Jeder kennt sie, ist schon einmal über sie »gestolpert«: die Stolpersteine, die in vielen deutschen Städten unaufdringlich und doch unübersehbar an Menschen, insbesondere jüdische Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten aus ihren Häusern getrieben, deportiert und ermordet wurden. Die Steine, vor den Häusern dieser Menschen in den Gehsteig eingelassen, wenden sich gegen das Vergessen einzelner Schicksale ebenso wie der millionenfachen Verbrechen dieser Zeit.

Der Landesmusikrat Berlin hat die Idee aufgegriffen und das Projekt der Musikalischen Stolpersteine ins Leben gerufen. Das Konzept sei nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 entstanden, berichtet Hella Dunger-Löper, die Präsidentin des Landesmusikrats. Man habe nicht einfach »deklamatorisch« reagieren wollen, sondern in einer Form, die vor allem Jugendliche erreiche. Im September 2024 ging es dann los.

Das Konzept: Für jeden musikalischen Stolperstein sucht der Landesmusikrat eine Berliner Schule als Partner. Eine Klasse oder ein Musikkurs der Schule beschäftigt sich intensiv mit einem Berliner Musiker, einer Berliner Musikerin, der oder die in der NS-Zeit verfolgt wurde. Ziel ist es, einen Podcast über die jeweilige Persönlichkeit zu erstellen. Mit dem rbb/radio3 als Partner ist es nicht nur möglich, diese Podcasts technisch professionell zu produzieren; sie werden auch auf der Webseite des Senders veröffentlicht und sind daher dauerhaft abrufbar.

Unterstützt wird das Projekt vom Verein musica reanimata, der sich seit vielen Jahren mit dem Schicksal verfolgter Musikerinnen und Musiker beschäftigt, diese in Gesprächskonzerten vorstellt und in Publikationen dem Vergessen entreißt. Albrecht Dümling, der Vorsitzende des Vereins, war sofort Feuer und Flamme, als er vom Projekt erfuhr. Dümling sowie zwei seiner Vorstandskollegen, Bettina Brand und Jascha Nemtsov, sind diejenigen, die die Podcasts mit den Schülerinnen und Schülern inhaltlich vorbereiten. Sie schlagen eine Musikerpersönlichkeit vor und stellen diese in einer Doppelstunde vor, berichten über das Leben und musikalische Wirken der Menschen und lassen sich von den Jugendlichen interviewen. Bei der Auswahl geht es um die speziellen Forschungsinteressen der drei engagierten Vereinsmitglieder, aber auch um einen möglichst nahen Ortsbezug. Viele der damaligen jüdischen Musikerinnen und Musiker hätten in dieser Zeit in Stadtteilen wie Wilmersdorf, Schöneberg oder Charlottenburg gelebt und seien bestens integriert gewesen, berichtet Dümling. Daher sei es gar nicht so einfach, Schulen aus anderen Bezirken einzubeziehen.

Natürlich baue er auch allgemeines historisches Wissen über diese Zeit ein, erklärt er. Das Wissen Jugendlicher über diese Zeit nimmt bekanntermaßen erschreckend ab. Ein Format wie die Stolpersteine hilft also nicht nur dabei, junge Menschen für die Schicksale verfolgter Künstlerinnen und Künstler zu sensibilisieren, sondern auch, an schlimmste Verbrechen zu erinnern. Dabei hilft es, wenn, wie z. B. im Fall von Werner Richard Heymann oder Hans Heller, Nachkommen in die Stunde eingeladen und ebenfalls interviewt werden können. »Wir müssen über das stumme Erinnern hinausgehende Formate finden«, erklärt Hella Dunger-Löper angesichts der Tatsache, dass es auch immer weniger Zeitzeugen gibt. Die Musikerpersönlichkeiten, die in den Podcasts vorgestellt werden, erwachen hier quasi wieder zum Leben. Nicht zuletzt dadurch, dass sich die Schülerinnen und Schüler auch mit deren Musik auseinandersetzen, Aufnahmen finden und diese in den Podcast einbinden oder sogar selbst etwas einstudieren und aufnehmen. Teilweise sind sie mit solchen Programmen im Anschluss auch aufgetreten.

Mit Hilfe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von radio3 lernen die Jugendlichen dann, wie man einen spannenden Podcast »baut«. Das Endprodukt, so Dümling, sei für ihn und seine Kollegen immer eine große Überraschung. Und die Ergebnisse können sich hören lassen: Durchaus unterschiedlich, aber immer informativ und abwechslungsreich berichten die Schülerinnen und Schüler über heute noch bekannte Personen oder solche, die kaum noch jemand kennt, obwohl sie in ihrer Zeit großes Renommee besaßen. Neben Heymann sind das z. B. Viktor Ullmann oder Arno Nadel. Bettina Brand hat sich auf Frauen fokussiert und sprach mit den jungen Menschen über Ursula Mamlok und Charlotte Schlesinger. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die Schicksale der Menschen waren, welche Wege sie genommen haben, in Ghetto und Vernichtungslager wie Ullmann oder ins Exil wie Schlesinger, die über verschiedene Fluchtpunkte schließlich in den USA, später in London landete und im Exil vor allem als Pädagogin tätig war.

Am Anfang seien die Schüler oft noch ein wenig zögerlich, erzählt Dümling. Wenn sie sich aber aktiv mit dem Thema auseinandersetzen, fangen sie offenbar Feuer. Die Ergebnisse zeugen jedenfalls davon, dass ihr Interesse geweckt wurde, dass sie in die Materie eingetaucht sind und einen Bezug zu dem Menschen entwickelt haben, über den sie im Podcast berichten.

Finanziert wird das Projekt aus dem Antisemitismusfonds des Berliner Senats, Schirmherr ist der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner. Neben dem rbb und musica reanimata sind weitere Partner und Förderer die Grotjah/Winterstiftung, die Dwight und Ursula Mamlok Stiftung und die Initiative Partnerschaft für Demokratie Steglitz-Zehlendorf.

Wie geht es weiter? Die Resonanz ist groß, es stehen bereits mehrere interessierte Schulen auf der Warteliste. Um das Projekt fortzusetzen, ist natürlich die weitere finanzielle Unterstützung von Nöten. Pläne bei den Verantwortlichen von musica reanimata gibt es genug. Hella Dunger-Löper berichtet außerdem von der Idee, die Stolpersteine auf andere künstlerische Sparten, z. B. Literatur oder Architektur, auszuweiten. Auch andere Landesmusikräte sollen von der Idee der Musikalischen Stolpersteine erfahren. Vielleicht entwickelt sich das Landes- irgendwann zu einem Bundesprojekt.

Ganz frisch ist die Meldung, dass die Berliner Musikalischen Stolpersteine in diesem Jahr mit dem antifaschistischen Jugendmedienpreis Das rote Tuch ausgezeichnet werden. Das ist Anerkennung und Motivation zugleich. Das Projekt verdient es auf jeden Fall, fortgesetzt und ausgebaut zu werden.

 

Mehr dazu

Konferenz »Musikalische Stolpersteine« – Konzert & Symposium 6. und 7. November 2025. In Kooperation mit dem Deutschen Musikrat und der Europäischen Akademie Berlin

Die Anmeldung zur Konferenz ist in Kürze über die Homepage des Landesmusikrats Berlin e. V. möglich

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.