stärkeren Instrumentalisierung des Kulturaustausches in vielen Ländern wird die europäische Kooperation noch wichtiger. Mit EUNIC können wir weiterhin gemeinsam Projekte verwirklichen und uns mit starker Stimme für den Wert freiheitlicher Kultur und einen offenen kulturellen Austausch einsetzen.
Es ist sehr wichtig, dass EUNIC seine Erfahrungen und sein immenses Wissen über globale kulturelle Szenen und Herausforderungen in den neuen Strategierahmen für das kulturelle Engagement der EU einfließen lässt. Ein Lichtstreifen am Horizont ist die Tatsache, dass der neue mehrjährige Finanzrahmenplan der EU-Kommission eine Erhöhung des Budgets für Kunst und Kultur vorsieht. Hier ist jetzt die Unterstützung der nationalen Regierungen gefragt. Denn Kultur und kultureller Austausch sind wichtig für das Ansehen Europas, für dessen Zusammenhalt, Sicherheit und Wohlstand.