Seit Jahrzehnten gehören Hans-Peter Stenzl und sein Bruder Volker zu den renommiertesten Klavierduos der internationalen Musikszene. Im Gespräch erzählt Hans-Peter Stenzl, was gemeinsames Musizieren über viele Jahre trägt, wie man das Spiel im Duo lehrt – und was ihn inspiriert.

Theresa Brüheim: Herr Stenzl, Sie blicken auf eine langjährige Karriere zurück. Wie verändert sich der Blick auf das Live-Musizieren im Laufe der Jahre?

Hans-Peter Stenzl: Kaum. Ich glaube nicht, dass das Altersstarrsinn ist, sondern dass sich die grundlegenden künstlerischen Bedingungen des Live-Musizierens nicht verändert haben. Es gibt Grundgesetze, die wohl für alle Zeiten gleich oder zumindest ähnlich bleiben.

Mir fällt dazu ein Zitat von Friedrich Dürrenmatt ein: »Die Welt verändert sich durch den Menschen, aber der Mensch verändert sich nicht und fällt der durch ihn veränderten Welt zum Opfer«. So sehe ich das auch beim Musizieren.

Es gibt heute viele Hilfsmittel: Aufnahmen sind jederzeit verfügbar, die Instrumente sind besser, und mit dem Handy kann man eine Phrase aufnehmen und sofort analysieren. Zu Beginn meiner Studienzeit arbeitete man noch mit Kassettenrekordern, deren Bänder sich verhedderten. Das alles hat sich gewandelt. Aber aus meiner Sicht macht es vielleicht 20 Prozent aus. Es gibt keinen schnelleren Weg, eine Interpretation einer Beethoven-Sonate zu entwickeln als früher.

Was bedeutet es für Sie, vor Publikum auf einer Bühne zu musizieren?

Gerade heute entwickle ich den Ehrgeiz, dem Publikum zu vermitteln, dass darüber nichts geht. YouTube, Dateien und Tonträger ersetzen das Erlebnis im Konzertsaal nicht.

Es muss den Interpretinnen und Interpreten gelingen, das Publikum so zu führen, dass die feinsten Nuancen bei jedem ankommen, der bereit ist zuzuhören, und ihn im Herzen treffen. Musik ist die emotionale Kunst schlechthin. Dieses Erlebnis kann man nur im Konzertsaal erreichen.

Auch das Gruppenerlebnis ist ein anderes, als wenn man allein mit Kopfhörern zu Hause sitzt. Es entsteht eine gemeinsame Gerichtetheit der Aufmerksamkeit, die im besten Fall den Künstler trägt und zum Medium für die tieferen Kräfte eines Kunstwerks werden lässt. Dafür braucht der Künstler das Publikum, und das Publikum braucht den Künstler. Diese Wechselwirkung gibt es nur im Konzertsaal.

Was trägt Ihres Erachtens eine Musikerlaufbahn über die Jahrzehnte?

Vor allem ein inneres Feuer, das nie erlischt. Die eigentliche Kunst besteht darin, über ein mittlerweile meistens langes Leben bei der Stange zu bleiben.

Wir alle kennen Talsohlen. Diese Einbrüche lassen sich nicht vermeiden, so sehr man sich auch anstrengt. Aber sie sind ein Teil der Nahrung eines Künstlers. Ohne sie geht es eigentlich nicht.

Jeder Tag muss wieder bei null begonnen und neu aufgebaut werden. Über die Jahre entwickelt man Strategien dafür. Das Handwerk wird zuverlässiger und vielfältiger, die emotionale Wahrnehmung und damit auch die Wiedergabe werden differenzierter.

Gleichzeitig wird man durch die tägliche Arbeit an sich selbst immer empfindlicher. Das soll so sein, bedeutet aber auch, dass man immer mehr bearbeiten muss. Diese Eigendynamik hält einen bei der Stange.

Man muss dafür viele Opfer bringen. Die Zeit, die man für sich selbst braucht, lässt sich nicht beliebig zugunsten anderer Aktivitäten verkürzen. Dafür wird man reich beschenkt, weil die eigene Persönlichkeit immer weiter reifen und aufblühen kann.

Inwiefern werden diese Talsohlen, wie Sie es nennen, zu Inspirationsquellen?

