Ein Laptop flimmert, ein Papierdrachen hebt ab, Szene für Szene. In einem Workshopraum der Fundacja Filmowiec in Poznań sitzen Jugendliche aus Deutschland und Polen und seit einigen Jahren auch Jugendliche aus der Ukraine vor einem Bildschirm und animieren kleine Geschichten zu Kurzfilmen. Es ist ein Projekt, das in Kooperation mit dem Verein Fantasia Dresden seit über 20 Jahren besteht, mit Unterstützung des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW): ein Ort der Begegnung, über Grenzen und Sprachen hinweg. Und die Kultur ist der Kitt, der alles beieinander hält. Entsprechend verhielt es sich letzten Sommer in Bayreuth. Junge Menschen aus Frankreich, Deutschland und Ungarn trafen sich zur Jungen Philharmonie, einem Orchesterprojekt, das alle zwei Jahre im Rahmen des Jungen Forums Bayreuth stattfindet. Hier fördert maßgeblich das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) mit. DFJW und DPJW sind unverzichtbar für die Auswärtige Kulturpolitik. Ihre Idee von Verständigung, vom Sinn und Zweck der Jugendaustausche und ihre über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen mit zahlreichen Kooperationspartnern sind derart stabil, dass ihnen auch kurzfristige politische Bewegungen wie der gegenwärtige Rechtsruck in Europa nichts anhaben werden.

Das DFJW bleibt seinem Gründungsgedanken von 1963 bis heute treu: Junge Menschen durch Austauschprogramme zusammenzubringen, um Freundschaften zu stiften und gemeinsame Projekte zu ermöglichen. Für Tobias Bütow, deutscher Generalsekretär des DFJW, liegt in dieser Idee, wie sie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit dem Élysée-Vertrag verwirklichten, bis heute eine »Genialität«. Angesichts der historischen Belastung zwischen Deutschland und Frankreich – Bütow erinnert an 23 Kriege, darunter zwei Weltkriege – erscheine es fast wie ein Wunder, dass heute ein so enges, freundschaftliches Verhältnis bestehe.

Der prinzipiell gleiche Gedanke liegt auch dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) zugrunde, das 1991 gegründet wurde. Damals befand sich Deutschland gerade im Wiedervereinigungsprozess, und Polen war noch kein Mitglied der Europäischen Union. Anders als bei der deutsch-französischen Freundschaft hat sich hier seitdem viel verändert. »Die politischen Rahmenbedingungen haben sich ebenso gewandelt wie die Lebensrealitäten der jungen Menschen«, sagt Stephan Erb, DPJW-Geschäftsführer im Büro Potsdam. Der Grundauftrag ist aber derselbe geblieben. Wie beim DFJW stehen persönlicher Austausch, gemeinsame Projekte und das gegenseitige Kennenlernen im Mittelpunkt, unterstützt durch Information, Beratung und vor allem durch finanzielle Projektförderung. Wobei gilt: Die Förderpraxis ist bewusst breit angelegt, ohne thematische oder methodische Vorgaben. Ob es Schulpartnerschaften, Workcamps oder Jugendkulturprojekte sind: Erlaubt ist, was verbindet. Von Anfang an gehörten beim DPJW die Qualifizierung und Einbindung von begleitenden Fachkräften wie Lehrpersonen oder ehrenamtlich Engagierten dazu, so dass sich hier über die Jahre beständige Förderstrukturen entwickelt und Schwerpunkte geschärft haben. Was gefördert wird, spiegelt nicht zuletzt die Vielfalt der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit in beiden Ländern wider. »Einige Partnerschaften widmen sich stärker kulturellen Themen, andere setzen den Fokus auf politische Bildung«, so Erb, der jedoch einhakt, dass das DPJW über die Jahre auch genauer hingeschaut hat: Wer nimmt eigentlich teil? Und wer nicht? »Es fiel auf, dass vor allem die Schulen, die zum Abitur führen, dominierten«, sagt Erb: »Jugendliche aus der beruflichen Bildung oder aus bildungsferneren Milieus wurden seltener erreicht.«

Mit gezielten Förderprogrammen, etwa für den beruflichen Austausch, versucht das DPJW seither, diese Lücken zu schließen. Hinzu kommen neue inhaltliche Schwerpunkte, etwa in der historisch-politischen Bildung, sowie Formate wie der Deutsch-Polnische Jugendpreis, der alle drei Jahre besonders gelungene Projekte auszeichnet. Ziel bleibt es, möglichst viele junge Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Hintergründen einzubinden.

