Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) wird als Verein von den deutschen Hochschulen und Studierendenschaften getragen. Seit seiner Gründung im Jahr 1925 hat der DAAD mehr als 2,9 Millionen junge Akademikerinnen und Akademiker im In- und Ausland gefördert. Der Präsident des DAAD Joybrato Mukherjee spricht mit Sandra Winzer über Aufgaben und Ziele.

 

Sandra Winzer: Herr Mukherjee, in Ihrer Rolle als Rektor der Universität zu Köln und als DAAD-Präsident stehen Sie für Hochschul- und Außenpolitik. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Globalität und Lokalität?

Joybrato Mukherjee: Beides lässt sich gut miteinander verbinden. Eine Universität ist immer lokal in ihrer Stadt beheimatet, aber auch international vernetzt. Beim DAAD ist es ähnlich: Wir sind in über 60 Ländern präsent und pflegen ein großes Außennetzwerk für die Internationalisierung der Hochschulen mit Stipendien und Projektförderungen. Als deutsche Organisation aber sind wir ebenso in der Bundesstadt Bonn verankert, pflegen die Beziehungen zur Uni Bonn oder zum UN-Campus. Das Globale und das Lokale sind in der Wissenschaft immer verknüpft.

 

Welche Regionen sehen Sie als Zukunftsräume internationaler Bildungskooperationen? Verändert sich die Zusammenarbeit mit Partnerländern, in denen die Wissenschaftsfreiheit bedroht ist – vor allem mit Blick auf die USA?

Die USA sind aufgrund der politischen Agenda der aktuellen US-Regierung ein herausfordernder Partner. Dennoch bleiben sie für uns wichtig; sie sind Innovationstreiber in der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung und beheimaten das größte Wissenschaftssystem der Welt. Wir wollen die Beziehung zu US-Hochschulen in der aktuellen Phase pflegen und vor Ort Präsenz zeigen. Daneben müssen wir einen Weg finden, wie wir China-Kompetenzen aufbauen und mit China kooperieren, ohne unsere Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen. Abschotten wollen und können wir uns nicht.

Indien, als mittlerweile bevölkerungsreichster Staat der Welt, ist ein weiterer wichtiger Partner. Vor Ort spürt man den Optimismus der letzten Jahre und den ökonomischen Fortschritt. Für das Land ist es schwierig, alle Menschen an der Wohlstandsentwicklung partizipieren zu lassen, aber es gibt eine rechtsstaatliche Ordnung, die auf den gleichen Werten wie die unsrige basiert. Außerdem werden wir die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern trotz aller innenpolitischen Herausforderungen intensivieren müssen. Eine erfolgreiche Entwicklung dort ist in unserem Interesse – Migrationsdruck und Fluchtursachenbekämpfung seien hier beispielhaft genannt.

 

Was erhoffen Sie sich von einer intensiveren Beziehung zu den USA?

Denken wir an unsere hundertjährige Geschichte: 1925 startete der DAAD auf der Basis von 13 Stipendien, finanziert durch die US-amerikanische Seite. In der aktuellen schwierigen Phase möchten wir nicht den Eindruck erwecken, dass Universitäten wie Harvard oder Princeton auf eine Art Exil-Campus umziehen könnten. Wir müssen Einrichtungen, die eine wichtige Funktion in der Wissenschaft haben, stützen – gerade jetzt. An der Universität zu Köln tun wir das etwa mit der Columbia University. Gleichzeitig müssen wir für einzelne Studierende, Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Promovierende die Möglichkeit schaffen, ihre Forschung bei uns fortzusetzen, wenn sie es in den USA nicht tun können. Jeder und jede muss prüfen, ob er oder sie die aktuelle Karrierephase in den USA verbringen möchte. Früher wäre das bei den Top-Talenten der Welt normal gewesen. Viele orientieren sich nun um und blicken für den nächsten Karriereschritt auf andere Regionen – Europa und Deutschland rücken verstärkt in den Fokus. Auf der einen Seite müssen wir also Möglichkeiten für Forschung schaffen – auf der anderen Seite aber auch die Beziehungen festigen. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass es in den nächsten Jahren wieder eine veränderte Entwicklung in den USA geben wird.

 

Wie stellen Sie sich auf die Herausforderungen der KI und der digitalen Bildung ein?