Täler sind bessere Inspirationsquellen als die Spitzen. Aber ein Künstler braucht in vernünftigen Abständen auch Erfolg. Wer nur im stillen Kämmerlein arbeitet und nie Resonanz von außen erfährt, wird irgendwann verwelken – vielleicht, ohne es selbst zu bemerken.

Seit vielen Jahren bilden Sie mit Ihrem Bruder Volker Stenzl ein Klavierduo. Wie hält man ein solches Duo über Jahrzehnte zusammen?

Wenn wir den Gewinn des ARD-Musikwettbewerbs 1986 als professionelle Geburtsstunde betrachten, feiern wir in diesem Jahr unser 40-jähriges Bühnenjubiläum.

Herzlichen Glückwunsch!

Danke. Das ist schon eine Leistung, denn wir verbringen wahrscheinlich mehr Zeit miteinander als jedes normale Paar. Möglich ist das durch unser gemeinsames Interesse an der besonderen Klavierliteratur und an dem Phänomen, im Alter besser zu werden. Dieses Interesse ist bislang nicht erloschen, sondern eher noch gewachsen.

Ihr Duo wird oft mit der Formulierung »die Freiheit eines Solisten mit vier Händen« beschrieben. Wie sind Sie zu dieser Freiheit gelangt?

Wie gelangt man überhaupt zur Freiheit? Freiheit ist ein erstrebenswertes, aber schwer zu verwaltendes Gut. In der Musik gelangt man meiner Überzeugung nach nur über eine sehr genaue und sensible Arbeitsweise dorthin.

Freiheit ist nicht das Gegenteil von Regeln, sondern erwächst im besten Fall aus ihnen. Sie muss täglich neu erkämpft und erarbeitet werden. Sie ist nichts, was sich irgendwann stabil herausbildet. Es sind einzelne Momente – ähnlich wie beim Glück.

Unser Lehrer Alfred Brendel wurde einmal gefragt, ob er im Alter freier oder genauer spiele. Seine Antwort war: beides. Genau diese Wechselwirkung ist entscheidend. Genauigkeit, Regeln und Freiheit schließen einander nicht aus.

Im günstigsten Fall entsteht für kurze Zeit ein Moment von Freiheit. Das ist ein wunderbares Gefühl, und das reicht auch.

Heute lehren Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock. Dort wurde 1999 der weltweit erste Studiengang für Klavierduo eingerichtet, den Sie beide seitdem innehaben. Wie kam es dazu?

Die HMT Rostock ist eine der jüngsten Musikhochschulen Deutschlands. Der Gründungsrektor kannte unser Klavierduo und wollte an einer neuen Hochschule Angebote schaffen, die es sonst nirgendwo gab.

Wir wurden zunächst zu Meisterkursen im Rahmen des Sommercampus eingeladen. Viele Duos aus aller Welt interessierten sich dafür und kamen nach Rostock. Daraus entstand die Idee, ein dauerhaftes Angebot einzurichten.

1999 wurde der Studiengang gegründet. 2024 feierten wir sein 25-jähriges Bestehen und luden die Duos ein, die in diesen Jahren durch unsere Hände gegangen waren. Viele kamen zurück und präsentierten sich noch einmal auf der Bühne. Das war sehr bewegend.

Sind viele dieser Duos zusammengeblieben?

Es ist alles vorgekommen. Gerade bei Paaren haben wir auch menschliche Tragödien erlebt, weil nicht alle der großen Nähe gewachsen waren, die durch die Konzentration auf das Klavierduo entsteht. Tatsächlich sind aber die meisten Duos zusammengeblieben und spielen noch in ihrer ursprünglichen Formation. Das freut uns besonders.

Was braucht es, um erfolgreich im Klavierduo zu spielen?

Ein Schlagwort unserer Unterrichtsphilosophie lautet: so verschieden wie möglich. Wir möchten nicht zwei gute Pianisten klonen, die sich möglichst identisch zu einem Duo formieren. Das wäre uninteressant.

Goethe sprach beim Streichquartett von einer Unterhaltung zwischen vier geistreichen Persönlichkeiten. Je unterschiedlicher die Persönlichkeiten sind und je besser es ihnen gelingt, diese Verschiedenheit unter das gemeinsame Dach einer Interpretation zu bringen, desto interessanter wird auch ein Duo.

