Als Nasir Nadeem im Jahr 2021 aus Afghanistan nach Deutschland floh, ließ er nicht nur seine Heimat, sondern auch seine berufliche Identität hinter sich. Er war Schriftsteller und Chefredakteur der unabhängigen Zeitung »Subhe« in Kabul. Was folgte, war ein radikaler Bruch mit seinem früheren Leben: Er erfuhr Fremdheit, er erlebte Diskriminierung – tiefe Desorientierung machte sich in ihm breit. Durch das Stipendium der Martin Roth-Initiative und die Zusammenarbeit mit PEN Berlin fand Nasir Nadeem nicht nur seine Stimme als Autor wieder, sondern auch zu einem neuen Selbstverständnis als Künstler im Exil. »Ich habe festgestellt, dass ich noch Gedanken und Ideen habe und eine Stimme, und dass es Zuhörer gibt«, sagt er heute. Diese Stimme nutzt er, um Brücken zu bauen – zwischen der afghanischen Diaspora und dem deutschen Kulturbetrieb. Sein heutiges Engagement reicht von eigenen Buchprojekten über persischsprachige Lyrikkurse bis zur digitalen Wiederbelebung einer afghanischen Tageszeitung. Nadeems Arbeit zeigt, wie kulturelle Produktion und demokratische Teilhabe auch im Exil möglich sind. Das ifa schafft dafür den Raum.

Mit dem Schutzprogramm Martin Roth-Initiative ermöglicht das ifa Kunst- und Kulturtätigen, deren Arbeit durch staatliche oder nicht-staatliche Akteure eingeschränkt wird, ihre Weiterarbeit. Mehr als 600 Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturtätige aus über 40 Ländern hat die Martin Roth-Initiative seit ihrer Gründung 2018 gefördert, in Zusammenarbeit mit über 100 Gastorganisationen in Deutschland und anderen Ländern. Am Beginn stand eine Einsicht aus den Austauschprogrammen des ifa: International werden gesellschaftliche und kulturelle Freiräume kleiner, vom ifa zuerst beobachtet im Austausch mit Geförderten aus Ländern wie der Türkei, Afghanistan und Syrien. Heute zeichnet sich ab, dass in immer mehr Ländern Menschen, die etwa künstlerisch oder journalistisch oder für die Einhaltung von Menschenrechten arbeiten, bedroht werden. Auf diese Entwicklungen müssen auch auswärtige Kulturbeziehungen eingehen, die freiheitliche und demokratische Werte mit unterstützen. So schuf das ifa ein flexibles Format: die Martin Roth-Initiative. Sie wird gemeinsam mit dem Goethe-Institut umgesetzt. Es ist mittlerweile eines der größten künstlerischen Schutzprogramme weltweit, das kontinuierlich an weitere Bedarfe angepasst wird. Zuletzt wurden in Kenia, Ägypten und in Myanmar Hubs aufgesetzt, in denen Kulturtätige aus besonders schwierigen Kontexten, wie dem Sudan, den palästinensischen Gebieten und Myanmar, regional, bedarfsgerecht und schnell unterstützt werden können.

 

Internationale Kulturpolitik in Krisenzeiten: Europäische Brücken bauen

Der Wandel, in dem sich die Welt derzeit befindet, schlägt sich nicht nur in geopolitischen Konflikten, vielfältigen Krisen und einer drohenden Abkehr von international vereinbarten Normen und Transformationszielen nieder. In einzelnen Staaten verändert er akut die Bedingungen für internationale Zusammenarbeit. Ein neues Gesetz in Georgien erschwert beispielsweise die Arbeit international tätiger Organisationen: Wenn internationale Fördermittel nur mit staatlicher Genehmigung empfangen werden dürfen und gar Sanktionen drohen, ist das ein Instrument zur Kontrolle und Einschüchterung und verengt die Möglichkeiten internationalen Austauschs. Förderungen des ifa für georgische Organisationen, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen, können nächstes Jahr wahrscheinlich nicht verlängert werden. Gleichwohl hat das ifa seit 2024 seine Beziehungen zu Partnern in Georgien gezielt gestärkt und wirkt über Kunstausstellungen weiterhin. Damit signalisiert das ifa der dortigen Zivilgesellschaft: Wir sind da, wir schlagen eine europäische Brücke.