Auch das DFJW versucht, junge Menschen unabhängig von deren Bildungsweg und Herkunft zu erreichen. Das heißt auch unabhängig von Sprachkenntnissen. Kulturprojekte, die sich nicht in erster Linie sprachlich vermitteln wie etwa Graffiti oder Hiphop-Tanz eignen sich nach Ansicht von Tobias Bütow hier besonders gut. Gleichzeitig bleibt die Sprachförderung fester Bestandteil der Arbeit. Das Interesse für die jeweilige Fremdsprache war in Deutschland wie Frankreich lange Jahre rückläufig; erst seit kurzem verzeichnet man in Deutschland wieder steigende Zahlen derjenigen, die sich für Französisch als erste oder zweite Fremdsprache entscheiden. Mit Programmen wie »FranceMobil« versucht das DFJW hier zu unterstützen. Zwölf junge Muttersprachler aus Frankreich reisen als Lektoren ein Schuljahr lang durch Deutschland, besuchen Schulen, gestalten interaktive Einheiten, bauen Hemmschwellen ab und wecken so Neugier auf Sprache und Kultur. Dass Gleichaltrige sich begegnen, ist dabei ein bewusst gewählter Ansatz: Austausch beginnt im Klassenzimmer und mit einem ersten »Bonjour«. Darüber hinaus setzt das DFJW auch auf klassische Wege der Sprach- und Kulturvermittlung. Ein Leuchtturmprojekt ist etwa das Georges-Arthur-Goldschmidt-Programm, das seit 25 Jahren den literarischen Austausch fördert und zahlreiche junge Übersetzerinnen und Übersetzer geprägt hat. Der gleichnamige Literaturpreis, der im Saarland vergeben wird, würdigt besondere Leistungen im Bereich der deutsch-französischen Übersetzung.

Sowohl DFJW als auch DPJW treten nur in Ausnahmefällen selbst als Veranstalter auf. Ihr Kerngeschäft ist die Förderung von Projekten, die von Partnerorganisationen realisiert werden. Beim DFJW sind es über 8.000 Einrichtungen – Schulen, Jugendzentren, Kulturinitiativen oder Vereine –, die jährlich Programme mit Unterstützung des Jugendwerks durchführen. Auch das DPJW arbeitet nach diesem Prinzip. Es kooperiert eng mit Dachverbänden der kulturellen Jugendbildung wie der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, der Deutschen Chorjugend, der Bläserjugend oder dem Verband deutscher Musikschulen. Diese sogenannten Zentralstellen wiederum vergeben die Fördermittel weiter an ihre Untergliederungen, etwa für deutsch-polnische Chorbegegnungen, Musicalprojekte, Zirkus- oder Theaterworkshops. So entsteht ein vielfältiges, bundesweites Netzwerk, das kulturellen Austausch in unterschiedlichsten Formaten ermöglicht.

Beide Jugendwerke sind schlank organisiert. Das DFJW ist eine internationale Organisation mit Sitz in Paris und weiteren Büros in Berlin, Saarbrücken und Straßburg. Es erhält jährlich je 13,2 Millionen Euro von den Jugendministerien beider Länder sowie zusätzliche Sondermittel der Außenministerien für Projekte mit Mittel- und Osteuropa, dem westlichen Balkan und dem Maghreb. Auch das DPJW arbeitet binational: Es wird mit rund 7 Millionen Euro aus Deutschland und etwa 5,3 Millionen Euro aus Polen finanziert. In beiden Fällen fließen die Mittel direkt in Partnerschaften und Projekte, getragen von einem weit verzweigten Netzwerk.

Trotz stabiler Fördermittel stoßen beide – DFJW und DPJW – zunehmend an Grenzen. »Die Nachfrage ist deutlich höher als die Mittel, die uns zur Verfügung stehen«, sagt Stephan Erb. 2023 konnten rund 1.400 Projekte mit etwa 58.000 Jugendlichen gefördert werden, doch rund 190 Vorhaben mussten abgelehnt werden – nicht wegen inhaltlicher Mängel, sondern aus finanziellen Gründen. Zwar wurden die Regierungszuschüsse nicht gekürzt, doch sie halten mit den gestiegenen Kosten seit Pandemie, Energiekrise und Inflation nicht mehr Schritt. »Mit dem gleichen Geld können wir heute einfach weniger ermöglichen«, so Erb. »Wir können bei Weitem nicht alle Projekte fördern, die uns erreichen«, klagt auch DFJW-Generalsekretär Tobias Bütow. Hoffnung setzt er auf die politische Rückendeckung: Im Koalitionsvertrag bekennt sich die schwarz-rote Bundesregierung ausdrücklich zur internationalen Zusammenarbeit und verspricht, die bilateralen Jugendwerke und den Fachkräfteaustausch zu stärken. Dieses Versprechen, so Bütow, müsse nun mit zusätzlichen Mitteln unterlegt werden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.