Geboren 1973 in Düren als Kind indischer Einwanderer, ist Joybrato Mukherjee Rheinländer mit allem, was dazugehört: Er ist Mitglied beim Traditionskorps Altstädter Köln 1922, neben einer klassischen Musikausbildung pflegt er entsprechende karnevalistisch-musikalische Vorlieben, er versteht etwas vom rheinländischen »Leben und leben lassen« und er ist seiner Kölner Heimat sehr verbunden. Nur der Name passt auf den ersten Blick nicht ins Bild. Nähern wir uns daher dem DAAD-Präsidenten und Rektor der Universität zu Köln versuchsweise einmal etymologisch an: Joybrato Mukherjees Nachname ist die anglisierte Kurzform des ursprünglichen brahmanischen Sanskrit-Namens Mukhopadhyaya, der sich aus zwei altindischen Begriffen zusammensetzt: Mukhya bedeutet »Haupt«, »führend« oder »vorstehend« und Upadhyaya bedeutet »Lehrer« oder »Gelehrter«. Vereinfacht lässt sich der Name als »Oberster Lehrer« übersetzen. Historisch wurde dieser Titel ehrenhalber an vedische Gelehrte und Priester verliehen – heute ist es ein sehr gebräuchlicher Name in Indien, wie es bei Wikipedia heißt.
Tatsächlich ist Mukherjee seit vielen Jahren in führenden Positionen der akademischen Welt tätig – unter anderem als Präsident der Universität Gießen, als Rektor der Universität zu Köln und eben als Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Neben ausgeprägten Führungsqualitäten besitzt er auch eine große Leidenschaft für das pädagogische Tun: »Es war seit jeher mein Traumberuf, Lehrer zu werden. Genauer gesagt: Nachdem ich mich im letzten Moment gegen die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule entschied, auf die ich mich jahrelang vorbereitet hatte, ergriff ich meinen zweiten Traumjob: Ich studierte Lehramt für Englisch und Biologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.«
Danach ging es zügig weiter: Nach dem Vorbereitungsdienst am Gymnasium legte Mukherjee 1999 das Zweite Staatsexamen ab. Es folgte ein Promotionsstudium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Hauptfach Englische Philologie und den Nebenfächern Genetik und Erziehungswissenschaft. An der Bonner Universität habilitierte er sich und erhielt 2003 die Venia legendi für das Fach Englische Philologie. Noch im selben Jahr wurde Joybrato Mukherjee auf die Professur für Englische Sprachwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen berufen. Dort forschte er zu den Themen computergestützte Korpuslinguistik, angewandte Linguistik, englische Syntax sowie Varietätenlinguistik. 2009 übernahm er das Amt des Präsidenten der Universität Gießen. Bei seinem Amtsantritt war er erst 35 Jahre alt und damals der jüngste Universitätspräsident in Deutschland. Seit 2023 ist er Rektor der Universität zu Köln.
Köln ist dem ehemaligen Dürener auch privat zur Heimat geworden: Selbst ist er zwar musikalisch nicht mehr aktiv, seit er sich mit 18 gegen ein Musikstudium mit Hauptfach Blockflöte entschieden hat. Doch die Leidenschaft für Musik ist ihm geblieben, egal ob als Abonnent der Kölner Philharmonie oder als Besucher der Lanxess Arena und diverser Kölner Musikclubs.