Agilität ist in diesen Zeiten eine wichtige Ressource: Dort wirken, wo es besonders zentral ist, ist handlungsleitend für das ifa. Mit den tournierenden Kunstausstellungen verfügt das ifa über ein hochwertiges, flexibles Format, das es nun auch einsetzt, um seine Arbeit in den USA zu verstärken, insbesondere außerhalb von Washington, D. C. Denn zivilgesellschaftliche Freiräume und demokratische Prinzipien werden zunehmend auch in etablierten Demokratien bedroht. Das ifa kann an Beziehungen anknüpfen, die es seit den 1960er Jahren pflegt. Damals hat es in vielen Städten im Mittleren Westen oder dem Süden der USA, fernab der Metropolen, Ausstellungen gezeigt – zu Käthe Kollwitz zum Beispiel, zur documenta und zum Bauhaus. Das ifa ermöglicht so Dialog und Austausch, auch in Zeiten politischer Spannungen, und gemeinsame kritische Reflexion. Sie ergänzt klassische Mittel der außenpolitischen oder wirtschaftlichen Verständigung – gerade, wenn diese an ihre Grenzen geraten.

 

Komplexe Zeiten brauchen kreative Lösungen

Die gegenwärtige Krisenhaftigkeit der Welt zeigt sich auch in der zunehmenden »Versicherheitlichung« von Politik und Debatten: In einer Zeit, in der mit der »Triple-Transformation« in den Bereichen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Gesellschaft ohnehin große Aufgaben für europäische Regierungen anstehen, ist der Druck deutlich gewachsen, mehr Geld für Sicherheit und Verteidigung auszugeben und dafür gesellschaftlichen Rückhalt zu sichern. In einem Klima zunehmender Verunsicherung bekommen antidemokratische Kräfte wachsenden Rückhalt, Identitätsdiskurse wirken spaltend und erschweren wichtige gesellschaftliche Diskussionen. Grenzkontrollen haben sich im europäischen Binnenmarkt wieder ausgebreitet. Doch Herausforderungen wie Klimawandel oder Migration lassen sich nachhaltig nicht durch Abschottung lösen.

Vor diesem Hintergrund sind neue, vielschichtige Zugänge gefragt – die das ifa eröffnet und pflegt, indem es verschiedene Expertisen miteinander verbindet: Kunst und Forschung, Kultur und Politik, Information und Empowerment. Diese Interdisziplinarität, diese Verzahnung von analytischer Expertise, künstlerischer Praxis und zivilgesellschaftlicher Initiative ermöglicht dem ifa, auf komplexe Lagen mit differenzierten, wirkungsvollen und auch kreativen Antworten zu reagieren. Dabei greift das Institut auf umfassende Ressourcen zurück: ein internationales Netzwerk an Partnerinstitutionen, über 3.000 Alumni, Begleitung durch wissenschaftliche Studien und Forschungsbeiträge zur Wirksamkeit von Soft Power sowie langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Organisationen. Dort, wo künstlerische Freiheit, Meinungsäußerung und zivilgesellschaftliches Engagement gefährdet sind – in autoritär regierten Ländern ebenso wie in Kontexten von Krieg und Gewalt –bieten Stipendien, Schutz- und Austauschprogramme sowie gezielte Fördermaßnahmen des ifa sichere Räume für kreatives und kritisches Arbeiten – physisch, im Exil und zunehmend auch in digitalen Räumen.

 

Freiheit als Voraussetzung für Sicherheit

Eine leitende Maxime des ifa ist: Kunst braucht Freiheit – und Freiheit braucht Räume und Strukturen, die sie ermöglichen. Das ifa schafft diese Strukturen. Durch seine Programme ist es in über 100 Ländern aktiv. Diese Arbeit zur Förderung von Demokratie, die den Wirkungskreis der deutschen auswärtigen Kulturpolitik in mittelgroßen Städten und Peripherien erweitert, wird für gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein gemeinsames Europa jetzt noch wichtiger.

