Am Ende ist gar nichts passiert. Doch im Vorfeld scheint es erhebliche Aufregungen und unnütze Diskussionen gegeben zu haben. Manchmal ist es halt am besten, wenn man sich nicht verrückt machen lässt. Im Februar 2024 hatte die Redaktion der »Zeitschrift für Ideengeschichte« entschieden, ein Themenheft über Judith Butler zu machen. Wenige Wochen später aber wurden abseitige Äußerungen von Butler über den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bekannt. Nun meldeten einige der sieben ehrwürdigen Institutionen, die diese Zeitschrift herausgeben, Bedenken an: Ein Butler-Heft sei derzeit nicht zu verantworten. Warum eigentlich nicht? Aktuelle Meinungsäußerungen zum Nahost-Konflikt stehen oft in einer langen Tradition, die man am besten ideengeschichtlich analysiert. Deshalb hielt die Redaktion an ihrem Vorhaben fest. Für übermäßigen Mut möchte man sie allerdings nicht loben. Was sie getan hat, sollte selbstverständlich und nicht einmal eine Erwähnung im Editorial wert sein.

Interessant ist das Heft, weil es den Zusammenhang von Butlers Gender-Theorie und ihrer antiisraelischen Einstellung erhellt. Seit ihrem Buch »Gender Trouble« (1990) kämpft sie gegen feste Zuordnungen von »männlich« und »weiblich«. Dies hat weit und tief gewirkt: in Universitäten, Aktivismus und Popkultur, aber auch auf das persönliche Leben vieler, meist junger Menschen. Man kann allerdings fragen, ob nicht ein Höhepunkt überschritten wurde. Die Verflüssigung geschlechtlicher Identitäten ist inzwischen zu einer weiteren Identitätspartei geronnen, und andere Parteien führen erfolgreiche Gegenattacken, vor allem der klassische Feminismus, aber auch die globale »Revolte von rechts«. Zudem wurden weite Bevölkerungsteile nicht erreicht.

Von hier aus aber kann man am besten Butlers Gedanken zu Israel und Palästina verstehen. Wie Danilo Scholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, in einem erhellenden Beitrag schreibt, vertritt Butler eine »Ethik der Diaspora«, nach der Juden keinen eigenen Staat besitzen sollen. »Israel/Palästina« scheint bei Butler weniger einen konkreten Regionalkonflikt zu bezeichnen, als auf eine ideale Welt ohne feste nationale Zuordnungen zu zielen – analog zum Verständnis von »Gender«. »Israel« wird da ebenso wie »männlich/weiblich« zum Inbegriff einer illegitimen Machtposition. Dieser Staat solle deshalb –analog zu den zwei Geschlechtern – aufgelöst und in ein freies Feld der Diversität überführt werden. Man kann so denken. Nur: Ist es politisch sinnvoll? Die Nation ist immer noch eine Realität (ebenso wie die Geschlechter). Wer Lösungen erarbeiten will, sollte sie ins Kalkül ziehen. Vielleicht fallen Butlers Statements gegen Israel so aggressiv aus, weil sie mit dem Faktum, dass es diesen Nationalstaat halt gibt, gedanklich nicht umgehen kann. So flüchtet sie sich in Polemik und revanchistische, gewaltträchtige Forderungen wie die nach einem Rückkehrrecht für alle Palästinenser. Da kippt ihr anfänglich humaner Impuls ins Inhumane.

Auf die schlichte Frage jedenfalls, was genau am Israel/Palästina-Konflikt man mit Butlers Hilfe besser versteht, findet sich in der ganzen Zeitschrift kein einziger Hinweis. An dessen konkreter Entstehungsgeschichte scheint Butler nicht interessiert zu sein. Da müssen polemische Floskeln wie »Siedlerkolonialismus« reichen. Ähnlich geht sie mit dem gegenwärtigen Krieg um. Fatal ist, dass der »Butler Trouble« die Menschen, um die es doch hauptsächlich gehen sollte – die Trauernden, Traumatisierten, Bedrohten, Heimatlosen, Hungernden in Israel, Gaza, der Westbank oder im Libanon –, in den Hintergrund rückt. Man mag Butler erhebliche Diskursmacht zuschreiben, aber was hat sie eigentlich zum Verständnis des Nahost-Konflikts und zu dessen Bearbeitung beigetragen?

Wer das Diskurs-Phänomen »Judith Butler« besser verstehen möchte, wird vom ersten Heft der »Zeitschrift für Ideengeschichte« in diesem Jahr gut bedient. Die Lektüre lohnt sich. Meines Wissens hat sich niemand empört. Übrigens ist gerade das nächste Heft erschienen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026