Es begann mit einer kleinen Peinlichkeit, wurde aber schnell zu einer schönen Begegnung, die uns nicht nur ein Licht aufsteckte. An einem späten Sonntagvormittag im August standen wir vor einer offenen Kirchentür in Tartu, dem ehemaligen Dorpat. Neugierig schauten wir in die St.-Marienkirche, schreckten aber gleich zurück. Denn drinnen wurde noch Gottesdienst gefeiert. Da wollten wir natürlich nicht stören.
Doch sofort kam ein Mann der Gemeinde zu uns und bat uns auf Deutsch und Englisch hinein. Er wollte uns unbedingt den offensichtlich frisch sanierten Turm zeigen. Da konnten wir nicht Nein sagen. Von außen ist er ein weißer, klassizistischer Leuchtturm evangelischen Lebens mitten in der Universitätsstadt Estlands. Ihn so wiederherzurichten, ist eine immense Leistung. 1941 war er, wie die ganze Kirche, schwer bombardiert worden. Zerstört wurde der Turm aber erst 1951 von den neuen Herrschern. Nach dem Ende des sowjetischen Imperiums begannen langwierige Verhandlungen und Planungen. Doch 2017 stand der Turm wieder in seiner ganzen Schönheit da.
Noch interessanter aber ist, was wir im Inneren entdeckten. Denn hier wurde das getan, worüber in Deutschland an vielen Orten erst diskutiert wird. Es wurde ein vielfältiger Multifunktionsbau geschaffen. Auf einer Etage befindet sich ein Saal, der in der dunklen Jahreszeit als »Winterkirche« dient und unter der Woche der gemeindlichen Arbeit zur Verfügung steht. Es gibt Büros, die zum Teil fremd vermietet werden. Für Sanitäranlagen ist gesorgt. Auf einer Etage soll ein Kolumbarium, also ein Ort für Urnenbeisetzungen, entstehen. Für touristische Zwecke ist die Spitze eingerichtet. Man muss nur mit seiner Kreditkarte die Tür öffnen – Estland ist uns technisch eben ein paar Schritte voraus –, dann kann man nach oben steigen und einen herrlichen Blick über die ganze Stadt genießen. Ich wüsste einige Kirchengemeinden in Deutschland, denen ich eine Exkursion zur St.-Marien-Kirche von Tartu empfehlen würde.
Als wir wieder unten waren, wollte unser freundlicher Führer uns noch den Kirchsaal zeigen. Das geschah leise, denn die Gemeinde war beim Fürbittengebet angelangt. Hier ist viel zu tun. Von 1961 bis 2009 diente der Kirchsaal der estnischen Universität als Sporthalle. Zum Glück kann hier jetzt wieder Gottesdienst gefeiert werden. Aber dieser Hauptteil der Kirche muss von Grund bis Dach dringend saniert werden. Die Gemeinde stellt sich trotz geringer Mittel dieser Aufgabe und wagt zugleich innovative Entscheidungen: Auch hier sollen nach einem klugen Plan Funktionsräume eingebaut werden, ohne dass die Würde des Kirchraums angerührt wird. Ich wünschte vielen Kirchengemeinden in Deutschland eine vergleichbare Courage.
Noch etwas gab uns zu denken. Diese Kirche hat große Bedeutung für das estnische Nationalbewusstsein, Pfarrer dieser Kirche spielten dabei eine herausgehobene Rolle. Hier fand 1869 die Hauptprobe für das erste Sängerfest statt, vom Turm wurde es mit Posaunen eröffnet, es gilt als Geburtsstunde der nationalen Bewegung. Das gemeinsame Singen wurde etwas mehr als 120 Jahre später zum eindrucksvollsten Ausdrucksmittel der friedlichen Revolution des Baltikums. In Estland, aber auch in Lettland und Litauen, führten nicht zuletzt Singe-Demonstrationen zur Befreiung von der sowjetischen Fremdherrschaft. St.-Marien gilt als »Geburtsort der estnischen Nation« und versteht sich auch so. Deshalb ist ihr Wiederaufbau »ein nationales Vorhaben«.
Diese enge Verbindung zwischen Kirche und Nation ist für uns in Deutschland zunächst befremdlich. Denn in unserer Geschichte hat dies fatale Folgen gehabt. Im Baltikum aber erlebt man, dass das Nationalbewusstsein auch eine Freiheitsquelle sein kann: eine Ressource im Kampf gegen imperialistische Überwältigung und kolonialistische Entfremdung. Deshalb ist es inspirierend zu sehen, mit welchem Stolz solch eine Kirche ihre Geschichte und Tradition darstellt und welches Engagement sie dabei zeigt – und dies in einem europäischen und ökumenischen Sinn, ganz ohne Aggression und Ausgrenzung.