Das Vorderasiatische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin zeigt in der James-Simon-Galerie die Ausstellung »Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren«. Sie erzählt am Beispiel einer Region im Südosten der Türkei rund um den UNESCO-Welterbeort Göbeklitepe von einer der folgenreichsten sozialen Umwälzungen der Geschichte, dem Übergang vom mobilen Leben der Jäger-Sammler-Gruppen zur Sesshaftigkeit. Bis heute bilden die damit verbundenen Innovationen und Konsequenzen die Grundlage menschlicher Zivilisationen: Bauwesen, Landwirtschaft und Viehzucht, daraus folgend Bevölkerungswachstum und Arbeitsteilung, vor allem aber eine neue soziale Ordnung, die das Miteinander unter neuen Bedingungen regelt. Ein symbolisches System schreibt diese neue Ordnung fest und fort. Sie spiegelt sich in monumentalen Bauwerken und eindrucksvollen Bildwerken, die in der Ausstellung zu sehen sind. Die jüngsten Forschungen in Göbeklitepe, vor allem aber auch in weiteren neu entdeckten Fundorten in der Region, haben unser Bild dieser Wendezeit radikal verändert und den Blick von der Art des Wirtschaftens auf das soziale Miteinander gelenkt. So steht der Gedanke der Gemeinschaft, sie zu schaffen und sie zu erhalten, im Mittelpunkt.
Was hier nun klingt wie eine »ganz normale« Ausstellung, ist weit mehr als ein museales Alltagsgeschäft. Seit mehr als einem Jahrzehnt gab es keine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland im musealen Bereich. Daran hatte auch die 2011 erfolgte Rückgabe der zweiten Berliner Sphinx aus der hethitischen Hauptstadt Hattuscha – ihr besser erhaltenes Gegenstück war bereits 1924 nach umfangreicher Restaurierung nach Istanbul zurückgekehrt – nichts ändern können. Dass nun 89 originale Objekte aus den brandneuen Ausgrabungen nach Berlin reisen konnten, ist deshalb auch ein wichtiges kulturpolitisches Signal. Eine lang gewachsene Tradition der wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit und der damit verbundenen persönlichen Freundschaften verbindet unsere Länder und schlägt auch Brücken über gelegentliche Unterbrechungen.
Auf dem Gebiet der archäologischen Forschung haben Deutschland und die Republik Türkei, die sich selbst heute lieber als Türkiye bezeichnet, seit über einem Jahrhundert eng kooperiert. Mit koordinierter archäologischer Forschung, dem Aufbau universitärer Institute und seit fast einem Jahrhundert auch mit der Präsenz des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul bestehen heute Beziehungen und Infrastrukturen, die dauerhafte wissenschaftliche Zusammenarbeit ermöglichen und befördern. Die Bedeutung dieser Zusammenarbeit für die Pflege und Festigung der binationalen Beziehungen ist nicht zu unterschätzen.
Die Geschichte forschender Zusammenarbeit
Ein Blick zurück in die Geschichte der Zusammenarbeit in der archäologischen Forschung zeigt einige grundlegende Linien auf. Nach einer ersten Phase beobachtender und sammelnder Forschungsreisen begannen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die ersten großen Ausgrabungen der Berliner Königlich Preußischen Museen, die damals sogar eine eigene Station in Izmir, später Istanbul unterhielten. Zugleich entwickelte die Osmanische Verwaltung eigene Strukturen für die Denkmalpflege. Ein erstes Antikengesetz wurde 1883 verabschiedet und 1891 öffnete ein Museumsneubau in Istanbul. Doch trotz wachsender Infrastruktur blieb die Beschäftigung mit den Altertümern ein aus dem Westen importiertes Konzept, das höchstens bei der osmanischen Elite auf Interesse stieß.
Dies änderte sich aus zwei Gründen nach dem ersten Weltkrieg mit der Gründung der Republik Türkei 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk. Zum einen verlangte die junge, stark nationalistisch ausgerichtete Republik nach einem neuen Herkunftsnarrativ. Atatürks großes Interesse an der Archäologie galt deshalb auch der Suche nach einer umfassenden, auf Anatolien bezogenen Herkunftserzählung. Von diesem Interesse profitierte auch die deutsche Wissenschaft, denn es erlaubte 1924 eine Wiedereröffnung der Außenstelle der Museen. Fünf Jahre später wurde diese Einrichtung zum Ausgangspunkt für die Begründung der neuen Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI).
Zum anderen bedurften Staatsumbau und Modernisierung einer Fachexpertise, die im Land nicht vorhanden war. Im Rahmen einer Bildungsoffensive wurden türkische Studenten verschiedener Fächer mit Stipendien nach Europa gesandt, darunter auch die türkischen Archäologen der ersten Generation. Einer der ersten Heimkehrer war nach seiner Promotion in Berlin der klassische Archäologe Arif Müfid Mansel, der ab 1933 Direktor des Museums in Istanbul wurde. Diese erste Generation von Gelehrten blieb Deutschland lebenslang verbunden.
Ab 1933 entstanden mit einer Reform der Universitäten neue Lehrstühle und Abteilungen an der Universität Istanbul. Den Bedarf an Lehrpersonal für die wachsenden Universitäten suchte man mit Personal aus Deutschland zu decken, wo der seit der Machtergreifung der Nazis zunehmende Druck auf die jüdische Bevölkerung viele Menschen ins Exil trieb. Besetzungsvorschläge kamen von der 1933 in der Schweiz gegründeten »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland«.
