Das Internationale Theaterinstitut (ITI) steht für multilateralen Austausch und internationale Zusammenarbeit im Bereich der darstellenden Künste. Als weltweit agierendes Netzwerk setzt sich die Organisation des ITI mit Sitzen in Paris und Shanghai heute aus über 80 nationalen Zentren zusammen – jedes Zentrum bildet im jeweiligen Land einen Zusammenschluss aus Kulturschaffenden, Kulturinstitutionen und -verbänden.

Auf die kollektiven Traumata des zweiten Weltkriegs folgte die »Stunde Null«. In einer Zeit des Aufbruchs, geprägt vom Appell des »Nie wieder!«, gründete sich 1948 auf Initiative der UNESCO das Internationale Theaterinstitut. Der leitende Gedanke: Globale Vernetzung und Verständigung stabilisieren die Weltordnung und tragen zur Friedenswahrung bei. Über die neugegründete UN hinaus sollten unabhängige Institutionen entstehen und durch ihre grenzüberschreitenden fachlichen Netzwerke wirken. Mit den in der Menschheitsgeschichte erstmaligen Gründungen multilateraler Institutionen der Gesundheit (u. a. Weltgesundheitsorganisation), der Finanzen (u. a. IWF, Weltbank) oder des Handels (ausländische Handelskammern, internationale Messen oder Montanunion) wurde u. a. der Zweck verfolgt, auf dem Weg internationaler Verflechtungen und gegenseitiger Abhängigkeiten Konfliktresilienz aufzubauen.

So sind die Jahre von 1945 bis zur Kubakrise 1962 nicht nur die Jahre der heißesten Phase des Kalten Kriegs, sondern auch die Jahre der Neubegründung internationaler Bewegungen im Sport (Internationale Sportverbände, Meisterschaften, Olympia), der Religion (Interreligiöse Dialoge, Weltkirchentage, Ökumene), der Wissenschaft (Forschungsverbünde, Austauschprogramme) sowie der Kunst und Kultur (Internationale Kunstfestivals und Fachforen, Kulturelle Bildung).

Das weltweite Netzwerk des Internationalen Theaterinstituts basiert auf eben diesem Leitgedanken des grenzüberschreitenden Dialogs als Mittel zur Eröffnung eines gegenseitigen Perspektivwechsels und Grundverständnisses: die darstellenden Künste über ihren Selbstzweck hinaus als Mittel zur Verständigung zu nutzen, um Krieg zu verhindern und Frieden zu bewahren. Die ITI-Zentren arbeiten einzeln und gemeinsam daran, sich für die kulturelle Vielfalt und die Rechte von Künstlerinnen und Künstlern weltweit einzusetzen, den Wissensaustauch über Landesgrenzen hinweg zu fördern und Theaterschaffende in ihrer internationalen Arbeit zu unterstützen. 1955 eröffnete das Deutsche Zentrum des ITI in der Bundesrepublik, vier Jahre später folgte das Zentrum in der DDR, 1991 wurden beide Zentren zusammengeschlossen.

70 Jahre nach Gründung des deutschen Zentrums hat die Dringlichkeit von damals nichts an Aktualität eingebüßt. Stets waren es Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffende, die Menschen auch über geschlossene Grenzen hinweg zu Austausch und Kommunikation zu bewegen verstanden. Die Geschichte zeigt: In Konflikten bleiben über zivilgesellschaftliche Akteure Kanäle zwischen Nationen geöffnet, die auf politischer Ebene längst verschlossen scheinen.

Die multiplen Krisen unserer Zeit und die damit einhergehende Unsicherheit bewirken derzeit in vielen Ländern eine verstärkte Nationalisierung – ein Besinnen auf die eigene »nationale« Kultur vermittelt scheinbare Sicherheit. In manchen Ländern wird der Wert internationaler Kulturarbeit und -politik dahingehend ausgelegt, nationale Kunst im Ausland bewerben und »verkaufen« zu können. Umgekehrt ist immer öfter eine Funktionalisierung und Kommodifizierung künstlerischer und kultureller Wertschöpfung zu erkennen: Mit dem Import ganzer Wissens- und Sammlungsbestände werden Märkte erschlossen und Reichweiten vergrößert. Ohne diese Entwicklungen zu relativieren und unabhängig von deren Bewertung, ist aus der Sicht der eigenständigen internationalen Bewegung des ITI klar: Für Verständigung und Austausch, für eine wirkmächtige Verflechtung bedarf es weiterhin anderer Ansätze unabhängiger Gesprächskanäle.

Als Deutsches Zentrum des ITI versuchen wir, Netzwerke zu pflegen und zu etablieren. Daraus entstand etwa die ITI-Academy, die seit mittlerweile vier Jahren internationale Kulturschaffende der darstellenden Künste zu Themen wie Freiheit der Kunst, Resilienz und Widerstand zusammenbringt. Die kontinuierliche Vernetzung führt dabei immer wieder zu Fragen der fairen Zusammenarbeit, der Mobilität: Wer kann wann wie wohin reisen? Welche Barrieren und Zugänge prägen die internationale Sichtbarkeit? Aber auch Fragen von Übersetzungsleistungen und Aspekten der Archivierung: Was gelangt in unsere Archive? Wessen Geschichten werden wie von wem erzählt? Diese Fragen greifen wir auf und entwickeln sie mit unseren Partnern weiter.

So etwa bei THEATER DER WELT, Deutschlands ältestem und bedeutendsten internationalen Theaterfestival, das von uns im dreijährigen Turnus an eine Stadt in Deutschland vergeben und 2026 in Chemnitz stattfinden wird.

Oder im Bereich der Mobilität: 2013 gründete sich touring artists – eine Beratungsstelle für Künstlerinnen und Künstler aller Sparten, die mit administrativen Fragen internationalen Austauschs konfrontiert sind: Was bedeutet grenzüberschreitendes Arbeiten in Hinblick auf Steuern, Sozialversicherung, Zoll, Transport, Urheberrecht sowie Visavergaben, Aufenthaltsgenehmigungen? Die Beratung richtet sich an Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland mit Projekten im Ausland und umgekehrt. Als deutsches Zentrum des ITI sind wir Träger des Projekts touring artists, für das wir mit der Internationalen Gesellschaft für Bildende Künste und dem Dachverband Tanz kooperieren.

Auch wenn unser Metier als ITI – die darstellenden Künste – zunächst spezifisch scheint, impliziert der daraus entstehende multilaterale Wissensaustausch einen Zugang zu sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten in anderen Ländern. Wir sind überzeugt: Internationale Kulturarbeit ist eine Antwort auf die jetzige Zeit multipler Krisen, in der die Tendenzen von Entglobalisierung bei gleichzeitig anhaltender Kommerzialisierung von Kulturgütern, Abschottung der Nationalstaaten und Manifestation von Grenzen wieder besonders spürbar werden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.