Das Grüne Band ist seit 1989 zu einem wunderbaren und so wertvollen Denkmal im wortwörtlichen Sinn herangewachsen, dass gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir so viel über Grenzen nachdenken, eine gute Gelegenheit dafür zu sein scheint, ihm gebührend Aufmerksamkeit zu schenken.

Der ehemalige 1.378 Kilometer langen Grenzstreifen, der sich vom Vogtland bis an die Ostsee zieht und an dem Stacheldraht, Wachposten, Steine und Mauern abgebaut wurden, ist zu einem Ort mit über 150 Naturschutzgebieten und der Heimat unzähliger bedrohter Arten geworden. Ein Ort der Doppeldeutigkeit. Als Denkmal, als Biotop und als räumlicher Beleg dafür, was Grenzen anrichten können – in diesem Fall anrichten konnten – wird er heute in weiten Teilen zudem auch als Naherholungsgebiet genutzt. Win-win, würde ich sagen, und ein beispielloses Denkmal, in dem Erinnerungskultur und Naturschutz in Deutschland erstmals in dieser Form, als gemischte Welterbestätte, aufeinandertreffen.

Daher ist es gut, dass das grüne Band UNESCO Weltkulturerbe werden soll. Diese Aufwertung wäre nicht nur ein Signal für die Aufarbeitung von SED-Unrecht, sondern auch für die zeitgemäße Erinnerungskultur in Deutschland. Sie wäre erneut ein Hinweis darauf, dass Geschichte überall verhandelt werden kann, auch unter freiem Himmel.

Gleichzeitig ist das Grüne Band ein Beweis für die Lebensrealität ganzer Generationen – für diejenigen, die die Mauer erlebten, oder für jene, die nach der deutsch-deutschen Teilung geboren wurden. Die Trennung bleibt lebendig, das Verbindende aber eben auch – und vor allem der große Schatz, der Reichtum der Natur. Und der Kultur.

Künstlerinnen wie Henrike Naumann, die gemeinsam mit Sung Tieu nächstes Jahr den deutschen Pavillon in Venedig bespielen wird, beweisen uns dabei, wie wichtig, wie aktuell und wie spannend es sein kann, genau diese Räume zu füllen – mit Impulsen, die uns mit einer Lupe auf Phänomene des Vergangenen den Blick für etwas Neues öffnen.

Denn auch Naumann spürt seit Jahren dem »Wendegefühl« nach – aus einer Perspektive, die dadurch geprägt ist, dass sie beim Mauerfall gerade einmal fünf Jahre alt war und die Geschehnisse nun mit einem spannenden, oft eigenwilligen Blick in Erinnerung ruft.

Gerade der zeitliche Abstand und ihr ikonischer Umgang mit Raum erlaubt es ihr, durch Fernsehwände aus Pressspan oder das Maskottchen der deutschen Post – der gelben Hand Rolf, die mit dem Motto »Fünf ist Trümpf« für die 5-stellige Postleizahl warb – Fragen nach den Einschnitten in die Leben der Deutschen nach dem Mauerfall zu stellen. So erinnert sie mit Tiefgang an Fragen nach dem, was geschehen ist und danach, wie sich dieses Grüne Band in all unsere Biografien eingezeichnet hat. Und sie spricht davon, dass auch in ihrer Arbeit nicht die Ideen fehlen, sondern die Möglichkeit, der Platz. Kurz: Naumann gibt uns den Impuls, Raum zu schaffen, der offen und frei ist. Und das ist es, was das Grüne Band ausmacht. Denn dort gibt es Platz. Ganz schön viel Platz sogar, der einfach und gemeinsam genutzt werden kann und sollte. Warum also nicht die Möglichkeit schaffen, kurz innezuhalten, zurückzublicken und dadurch auch gemeinsam nach vorne zu schauen.

Denn wie immer mit der Kultur und der Natur: Auch, wenn es manchmal schwerfällt, bereichert es uns eben doch, uns von der Couch noch ins Kino geschwungen zu haben, ins Theater oder in den Buchladen zu gehen oder dem Wald zu lauschen. Manche Radlerinnen oder Spaziergänger ahnen dabei auf diesem Streifen bestimmt kaum, dass sie sich auf dem Gelände der einstigen innerdeutschen Grenze bewegen – jener Trennlinie, die die Bundesrepublik und die DDR jahrzehntelang füreinander unüberwindbar machte. Müssen sie auch nicht. Aber sie können Zufallsbegegnungen mit der deutschen Geschichte erleben. Dieses Denkmal ist eine Möglichkeit, sich zu vergegenwärtigen, wie unvorstellbar lang die Grenze war, wo sie entlanglief und wie einschneidend sie dieses Land geprägt hat. Jedoch auch, wie gut uns Natur und Kultur tun.

Wir sollten Orte schaffen, die uns das gemeinsame Erinnern nahebringen, die uns Gemeinsamkeiten nahelegen und neue Impulse schaffen. Orte, die uns wie das Grüne Band einen guten Weg ebnen, zum nächsten Café, zur nächsten Ausstellung und nebenher eben auch zu einem historischen Verständnis und einem Miteinander, das genau auf dieser Grenze, die keine mehr ist, zusammenwächst.

Katrin Göring-Eckardt, MdB, ist Mitglied des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag und kulturpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen

 

Natur- und Kulturraum Grünes Band

In unserer Artikelreihe geht es um den Natur- und Kulturraum Grünes Band, der die ehemalige innerdeutsche Grenze markiert. Es handelt sich um eine einzigartige Erinnerungs- und Naturlandschaft. Die bisher erschienenen Beiträge finden Sie unter tinyurl.com/y646jje6.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.