Die Mitarbeiter des deutschen Archäologischen Instituts und die exilierten Hochschullehrer hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Altertumswissenschaften in der Türkei. Sie brachten den in Deutschland etablierten Methodenapparat mit und bauten ein entsprechendes Curriculum auf.
Zu diesen jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gehörte in Istanbul ab 1940 die in Berlin als Tochter einer Diplomatenfamilie geborene und an der Sorbonne promovierte Halet Çambel. Sie wurde 1960 als erste Professorin für türkische Vorgeschichte an die Universität Istanbul berufen. Halet Çambel ist eine Schlüsselfigur für die Entwicklung der archäologischen Forschung in der Türkei, denn ihr Interesse ging weit über die Feldforschung hinaus. Sie setzte sich für die Ausweisung von Natur- und Kulturschutzgebieten sowie für die Bewahrung des immateriellen Kulturerbes ein und initiierte in den 1960er Jahren ein System internationaler Rettungsgrabungen in Stauseegebieten entlang des türkischen Euphrat. Seit 1968 arbeiteten dort türkische, amerikanische, britische, französische, holländische und deutsche Grabungsteams parallel. Diese langjährigen Kooperationen zwischen den internationalen Teams begründeten tragfähige wissenschaftliche Netzwerke. Daraus ging wissenschaftlicher Nachwuchs hervor, der vielfach mit Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und anderer Stipendien eine Qualifizierungszeit in Deutschland absolvierte.
Gemeinsame Forschungen zur Sesshaftwerdung
Halet Çambel erforschte zusammen mit Robert J. Braidwood aus Chicago die frühe Sesshaftigkeit, das Thema der Ausstellung »Gebaute Gemeinschaft«. Das Projekt fokussierte auf die wirtschaftlichen Grundlagen der Sesshaftwerdung und führte innovative naturwissenschaftliche Methoden ein. Das Team besuchte 1963 auch erstmals den Göbeklitepe und registrierte ihn als Fundplatz mit reichem Steingeräteinventar. Doch Forschungen begannen erst 1995, nachdem andere Orte die Existenz von monumentalen Sondergebäuden belegt hatten. Göbeklitepe prägt heute, nach dreißig Jahren Forschung und seiner Einschreibung in die UNESCO-Welterbeliste, das Bild der frühen Sesshaftigkeit in der Region. Monumentale Bauwerke, tonnenschwere T-Kopf-Steinpfeiler und Bildreliefs von wilden Tieren sind ikonisch geworden. Im Stadtbild von Şanlıurfa begegnet man T-Pfeilern in allen Größen, vom Blumentopf bis zum Kinderspielplatz, und der Kulturtourismus in der Region wächst stetig. Die Forschung hat mit der Ausweitung auf weitere Fundorte eine neue Intensität erreicht. 2021 initiierte die Generaldirektion für Kulturgüter und Museen des Ministeriums für Kultur und Tourismus das Projekt Taş Tepeler, um diese Aktivitäten zu koordinieren. In dem interdisziplinären Projekt arbeiten Wissenschaftlerinnen aus insgesamt 36 türkischen und internationalen akademischen Institutionen zusammen. Der Name steht, wörtlich übersetzt, für die »Steinhügel«, unter denen sich die Überreste jungsteinzeitlicher Siedlungen und Monumentalbauwerke verbergen.
Gemeinsam Ausstellen
Der Wunsch, die faszinierenden Erkenntnisse der laufenden Forschungen einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland nahezubringen, ist über Jahre gewachsen. Göbeklitepe stand in der öffentlichen Wahrnehmung isoliert und Kenntnisse der Vorgängerforschungen blieben auf Fachkreise beschränkt. Dies öffnete populären esoterischen Interpretationen Tür und Tor. Wir wollten eine Ausstellung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse konzipieren und zugleich die Menschen über die visuelle Wahrnehmung erreichen. Und all das in Berlin, Basis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an den Universitäten, am Deutschen Archäologischen Institut und in den Museen, und zugleich Heimat zahlreicher Menschen mit Wurzeln in der Region der Taş Tepeler.
Wie aber bringt man ortsfeste Monumente ins Museum? Wir entschieden uns für eine theaterhaft anmutende Inszenierung der Bauwerke und richteten den Blick auf ihre gemeinschaftsstiftende Rolle, von der Errichtung über die Nutzung und ihr Ende – Team Building vor 12.000 Jahren. Die damalige belebte Welt begegnet uns darin in den gefährlich anmutenden Tierskulpturen.
Dass diese gemeinsam deutsch-türkisch kuratierte Ausstellung nun in Berlin zu sehen ist, ist eine Gemeinschaftsleistung. Institutionell ist sie zwischen der Generaldirektion für Kulturgüter und Museen am Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkiye, unter deren Dach das Archäologische Museum Şanlıurfa und das Projekt Taş Tepeler versammelt sind, und dem Vorderasiatischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin verortetet. Aber getragen wird sie von den persönlichen Netzwerken der Archäologinnen und Archäologen, die seit über hundert Jahren Brücken zwischen unseren beiden Ländern bauen.