Gottesdienste, Seelsorge und soziales Engagement sind auch in deutschsprachigen Gemeinden im Ausland das »Kerngeschäft« von Kirche. Doch diese Gemeinden sind noch viel mehr: Sie sind verlässlich zugängliche und einladende Orte für persönliche Begegnungen zwischen den Kulturen, Konfessionen und Religionen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vermittelt deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer für einen befristeten Dienst in über 100 deutschsprachige oder mehrsprachige Kirchengemeinden weltweit. Diese Gemeinden sind fast alle rechtlich selbständig. Sie sind damit nicht »Niederlassungen«, sondern Vertragspartner der EKD. Manche gehören in ihrem Land einer einheimischen Kirche an. Andere sind mit solchen einheimischen Kirchen assoziiert oder existieren ganz unabhängig in einer Art Vereinsform. Die meisten Gemeinden bekommen zwar Zuschüsse aus Deutschland, müssen sich und ihr Personal aber zum großen Teil selbst finanzieren, zum Beispiel durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.
Die Geschichte deutschsprachiger evangelischer Gemeinden im Ausland geht bis in die Reformationszeit zurück, als sich deutsche Kaufleute in Venedig trafen, um Schriften Martin Luthers zu lesen. Erste formale Gemeindegründungen gab es im 16. Jahrhundert in Skandinavien (Stockholm 1571, Kopenhagen 1575), wo protestantische Monarchen sie protegierten. Im 17. Jahrhundert kamen weitere Gründungen an wichtigen Orten des Handels hinzu. Eine größere Zahl von Gemeinden entstand dann im 19. Jahrhundert mit der Internationalisierung von Handel und Politik, kolonialen »Erwerbungen« und wirtschaftlich motivierten Auswanderungswellen. In den letzten 100 Jahren entstanden Gemeinden im Zusammenhang der Flüchtlingswellen nach den beiden Weltkriegen, der Heiratsmigration, der Entwicklungszusammenarbeit und der wirtschaftlichen Globalisierung.
Je nach Ort und Geschichte sind deutschsprachige Gemeinden im Ausland ganz unterschiedlich zusammengesetzt. Viele klassische Auswanderergemeinden haben sich inzwischen in einheimische Kirchen integriert und pflegen das Deutsche, wenn überhaupt, nur noch in einer Nische. An einigen Orten versammeln sich in solchen Gemeinden deutsche Minderheiten, die schon seit Generationen im Land sind und oft eine wechselvolle Geschichte haben. Gemeinden an typischen Expat-Standorten sind hingegen von großer Fluktuation geprägt – die meisten Gemeindemitglieder bleiben dort nur zwei bis fünf Jahre. Hier spielt deutsche Folklore dann eine geringe Rolle – eher wird eine internationale »third culture« gepflegt. Binationale und mehrsprachige Familien bilden in vielen Gemeinden den festen Stamm und sorgen für die kulturelle Verankerung vor Ort. Ein Sonderfall sind die deutschsprachigen Tourismuspfarrämter, die sich besonders in Spanien um Deutsche kümmern, die dort temporär »überwintern« oder sonst ihren Urlaub verbringen.
Konzeptionell hat sich die Auslandsarbeit der EKD im 20. Jahrhundert stark gewandelt. Im 19. Jahrhundert standen die »Diaspora-Fürsorge« – also die Stärkung des evangelischen Bekenntnisses – und die Pflege des »deutschen Volkstums« im Vordergrund. Heute sieht die EKD die Gemeinden im Ausland als Brückenköpfe ihres weltweiten ökumenischen Netzwerkes. Dieses ist von gleichberechtigter Partnerschaft, interkulturellem Lernen und praktischer Zusammenarbeit geprägt. Entsprechend haben sich übrigens auch die meisten evangelischen Missionswerke und Hilfsorganisationen neu orientiert – wozu eine aktive Aufarbeitung von kolonialen Verflechtungen und Rassismus gehört. An manchen Orten sind das nach wie vor »heiße« Themen, die Gemeinden vor große Herausforderungen stellen.
Die EKD erwartet von den mit ihr verbundenen Gemeinden, dass sie ökumenische Beziehungen pflegen und sich sozialdiakonisch im jeweiligen Land engagieren – soweit das möglich ist. An manchen Orten – etwa Addis Abeba oder Kairo – geschieht das auch heute noch dadurch, dass Gemeinden Schulträger sind. An weit mehr Orten gehen deutsche Auslandsschulen auf die Gründung durch evangelische Gemeinden zurück, besonders im 19. Jahrhundert. Dort wo Gemeinden – nicht selten zentral gelegene – eigene Gebäude besitzen, sind diese oft wichtige Veranstaltungsorte für andere deutsche Kulturträger bzw. werden in entsprechende Kooperationen eingebracht.
Die mit der EKD verbundenen Gemeinden stehen mit ihrem Bildungs-, Kultur- und Seelsorgeangebot nicht nur Mitgliedern offen, sondern richten sich an alle Interessierten. Mit ihrer Offenheit und ihrem kulturverbindenden Engagement »exportieren« sie auch ein bestimmtes Verständnis von Religion und gelebtem Glauben, das nicht überall selbstverständlich ist. Dazu gehört auch ein starkes partizipatives Element, denn es sind vor allem Ehrenamtliche, die diese Gemeinden leiten und tragen. Zwar geht der kirchliche Traditionsabbruch in Deutschland auch an den Gemeinden im Ausland nicht spurlos vorüber. An vielen Orten sind sie aber nach wie vor ausgesprochen lebendig und haben eine starke Ausstrahlungskraft, die auch Menschen mit eher geringem Kirchenbezug zu beeindrucken vermag.