Es gibt viele Hochschulabsolventinnen im Bereich der planenden Berufe, aber nur wenige weiblich geführte Architektur- und Planungsbüros! Schaut man sich die Entwicklung der letzten 20 Jahre an, zeigt sich, wo die strukturellen Hindernisse für mehr Frauen in der Baukultur liegen: Der Anteil der Studentinnen der planenden Berufe (Architektur, Landschaftsarchitektur, Innenarchitektur, Stadtplanung) liegt seit 2006 deutschlandweit konstant bei über 50 Prozent, der Anteil der in den Kammern eingetragenen Planerinnen stieg auf fast 45 Prozent, aber nur 26 Prozent der eingetragenen Büros werden von Frauen geführt. In der Landschaftsarchitektur, Innenarchitektur und Stadtplanung sind Frauen mittlerweile in der Mehrheit, aber selbst hier verkehrt sich auf der Ebene der Geschäftsleitung das Verhältnis wieder ins Gegenteil.
Die soziokulturellen Gründe für diese problematischen Verhältnisse sind bekannt. Auch wenn eine branchenspezifische Ursachenforschung für den beginnenden drop-out nach dem Studium fehlt, zeigt die Tatsache, dass die Baubranche mit einem Frauenanteil von gerade mal 7,5 Prozent bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten als stark männlich geprägte Arbeitswelt Frauen vor enorme Herausforderung stellt. Sie begegnen nach wie vor existierenden Vorurteilen (Gender Bias) und strukturellen Benachteiligungen seitens Auftraggebenden, Chefs und Hochschulen sowie mangelnde Sichtbarkeit in den Medien und der Öffentlichkeit. Viel zu oft ignoriert, tauchen sie in der Stadt- und Baugeschichte nicht auf und geraten so bauhistorisch in Vergessenheit, sind selten Teil aktueller Debatten und/oder versinken in der Carearbeit, was den Schritt in die Selbstständigkeit erschwert.
Entscheidend ist aber, dass die Planung unserer Lebenswelten mit allen und für alle erfolgen sollte. Mehr Diversität und Egalität in der Zusammensetzung der Beteiligten auf allen Ebenen im Bauprozess sichert die Akzeptanz der gebauten Umwelt in der Gesellschaft nachhaltig. In Anbetracht vieler »missing links« ist der Ruf nach einer feministischen Stadtplanung, um der Planerinnen- und Nutzerinnenperspektive mehr Raum zu geben und bestehende Paradigmen zu korrigieren, verständlich, klingt jedoch eher ausgrenzend als integrierend. In der Stadt- und Landschaftsplanung ist der Frauenanteil, insbesondere in den Stadtverwaltungen aufgrund einer langjährigen Gleichstellungspolitik der öffentlichen Hand relativ hoch, wenn auch nicht immer an den entscheidenden Stellen. Das Problem scheint nicht allein ein Mangel an weiblicher Perspektive, sondern auch politischer und finanzieller Natur zu sein. Tatsächlich müssen neue Prioritäten gesetzt, andere Prozesse und entsprechende Mittel bereitgestellt werden. Darauf zielen auch die Leitlinien des Bundes »für eine faire, inklusive und sorgende Stadt« sowie die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Agenda 2030 ab.
Hier setzt das Women in Architecture WIA Festival an und eröffnet die Baustelle Gleichstellung. Das WIA Festival versteht sich als Impulsgeberin, verlässt die persönliche Ebene der Betroffenen und fordert gezielt die Stakeholder aus der Baubranche auf, sich mit dem Thema Chancengleichheit und Gleichstellung auf institutioneller Ebene auseinanderzusetzen. Über die konzentrierte Sicht- und Hörbarmachung weiblicher, marginalisierter Stimmen, Themen und Werke auf dem Festival wird der Wandel in der Baukultur, hin zu mehr Egalität und Respekt, gezielt gefördert. 2021 in Berlin von dem Berliner Planerinnennetzwerk n-ails e.V. in Kooperation mit der Berliner Architektenkammer gegründet, fand es 2025 unter der Schirmfrauschaft von Verena Hubertz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, und der Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Andrea Gebhard, bundesweit mit über 265 Veranstaltungen von ca. 200 Akteurinnen und Akteuren statt.
Die große Resonanz brachte neben den vielen wichtigen Diskussionen eine Sensibilisierung für das Thema und einige Fortschritte: Verbandsnamen wurden gegendert, Fachzeitungen umbenannt, Ausstellungen und Mentorinnenprogramme initiiert, vermehrt Publikationen zu Werken von Planerinnen veröffentlicht; mehr und mehr Podien, Gremien und Veranstaltungen werden paritätisch besetzt.
Alle vier Jahre stellt das WIA-Festival die Frage nach dem Status quo, hinterfragt die aktuellen Rahmenbedingungen und befördert so den notwendigen Transformationsprozess. Treibende Kraft waren und sind die Planerinnen selbst, aber entscheidend für den langfristigen Erfolg des WIA-Festivals ist und bleibt die (weitere) Unterstützung durch die Architektenkammern, Berufsverbände, Stiftungen, Hochschulen, Initiativen für Baukultur und die Politik. Sie tragen das Festival in die Breite und stärken so die dringend erforderliche inhaltliche und strukturelle Transformation des Berufsbildes und der Baukultur. 2029 soll das Women in Architecture WIA Festival erneut bundesweit stattfinden.