»Es gibt noch eine zweite Ebene in Köln«, sagt der Rheinländer, »die für einen Musikbegeisterten ein tolles Terrain ist, gerade wenn man so karnevalsaktiv ist wie ich: Die meisten Bands der Kölsch-Rock-Szene sind stark mit dem Karneval verknüpft. Sie singen im kölschen Dialekt, und das klingt im Karneval wunderbar und ist identitätsstiftend für Köln.«
Zurück zum Leben außerhalb der Karnevalsession: Das Amt des Präsidenten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes mit Sitz in der Bundesstadt Bonn trat Mukherjee am 1. Januar 2020 an. Mit dem Dreiklang »Fördern, Beraten, Denken« formulierte er zu Beginn seiner Amtszeit den heutigen »Markenkern« des DAAD und damit die Schwerpunktsetzungen für seine Arbeit. Mukherjee betont dabei seinen eigenen Werdegang: »Ich hatte einfach auch das Glück, zum richtigen Zeitpunkt auf die richtigen Personen zu stoßen. Einer meiner Mentoren war Jürgen Esser, damals in Bonn, vorher in Aachen. Er war derjenige, der mich schon im Studium für die Sprachwissenschaft begeistert hat, mir eine Doktorarbeit angeboten hat, dann eine Assistentenstelle und zuletzt noch die Möglichkeit zur Habilitation.« Er fügt hinzu: »Man kann sich als junger Mensch wünschen, Studienrat am Gymnasium zu werden, man kann sich auch zum Ziel setzen, Professor zu werden. Aber darauf hinzuarbeiten, dass man Rektor oder Präsident einer Universität wird, das ist schon schwieriger. Da gibt es Konstellationen, in denen sich eine Tür öffnet und man sehr schnell entscheiden muss: ›Wage ich es oder wage ich es nicht?‹ Mein Tipp: Man sollte immer, wenn sich eine Chance ergibt, eher ans Wagen denken als ans Risiko.«
Zu Beginn seiner ersten Amtszeit als DAAD-Präsident stellte Mukherjee das Motto »Fördern, Beraten, Denken« über seine Arbeit. Heute lautet dieser Dreiklang in der aktuellen »DAAD-Strategie 2030« leicht modifiziert: »Fördern, Beraten, Vernetzen«. Warum diese Modulation in eine andere Tonart, um im Musikvokabular zu bleiben?
»Nicht in eine andere Tonart«, erklärt Mukherjee, »wir sind weiterhin im Dur der Hoffnung unterwegs. Wir sind eine Förderorganisation mit jährlich 130.000 geförderten Menschen. Das ist unser Kerngeschäft. Das Zweite ist aber, dass wir als Organisation der deutschen Hochschulen – das sind ja unsere Mitglieder – ein Beratungsgeschäft haben. Wir beraten die deutschen Hochschulen mit unserer Regionalexpertise, mit unserem Außennetzwerk in über 60 Ländern. Wir beraten die Politik. Wir lassen andere an unserem Wissen, an unserer Kompetenz teilhaben.«
»Mit dem Titel ›Denken‹ will ich markieren, dass wir eben auch ein Thinktank sind. Wir denken über internationale Wissenschaftsbeziehungen nach, schreiben dazu Whitepaper, machen dazu Veranstaltungen, Policy Talks und Ähnliches. In unserer aktuellen Strategie finden Sie seit 2025 den Dreiklang ›Fördern, Beraten, Vernetzen‹, weil mit der Vernetzung noch einmal deutlich wird, dass es eben auch um Austausch geht, um Netzwerkbildung.«
Was das Engagement des DAAD ausmacht, zeigt sich auch in aktuellen politischen Debatten. Erst kürzlich, am 3. Juni 2026, veröffentlichte Mukherjee einen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift »Deutschland verspielt seinen Einfluss: Das BMZ will die Förderung internationaler Hochschulkooperationen auslaufen lassen. Das wäre ein folgenschwerer Fehler«. Nach Plänen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sollen die seit drei Jahrzehnten über den DAAD umgesetzten Programme bis 2031 vollständig auslaufen. Joybrato Mukherjee befürchtet, dass die deutschen Hochschulen damit bei der Zusammenarbeit mit dem sogenannten Globalen Süden für das BMZ nicht mehr relevant wären und betont: »Wenn der DAAD Programme ausschreibt und sich Toptalente – Studierende, Promovierende, Postdocs oder auch Professoren – bewerben, geht es um die Bestenauslese, um Exzellenzbildung. Auf der anderen Seite entfaltet die Arbeit des DAAD eine enorme Breitenwirkung, weil sie nachhaltige Bindungen schafft: zwischen Deutschland und anderen Kulturen, dem deutschen Hochschulsystem und internationalen Systemen. Das ist am Ende vielleicht die wichtigste Aufgabe, die wir erfüllen: ein Netzwerk von Freunden Deutschlands zu schaffen.«