Als die physische Präsenz während der Coronapandemie eingeschränkt war, haben wir direkt digitale Formate aufgelegt. Wir können auf diese Weise auch den CO2-Fußabdruck der internationalen Mobilität reduzieren. Unser Geschäft ist reiseintensiv. Nehmen wir die Klimaneutralitäts-Ziele ernst, müssen wir sorgfältig abwägen, wo wir auf physische Präsenz und wo auf digitalen Austausch setzen. Dazu haben wir ein Empfehlungspapier veröffentlicht. In Bezug auf KI haben wir mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt die Konrad-Zuse-Schools gegründet. Die Verbünde werden von drei führenden Technischen Universitäten geleitet: TU Darmstadt, TU Dresden und TU München. Wir holen mit diesen Schools internationale Studierende und Promovierende nach Deutschland, die bei KI innerhalb und außerhalb der Wissenschaft die Entwicklung vorantreiben.

 

Welche Positiv-Beispiele gibt es zum CO2-Fußabdruck?

Im Rahmen unseres »Green Deal« fördern wir klimaverträgliches Reiseverhalten von Erasmus-Studierenden. Entscheiden sich Personen etwa, eine Zugverbindung in ihr Partnerland zu wählen, gibt es dafür ein Top-Up. Wir empfehlen außerdem, in etablierten Netzwerken, in denen sich Partnerinnen und Partner bereits gut kennen, digitale Formate stärker zu nutzen. Für einen sechsstündigen Austausch muss man dann keinen Interkontinental-Flug antreten, die Besprechung lässt sich auch gut digital abhalten.

 

Inwiefern sollte die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik auch als Teil einer aktiven Außenpolitik gegen Desinformation und Populismus verstanden werden?

Durch akademischen Austausch können wir gegen Desinformationstendenzen vorgehen. Gute Wissenschaft arbeitet weltweit nach den gleichen Spielregeln. Mit gemeinsamer Arbeit an Projekten können wir einen Beitrag dazu leisten, grenzüberschreitend resilienter gegen Populismus zu werden. Wir brauchen nicht nur »like-minded states«, sondern vor allem »like-minded people«.

 

Könnte der DAAD künftig stärker auch als Mediator in Krisenzeiten wirken?

»Mediator« ist ein großer Begriff, aber unsere Präsenz in 60 Ländern wirkt sicherlich stabilisierend. Wir leisten einen Beitrag zu dem, was der neue Bundesaußenminister als »Gesprächsfähigkeit« bezeichnet hat. Der internationale Austausch ist ein wesentliches Handlungsfeld in Krisenzeiten. Auf zweiter Ebene leuchtet unsere Mediatoren-Rolle in Konfliktländern auf. Dort, wo die politische Ordnung durch Bürgerkriege zusammenbricht, z. B. in Syrien, können Programme wie »Leadership for Syria« mit Geldern der Bundesregierung aufbauend unterstützen – für eine Zeit nach dem Bürgerkrieg. Wir können als DAAD also durchaus einen Beitrag zur Bewältigung von Krisen und Konflikten leisten.

 

Was motiviert Sie, auch weiterhin beide Ämter – an der Universität und im DAAD – auszuüben?

Die Rolle des Rektors der Universität ist mein Hauptamt, dafür werde ich schließlich auch bezahlt. Mein Amt beim DAAD übe ich ehrenamtlich aus. Dieses Ehrenamt ist für das Wissenschaftssystem insgesamt wichtig – gerade in Zeiten geopolitischer Turbulenzen. Ich bin stolz darauf, bei der Wiederwahl einstimmig das Vertrauen der Mitglieder bekommen zu haben. Wir müssen aktuell noch stärker als bisher darauf achten, dass wir international austauschfähig bleiben. Und natürlich ist es auch so, dass die Dinge, die ich für den DAAD tue, sehr wertvoll sind für meine Tätigkeit an der Universität.

 

Was wünschen Sie sich als DAAD-Präsident für die Zukunft?

Wir brauchen auch künftig ein parteiübergreifendes Vertrauen in unsere Arbeit. Das spüre ich im Bundestag, außer bei einer Fraktion. Deutschland betreibt mit dem DAAD keinen »folkloristischen Firlefanz« – akademischer Austausch ist zentraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Die Finanzierung bleibt für uns weiterhin wichtig, und wir haben die Bringschuld, immer wieder sinnvolle Programme zu entwickeln. Ich habe den Eindruck, dass all unsere Partnerinnen und Partner – in Deutschland und international – den DAAD wertschätzen. Sofern diese drei Säulen – Vertrauen, Geld und Wertschätzung – weiter bestehen, mache ich mir um die Zukunft des DAAD keine Sorgen.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.