Das ifa fördert weltweit die Freiheit, indem es bedrohten Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern mit der Elisabeth-Selbert-Initiative Schutz und Raum zur beruflichen und persönlichen Entfaltung bietet. Kulturmanagerinnen und Redakteure unterstützen gesellschaftliches Engagement von Organisationen der deutschen Minderheiten im östlichen Europa und Zentralasien. Es stärkt die Stimmen von Journalistinnen und Reportern, die sich für Demokratie einsetzen und schafft mit mehrsprachigen Plattformen wie Qantara.de oder Kulturaustausch Räume für Perspektiven, die sonst wenig Gehör finden. Im Deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig, den das ifa als Kommissar verantwortet, werden gesellschaftliche Diskurse sichtbar: Über 600.000 Besuche und eine internationale Resonanz bis hin zur »New York Times« spiegeln die weltweite Relevanz und Wirkung des deutschen Biennale-Beitrags 2024.

 

Junge Menschen fördern und Zukunftsfähigkeit ermöglichen

In seiner weltweiten Arbeit kann das ifa auch positive Entwicklungen beobachten: Junge Menschen verstärken ihr Engagement für internationalen Austausch, für Demokratie, Menschenrechte, Klima und gesellschaftliche Teilhabe. Sie sind wichtige Partner für das ifa. Sie vernetzen sich zum Beispiel im internationalen Sommercamp für Jugendliche der deutschen Minderheiten und sind auch die Zielgruppe des CrossCulture Programms, dessen Bewerberzahlen von Jahr zu Jahr erheblich steigen. Diese Menschen treffen sich digital auf der eigens dafür eingerichteten Civil Society Plattform zum Austausch, zur Vernetzung und Entwicklung neuer Projekte und werden so zu Multiplikatoren.

Die fortschreitende Digitalisierung bietet Chancen für die Arbeit des ifa. Online-Angebote beziehen die Potenziale von KI klug ein, wie »Dreaming Beyond AI«, eine virtuelle Ausstellung, die sich kritisch mit dem Einfluss künstlicher Intelligenz auf Gesellschaften und künstlerische Produktion befasst. Forschungspublikationen des ifa zeigen Risiken und Chancen von KI-Anwendungen in den internationalen Kulturbeziehungen auf.

Die Nutzung digitaler Potenziale sind wichtige Schritte in der Arbeit des ifa. Doch das »In-die-Zukunft-Denken« muss noch weitergehen. Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche weltweit, in Europa und in Deutschland, befasst sich das Institut im Austausch mit seinen Gremien und Stakeholdern derzeit mit seiner zukünftigen Strategie.

Eine strategisch aufgestellte, internationale Kulturarbeit eröffnet Chancen und Handlungsräume für Zivilgesellschaft und Politik – gerade in Phasen, in denen Regierungsbeziehungen belastet sind. Mittlerorganisationen der deutschen Außenpolitik können Schlüsselrollen übernehmen – als Impulsgeber, Brückenbauer und Lernräume. Sie prägen zudem das Deutschlandbild mit, in einer Zeit, in der sich die Bundesrepublik international repositioniert und frühere Narrative, etwa das des »Made in Germany«, weniger tragen. Freiheit, Sicherheit und Wohlstand sind heute zentral. Die Unterstützung von Freiheit ist die Antwort des ifa auf die Entwicklungen in der Welt. Freiheit in Kunst, Journalismus, Wissenschaft, aber auch im Engagement für offene Gesellschaften und die Demokratie. Für diese Freiheiten setzt sich das ifa als deutsche Mittlerorganisation weltweit ein und ermöglicht Dialog und Verständigung.

Auch Nasir Nadeem hat diese Freiheit wieder errungen: »Das Stipendium der Martin Roth-Initiative und die Zusammenarbeit mit PEN Berlin haben mein Leben gerettet. Das Stipendium hat mich physisch, aber auch mental wiederbelebt.«

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.