Dafür braucht es ähnliche handwerkliche Fähigkeiten. Das technische Gefälle darf nicht zu groß sein. Man muss gut zuhören können und zum Dialog bereit sein. Es gibt durchaus gute Duos, die sich während des Spielens eine halbe Stunde lang nicht einmal anschauen. Das kommt im Konzertsaal nicht gut über die Rampe.

Der Blickkontakt ist also auch für die Kommunikation beim Auftritt entscheidend?

Unbedingt. Man übermittelt sich gegenseitig Kräfte und kann sich hochschaukeln.

Wie bereiten Sie Ihre Studierenden auf Live-Auftritte vor?

Unsere Arbeit zielt grundsätzlich auf Live-Auftritte. Zunächst wird ein Stück im Unterrichtsraum erarbeitet. Wenn der Bühnentermin näher rückt, sprechen wir auch darüber, wie das Duo auf die Bühne kommt, sich verbeugt und zu den Instrumenten geht.

Entscheidend ist unmittelbar vor dem Einsatz das gemeinsame Atmen. Das betrifft nicht nur die Spieler, sondern auch das Publikum. Wenn die Künstler gemeinsam atmen, überträgt sich das sofort auf den Saal.

Ich vergleiche das gern mit der Aufgabe eines Dirigenten. Am Klavier muss jeder sein eigener Dirigent und zugleich ein Dirigent für den anderen sein. Das Publikum sieht die Vorbereitung, vollzieht sie mit und ist mit dem ersten Ton auf die gemeinsame musikalische Reise eingestimmt.

Wie lässt sich über Technik und Bühnenerfahrung hinaus eine künstlerische Präsenz herausbilden?

Künstlerische Arbeit mit jungen Menschen hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Ich würde sagen: Psychologie ist die halbe Miete. Die andere Hälfte sind Fingersätze, Pedalgebrauch und Spielbewegungen.

Junge Menschen, die etwas erreichen wollen, sind heute oft sehr bereit, die Ratschläge eines Professors aufzunehmen. Aber wir müssen ihnen immer wieder sagen: Der Professor kann vielleicht 20 Prozent mitgeben. 80 Prozent müssen aus Ihnen selbst kommen.

Es geht darum, Mut zu machen, in sich hineinzuhören und das herauszulassen, was dort schlummert. Man erreicht ein künstlerisches Ziel nicht nur, indem man brav Schritt für Schritt aufbaut. Man muss auch einmal über das Ziel hinausschießen, zu viel machen und verrückt sein, um anschließend die goldene Mitte zu finden.

Sie kommen gerade aus Rostock, wo Eignungsprüfungen für das Konzertexamen stattfanden. Worauf achten Sie bei der Auswahl?

Wir suchen individuelle Künstlerpersönlichkeiten, die das Publikum sofort fesseln. Auf dieser Ausbildungsstufe ist höchstes handwerkliches Können selbstverständlich. Beim Klavierduo gehört dazu auch Genauigkeit im Zusammenspiel.

Aber es müssen Funken sprühen, und zugleich muss eine differenzierte Interpretation erkennbar sein. Am Ende lautet die entscheidende Frage: Möchte ich dieser Person oder diesem Ensemble länger zuhören? Möchte ich sie wieder erleben?

Andere können großartige Leistungen zeigen, aber man weiß am Abend vielleicht nicht mehr, was sie gespielt haben. Was den Unterschied ausmacht, lässt sich nicht vollständig erklären. Es gibt Geheimnisse, die sich einer eindeutigen Beschreibung entziehen.

Entscheidend ist, dass jemand tief in sich spürt: Ich habe etwas Besonderes zu sagen. Fleiß und der Wunsch nach einem Studienplatz reichen nicht aus. Dieser Weg kann auch nicht für alle offenstehen, weil der Markt es nicht hergibt.

Natürlich können wir uns täuschen. Wenn jemand, den wir nicht ausgewählt haben, später eine große Karriere macht, freue ich mich und sage: Wir haben euch damals die Tür zugeschlagen, und ihr habt es trotzdem geschafft. Chapeau! Und wenn unsere Auswahl sich nicht als tragfähig erweist, bleibe ich dabei: Zu diesem Zeitpunkt haben wir nach bestem Wissen und Gewissen entschieden.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026