»Mein Schicksal lag einmal in den Händen von Männern, die nur Befehle befolgten. Niemals wieder!«, wirft Erik Lehnsherr seinem alten Freund Charles X. Xavier entgegen. Beide sind besser bekannt als »Magneto« und »Professor X«. Während X. Xavier privilegiert aufwuchs, ist Eriks Leben gezeichnet von Verfolgung, Hass und Massenmord. Denn er ist nicht nur ein Mutant, sondern auch deutscher Jude (manchmal wird er auch Max Eisenhardt genannt und ist ein Rom), dessen Familie in der Shoa ermordet wurde und der das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz überlebte. Dieser Dialog hat nie so stattgefunden, denn er stammt aus einem Comic – und doch ist er nah an der Wirklichkeit.
Geschichten über Superheldinnen und -helden üben auf viele Menschen eine ungeheure Faszination aus. Denn Comics sind heute viel mehr als seichte Unterhaltung: Sie können Kritik an den bestehenden Verhältnissen üben. Sie aktualisieren religiöse Erzählungen. Sie erfüllen bei manchen Menschen das autoritäre Bedürfnis nach einem »starken Führer«. Das gilt nicht nur für die X-Men, eines der prägenden Superheldinnen-Teams des Marvel-Universums, sondern auch für die DC-Comics und den ersten ihrer Helden: »Superman«.
Diesen Sommer flog er wieder einmal durch die Kinos – und mit ihm auch die Geschichte von Moses. Als Kind in einen Schilfkorb bzw. ein Raumschiff gesetzt, wird er vor der Ermordung aller jüdischen Erstgeborenen durch den Pharao bzw. vor dem Untergang seines Planeten gerettet. Er wächst in einer fremden Kultur auf und findet die Wahrheit über seine Herkunft heraus – woraus wiederum seine Verantwortung erwächst und er zum Retter wird. Alles Motive, die fest in der jüdischen Erzähltradition verankert sind.
Auch beim Namen arbeiteten Supermans Erschaffer mit der jüdischen Erfahrung der »Dialektik der Un-|Sichtbarkeit«, wie der Autor Ruben Gerczikow und ich es bezeichnen. Sein bürgerlicher Name Clark Kent gibt ihm zwar eine gewisse Unsichtbarkeit, doch sein kryptonischer Name »Kal-El« ist ganz offensichtlich dem Hebräischen entsprungen. Er spielt auf biblische Namen an, in denen »El« als Synonym für G’tt vorkommt. Überträgt man »Kal« angelehnt an »kol« als »Stimme«, heißt Superman »Stimme des G’ttlichen«. Der bürgerliche Name dient seinem und dem Schutz seiner Familie.
Wie aktuell gerade diese Fragen über Un-|Sichtbarkeit sind, wurde auch in einem Interview mit dem israelischen Soziologen Nathan Sznaider deutlich, das Ende 2024 bei »Belltower News« erschien. Dort meint Sznaider, dass die »Falle der Aufklärung« Jüdinnen und Juden Gleichheit im Austausch für Unsichtbarkeit versprochen habe: »Sie sollen sein wie alle anderen Menschen auch. Das ist sehr deutlich, wenn es um unser Aussehen geht. (…). Das heißt, unsichtbar werden als Juden, mit der Hoffnung, dass damit auch der Antisemitismus unsichtbar wird. Aber das ist ja nicht geschehen. Der Antisemitismus ist nicht unsichtbar geworden, aber die Juden. Und deswegen, glaube ich, muss man als ein Gegengift wieder als Jude sichtbar werden.«
Clark Kent/Kal El, Charles X. Xavier und Erik Lehnsherr, sie alle sind Archetypen. Beispielhaft spiegelt sich in ihnen die jüdische Debatte um Assimilation und Absatz ins Partikulare. Ihre Geschichten spiegeln Ängste und Sorgen bedrohter, marginalisierter Gruppen. Je größer die Bedrohung, desto härter wird um die richtige Antwort gerungen. Dieses Ringen findet heute unter Stichworten wie (Anti-/Post-)Zionismus und Diasporismus, Universalismus und Partikularismus statt.
Die Dialektik von Universalismus und Partikularismus wird im neuen Superman von Kal El und seinen leiblichen Eltern verkörpert. In den X-Men-Comics sind es Professor X und Magneto, die über den richtigen Weg streiten: Anpassung und Koexistenz oder Widerständigkeit und Aggression – Universalismus oder Partikularismus. Lehnsherr ist ein Antiheld, gezeichnet von seinen Erfahrungen. Er ist nicht einfach ein »Bösewicht«, sondern changiert zwischen Schurken und tragischem Held. »Magneto« misstraut der Menschheit, denn sie hat ihn einst als Juden verfolgt und sein Volk zu großen Teilen vernichtet – und die Verfolgung gegenüber den Mutierten hält an.
Dass diese Comics diese Themen behandeln, geschieht nicht zufällig, denn die Erfinder sind alle Juden: Jerry Siegel und Joe Shuster genauso wie Stan Lee (Stanley Lieber) und Jack Kirby (Jacob Kurtzberg). Lee und Kirby machten das Comic-Genre in den 1960er Jahren gesellschaftskritischer und psychologisch komplexer. Darauf baut wiederum der neue Superman auf und erzählt eine Geschichte über Migration (eine jüdischen Kernerfahrung) und Anpassung sowie Misstrauen und Feindschaft in der Ankunftsgesellschaft.
Doch es gibt noch mehr, worin sich die jüdische Codierung dieser Figur widerspiegelt, wie der Pädagoge Jason Flatt in einem Text für das feministisch-jüdische Online-Magazin »Hey Alma« Anfang Juli betont. Denn Superman handele in dieser Neuauflage auch gemäß einiger jüdischer Konzepte. Das bekannteste von ihnen ist »Tikkun Olam«, was so viel wie »die Welt reparieren« bedeutet. Und so kämpft Superman unermüdlich gegen Krieg, Schurken und Monster – wobei jedes Leben für ihn einzigartig und schützenswert ist: ob Hund Krypto oder gefährliches Monster.
Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, der den neuen Superman, so wie seine diversen Vorgänger im Marvel- und DC-Universum, tief in der jüdischen Erzähltradition verankert. Diese »narrativen Fiktionen«, hält Rabbinerin Delphine Horvilleur mit Blick auf fantastisch anmutende talmudische Geschichten fest, sind »Wunschvorstellung(en) einer bedrängten Gruppe (…), die sich nach einem Gegengewicht zu der realen politischen Machtlosigkeit sehnt«. Erzählt man diese Geschichte aus der Perspektive der unterdrückten Minderheit, dann soll sie Mut machen. Sie soll Hoffnung geben angesichts der zuweilen aussichtslos wirkenden Verhältnisse. Aus der Perspektive der Mehrheit hingegen werden gerade diese Ambivalenzen leicht übersehen: So wird Superman zu einem starken Anführer, der nur sich selbst verpflichtet ist und tut, was getan werden muss. Verdrängt wird dabei, dass hier kein moralisches Vorbild am Werk ist, sondern jemand zum Anführer der »konformistischen Rebellion« wird. Er hält die Verhältnisse und bestehende Ungerechtigkeiten aufrecht. Sich mit der jüdischen Codierung dieser Charaktere zu beschäftigen, ist mehr als nur ein Spleen. Es eröffnet die tieferliegende Ebene und hat große Auswirkungen darauf, den gesellschaftskritischen Inhalt dieser Geschichten wirklich zu begreifen.