Drei der fünf Vorständinnen, Cornelia Lanz, Katharina Schrade und Cornelia Vossen, im Gespräch über den Alltag im Netzwerk, strukturelle Ungleichheit im Kultur- und Medienbetrieb und den Entschluss, sich künftig auch kulturpolitisch zu engagieren.

Sophia Blochowitz: Vor fünf Jahren gegründet, zählt WAM heute bereits über 470 Mitglieder. Was erklärt dieses Wachstum?

Katharina Schrade: WAM ist aus dem Mentoringprogramm des Deutschen Kulturrats entstanden, aus der vierten Runde im Winter 2021. Die Teilnehmerinnen wollten die Idee weiterführen, weil das Mentoringprogramm zeitlich begrenzt war. Der Bedarf nach Austausch und Verbindung war so groß, dass daraus ein Verein entstand. Wir befinden uns derzeit in einem kompletten gesellschaftlichen Backlash. Das wird besonders deutlich, wenn man über die Grenzen Deutschlands schaut, aber auch hierzulande spürt man es: in den Medien, im Alltag, in allen Bereichen. Das Bedürfnis nach Verbindung, nach Rückhalt wächst dadurch. Nicht nur bei einzelnen Personen, sondern auch zwischen Vereinen und Initiativen. Was aber trotzdem keine von uns erwartet hat, ist, wie rasant wir gewachsen sind.

Cornelia Lanz: Wir machen nicht aktiv Werbung. Das Thema der Vernetzung von Frauen im Kultur- und Medienbereich ist einfach so präsent, dass viele von selbst auf uns zukommen. Wir bieten aber viele Aktivitäten, die nach außen gehen. Seien es Workshops, Vernetzungstreffen oder Tagungen mit externen Speakerinnen. Dabei bleibt immer jemand hängen.

Was bedeutet WAM konkret im Berufsalltag seiner Mitglieder?

Cornelia Vossen: Wenn man etwas in unser Netzwerk hineinruft, kommt sofort etwas zurück. Und dieser Schulterschluss stärkt gerade in den Situationen, in denen man auch einen inhaltlichen, strategischen und emotionalen Austauschbedarf hat. Die konservativen Tendenzen in den letzten zwei Jahren machen genau das nötig.

Lanz: Wir haben eine überregionale Signalgruppe. Jemand fragt nach einer Stellenausschreibung, jemand anderes postet einen spannenden Workshop, eine dritte hat eine Honorarfrage. Da ist immer ein wohlwollender Austausch auf Augenhöhe.

Schrade: Und dann gibt es Momente, die über das Berufliche hinausgehen. Das schönste Beispiel kann ich erzählen. Ich bin nach Bonn umgezogen und hatte keine Zeit, meine zukünftige Wohnung vorher zu besichtigen. Ein WAM-Mitglied vor Ort hat das tatsächlich für mich übernommen. Ich habe die Wohnung das erste Mal gesehen, als ich eingezogen bin. Auch das ist diese ganz praktische Unterstützung von Frauen untereinander.

Was macht WAM dabei anders als andere Netzwerke?

Lanz: Unsere Spartendurchlässigkeit ist das Alleinstellungsmerkmal. Wir vernetzen Kultur und Medien, da kommt natürlich einiges an Themen zusammen.

Vossen: Und unser Netzwerk funktioniert bundesweit. In Regionalforen zum Beispiel, da trifft man Menschen, die man noch nie gesehen hat, und trotzdem springt sofort ein Funke über. Es gibt einen WAM-Spirit, der sich überträgt.

Schrade: Dieser Austauschcharakter, der für uns so selbstverständlich geworden ist, ist etwas Besonderes. Denn diese starken großen Frauennetzwerke, die auch auf einem grundsätzlichen Vertrauen und einer Verschwiegenheit basieren, sind ja nicht etwas, was es schon immer gibt oder wo man zwangsläufig natürlicherweise hineinwächst. Gerade im Kultur- und Medienbereich schlagen sich viele als Einzelkämpferinnen durch. Und dann merkt man im Austausch bei WAM: Das, was ich erlebe, ist kein individuelles Problem. Da steht ein System dahinter. Allein diese Erkenntnis ist eine große Erleichterung.

