Europaweit gewinnen extremistische Parteien und Organisationen an Zuspruch, indem sie polarisierend auf öffentliche Diskurse über emotionale Themen wie Migration und Diversität, Rassismus und Antisemitismus, Sex und Gender einwirken. Anstelle einer differenzierten Auseinandersetzung mit diesen Themen nehmen Anschuldigungen, Wut und Hetze gegen als anders, ja bedrohlich wahrgenommene Positionen und Menschen zu. Dies gilt nicht nur für den digitalen Raum insbesondere der Sozialen Medien, sondern auch für den öffentlichen Raum und seine Institutionen. Besonders emotionsgeladen sind die Auseinandersetzungen mit dem Krieg in Gaza, Israel, Libanon, Jemen und Iran seit dem 7. Oktober 2023, die in diesem öffentlichen Raum ausgetragen werden.
Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf Jüdische Museen in Europa? Welche Rolle spielen sie für die demokratischen Zivilgesellschaften in den verschiedenen europäischen Ländern? Und wie können Jüdische Museen angesichts des gereizten Diskursklimas weiterhin jüdische Geschichte und Kultur in eben der transnationalen Perspektive vermitteln, derer es bedarf, um der Flucht- und Migrationsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Europa gerecht zu werden?
Es sind diese und weitere Fragen, die die Association of European Jewish Museums (AEJM) mit ihren 55 Mitgliedermuseen in allen europäischen Ländern und Israel seit geraumer Zeit intensiv beschäftigen. Um einen Überblick über die Auswirkungen des 7. Oktober und des nachfolgenden Kriegs auf die Arbeit von Jüdischen Museen zu bekommen, führte AEJM im vergangenen Jahr eine Umfrage unter Museumsdirektorinnen und -direktoren durch. Die Ergebnisse waren alarmierend:
- Etwa 80 Prozent berichteten von antisemitischen oder antiisraelischen Vorkommnissen an ihren Häusern, darunter Hassreden, Vandalismus und Bedrohungen des Museumspersonals.
- Mehr als 40 Prozent gaben an, dass Veranstaltungen abgesagt und die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Kooperationspartnern beendet werden musste.
- 38 Prozent berichteten von einem allgemeinen Rückgang der Besucherzahlen aufgrund von Sicherheitsbedenken und politischen Spannungen. Umgekehrt verzeichneten einige Museen aufgrund von Solidaritäts- und Bildungsprogrammen auch ein gesteigertes Interesse.
Der Umfrage zufolge sind Jüdische Museen unmittelbar von dem angestiegenen Antisemitismus und der polarisierten Zuspitzung der emotionalen Auseinandersetzungen betroffen, die das Massaker vom 7. Oktober und der Krieg in Gaza begleiten. Für sie gilt also in besonderem Maße, was das europäische Netzwerk der Museumsorganisationen (NEMO) für Museen im Allgemeinen konstatiert: Jüdische Museen geraten zunehmend unter Druck und sind zugleich als Orte einer glaubwürdigen Vermittlung komplexer Themen für die Öffentlichkeit von zunehmender Wichtigkeit.
Aufgrund eben dieser doppelten Entwicklung kommt den politischen Entscheidungsträgern derzeit eine besondere Verantwortung zu. Werden sie die Resilienz bestehender Jüdischer Museen finanziell und politisch fördern? Und sich gar dazu entscheiden, neue Jüdische Museen zu gründen? Oder aber die Sichtbarkeit jüdischer Kultur innerhalb bestehender Museumseinrichtungen stärken? Aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass beides der Fall sein könnte: Am 20. September 2025 wird in Šeduva das lange geplante Lost Shtetl Museum zur jüdischen Geschichte Litauens eröffnet, am 27. November 2025 das älteste Jüdische Museum im deutschsprachigen Raum, nämlich das Jüdische Museum der Schweiz an neuem Ort wiedereröffnet und in 2026 das spanischen Jüdische Museum in Madrid in Betrieb genommen. Für die darauffolgenden Jahre sind die Eröffnungen von zwei weiteren Neubauten, nämlich eines Holocaust-Museums mit der Vermittlung der regionalen jüdischen Geschichte in Thessaloniki und eines Jüdischen Museums in Lissabon in einem Gebäude von Daniel Libeskind, angekündigt. Auch in Deutschland wird derzeit an mehreren Orten öffentlich verhandelt, wie jüdische Kulturgüter zukünftig gesammelt, bewahrt, sichtbar gemacht und angemessen dargestellt werden sollen: In Dresden konkretisieren sich die Pläne zur Errichtung eines Erinnerungsorts am Alten Leipziger Bahnhof, der zugleich auch die Darstellung der sächsischen jüdischen Geschichte umfassen soll. In Hamburg wird diskutiert, inwieweit ein noch zu gründendes Jüdisches Museum die bedeutende jüdische Stadtgeschichte sammeln, bewahren und an die Öffentlichkeit vermitteln kann. Diese Aufgabe kam bislang dem Museum für Hamburgische Geschichte zu, welches ihr in einer eigenen Galerie nachkam, die nunmehr in rekonfigurierter Form zum Ausgangs- und Bezugspunkt für die Diskussion um ein zukünftiges Jüdisches Museum im Altonaer Museum werden soll. Im Vorgriff darauf hat die Hamburger Behörde für Kultur und Medien eine dreiteilige Gesprächsreihe über die Frage initiiert: »Ein Jüdisches Museum für Hamburg? Reden wir darüber.« Auch die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern hat einen diskursiven Prozess initiiert, um die Sichtbarkeit jüdischer Kulturgüter in den bayerischen Museen zu stärken. Am 17./18. November 2025 sondiert die Fachtagung »Gemeinsames Erbe: jüdische Geschichte in nichtjüdischen Museen«, welche Ansätze hier beispielgebend sind.
Wozu auch immer die Diskussionen und Planungen in Bayern, Dresden und Hamburg führen werden: Sie sind schon jetzt Ausdruck der Relevanz jüdischer Themen für Historische Museen wie auch Jüdischer Museen als Orte der Reflexion über den gereizten Nerv unserer Zeit: Können sie das Bewusstsein um die Bedeutung jüdischer Kultur für die Geschichte der Gesellschaften vor Ort und in Europa stärken? Und damit auch die Zuversicht von Jüdinnen und Juden in ein selbstbestimmtes und sicheres Leben in Deutschland und Europa? Die Antwort auf diese Fragen liegt nicht allein in den Händen von Kulturpolitikerinnen und -politikern, sondern in der Verantwortung von Museumsmacherinnen und -machern, ihrem Publikum und damit der Gesellschaft selbst.
Mirjam Wenzel ist Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt und Chair of the Board der Association of European Jewish Museums
Jüdische Museen
Mit diesem Text endet unsere Reihe über Jüdische Museen in Deutschland. Sie finden alle Texte der Reihe online unter: tinyurl.com/43wrdzx7