Mit welchen Themen und Herausforderungen beschäftigt ihr euch?

Schrade: Der Kultur- und Medienbetrieb ist strukturell prekär. Verhältnismäßig niedrige Gehälter, lange Arbeitszeiten, ein Gender Pay Gap, der je nach Teilbranche unterschiedlich ausgeprägt ist. Dazu kommt die Care-Thematik. Wenn man in den Künsten arbeitet, gibt es Probenzeiten, Abendvorstellungen, viele Arbeitszeiten, die nicht konform sind mit den Kitazeiten. Und das trifft Frauen nach wie vor unverhältnismäßig stark.

Die Zukunft der Branchen, in denen die Mitglieder von WAM e. V. tätig sind, beschäftigt uns natürlich auch: Wie geht es mit unseren Branchen weiter, die ja auch extrem unter Druck stehen?

Vossen: Das sind die strukturellen Entwicklungen, über die wir bei WAM miteinander im Austausch sind. Seien es Künstliche Intelligenz, die wirtschaftliche Lage oder die sich verschärfenden politischen Spannungen. Wir kommen alle aus Bereichen, die sofort darauf reagieren müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Und einfach zu begreifen, dass man das nicht allein schultern muss, ist ein total wichtiger Aspekt.

Lanz: Ja, genau. Sich gegenseitig Mut machen und darüber reden, wie andere mit solchen Situationen umgehen. Zum Beispiel: Ich muss 16 Prozent aus meinem Budget sparen, wie mache ich das, wo kann ich anfangen? Kann ich das in meiner Führungsposition überhaupt verantworten? Das sind keine abstrakten Fragen. Die kommen aus dem konkreten Alltag unserer Mitglieder.

WAM beginnt jetzt, sich kulturpolitisch zu positionieren. Was habt ihr vor?

Vossen: Wir sind jetzt inzwischen so groß als Verein, dass wir soweit sind, unsere Stimme zu erheben und nach außen zu wirken, um in diesen politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeiten etwas zu bewegen. Nach unserem Strategieprozess im letzten Jahr beobachten wir nun das kulturpolitische Geschehen und überlegen, wie wir unsere Anliegen in eine kulturpolitische Handlung überführen. Die Stärkung von Frauen in Führungspositionen ist ein konkretes Beispiel. Hier schauen wir, was bedeutet das eigentlich konkret? Wo müssen wir ansetzen? Mit wem wollen wir uns vernetzen? Welche kulturpolitischen Kontakte müssen wir ansprechen? Ganz konkret: Wie kommen wir zu einer Stimme? Viele unserer Mitglieder wollen sich engagieren, das zeigt auch, was für ein großer Handlungsbedarf besteht.

Was würdet ihr Frauen mitgeben, die gerade am Beginn ihrer Karriere in der Kultur oder Medienwelt stehen?

Lanz: Redet. Fragt. Keine Frage ist zu dumm. Und verkauft euch nicht unter Wert, gerade bei Gehaltsverhandlungen. Holt euch auch mal Hilfe, nehmt euch jemanden mit in Meetings, wenn es schwierig wird. Ihr müsst euch nicht alleine durchkämpfen.

Schrade: Verliert euch nicht in der digitalen Bubble. Der analoge, persönliche Kontakt ist heute wichtiger denn je. Geht zu Netzwerktreffen, engagiert euch in Vereinen. Wartet nicht darauf, dass irgendetwas von selbst zu euch kommt, sondern geht raus.

Vielen Dank.

Weitere Informationen: womeninartsandmedia.de

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 4/2026