Zwischen den Deutschen in Ost und West herrscht seit der Wiedervereinigung ein merkwürdiges Wechselverhältnis von Anziehung und Abstoßung, von Bewunderung und Verachtung, von Nähe und Distanz. Wobei die Distanz in letzter Zeit wohl größer geworden ist. Nach dem jüngsten Deutschlandmonitor sehen fast 40 Prozent der Ostdeutschen vor allem Nachteile in der Einheit.

Der Theaterkritiker und Schriftsteller Simon Strauss, der in beiden Teilen unseres Landes aufgewachsen ist, stemmt sich dieser Entfremdung entgegen. Der Wunsch nach einer Annäherung an die Lebensverhältnisse und Sichtweisen im Osten war ein wichtiges Motiv für sein neues Buch »In der Nähe«; wobei Nähe für ihn vor allem eine »ostdeutsche Sehnsucht« ist. Strauss beginnt seine Nahaufnahmen in einer Zeit, in der die Ferndiagnosen über den rätselhaften Osten überhandnehmen, der »Zooblick« von außen, wie er an einer Stelle seines Buches schreibt. Die nächsten Landtagswahlen stehen bevor und der Riss durch das Land könnte noch tiefer werden.

Als Westberliner, der in der Uckermark aufgewachsen ist, im Ausland studiert hat, heute für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, schaut er sich seine Landsleute im Osten lieber wieder von nahem an, wobei der Titel seines Buches eine subtile Botschaft enthält. Strauss will nicht »aus« der Nähe beobachten, sondern von innen, was für seine Hoffnung spricht, sich die Innenperspektive der Ostdeutschen auch tatsächlich aneignen zu können. Das ist kein ostalgisches Bedürfnis. Er traut der »Identitätskategorie Ost« viel mehr »gegenwärtige Bewusstseinskraft« zu, als gemeinhin behauptet; er spricht von »ostdeutsch« als »stolzer Selbstbeschreibung« und hört dabei einen Klang heraus, der nach Verwundung klingt, aber auch nach Können. »Könnensbewusstsein« ist ein neues, apartes Wort dafür.

Folgen wir dem Autor nach Prenzlau in die nordbrandenburgische Uckermark, seinem Laboratoriums-Ort für gemeinsame Nähe. Was er dort vorfindet, ist nicht spektakulär. Strauss beschreibt eine kleine Stadt im strukturschwachen Osten, die ihre Verwundungen und Vernarbungen im Angesicht trägt. Es sind die bekannten, oft gehörten Geschichten des Umbruchs, die er wieder erzählt; Beschreibungen einer gesellschaftlich und politischen Disruption, die viele nicht als Aufbruch erlebt haben. Er registriert den Niedergang der Betriebe und ihre manchmal wundersame Rettung; schreibt über die bekannten Konflikte um ein Asylbewerberheim, das zweite im Ort; sieht die bürokratische Hilflosigkeit der Politik und natürlich den großen, den bedrohlichen Elefanten im Raum: die AfD und ihre wachsende Präsenz im täglichen Leben.

Häufig unterscheidet sich seine Nahperspektive gar nicht so sehr von den üblichen Ferndiagnosen. Selbst persönliche Begegnungen überraschen den Leser nicht, wenn sich die Neugier des Besuchers mit Ratlosigkeit mischt. Wie auch im Roman der jungen Schriftstellerin Elsa Koester, deren Heldin Nana sich an den äußersten Rand des Ostens begibt, dem »Land der Wölfe« wie sie es nennt, um in einem fiktiven Ort namens Grenzlitz den »rechten Oberbürgermeister« zu verhindern. Ihr Roman zeigt noch deutlicher, wie Zuordnungen und Grenzen verschwimmen, wenn man den Dingen zu nahetritt.

Trotzdem hat mich der Begriff der Nähe fasziniert. Ich hatte die kleinen Beobachtungen am Rande erwartet, die leisen Mauerblümchengeschichten; Beschreibungen vom Verschwinden oder Bewahren, weniger die politischen Fragen der Zeit. Denn die Wende hatte für den, der sie im Osten miterlebte, auch leise, melancholische Töne. Da brach ein System mit dröhnendem Krachen zusammen, aber das Flüstern seiner Bewohner, das blieb. Vielleicht ist es genau das, was den Westen jetzt so erschreckt. Dieser Osten flüstert nicht mehr. Er meldet sich plötzlich lautstark zu Wort. Es ist ein neues gemeinschaftliches Selbstbewusstsein entstanden. Von der Erfindung der Ostdeutschen spricht man jetzt überall.

Die Stimmung in den neuen Ländern ist dadurch nicht besser geworden. Wer aus dem Westen kommt, begegnet einem sehr fremdartig tickenden Land. Was umgekehrt wohl nicht anders ist. Es verhält sich häufig wie mit der bekannten Ethnologenerfahrung. Man sucht nach dem Anderen und findet am Ende sich selbst.

So geht es am Ende wohl auch dem Autor Strauss. Was ich von ihm über Prenzlau und den Osten erfahre, ist keineswegs neu und überrascht mich auch nicht. Dafür muss ich keine Gebrauchsanweisungen lesen. Beeindruckend wird das Buch aber dort, wo ich mehr über den Autor erfahre, über seine Sicht auf den Osten, wo die politische Kultur »gärt« und von wo aus sich unser Land offenbar »besser beobachten lässt als in Schwabing oder auf Sylt«.

»Ost« wird bei Strauss zum »Codewort« des Neuen, des Rebellischen und Unorthodoxen. Er glaubt das Bedeutende im Verborgenen zu erkennen, das Unscheinbare im Gewöhnlichen. Der Alltag in Prenzlau ist ihm eigentlich schnuppe; es geht vielmehr um eine neue Idee davon; um die »Zeichen einer verschatteten Dimension von Wirklichkeit«, die er aus den Gesten und Nebenbemerkungen der Leute liest. Seine Nahwahrnehmung ist eine romantische, man darf auch sagen: eskapistische Sicht auf den Osten. Aber – sie ist es eben nicht nur.

Wer weiß, schreibt Strauss, ob »Deutschlands Schicksal nicht bald unter neuen Vorzeichen steht«. Er betrachtet den dortigen Rechtsruck weniger »im apokalyptischen Licht einer zerstörungswütigen Systemfeindschaft als im Zusammenhang mit einem rachsüchtigen Willen zum Nonkonformismus«. »Famous last words«, möchte man spotten, bevor der Sturm der Entrüsteten über den Autor hereinbricht. Für einen Moment will ich einen Spalt für die Frage öffnen, ob Strauss vielleicht etwas wahrnimmt, was anderen Beobachtern verschlossen blieb. Doch wahrscheinlich ist diese Frage ziemlich vergeblich. Die Fronten sind zu verhärtet. Strauss hat sein Buch gegen einen Westen geschrieben, der partout nicht akzeptieren will, was im Osten gerade passiert.

So sehe ich die Verortung des Geschehens in Prenzlau eher als Lokalkolorit. Prenzlau wird für Strauss vielmehr zum Vermessungspunkt einer neuen Sichtachse, die von Osten nach Westen verläuft. »The savage hits back«, hieß einst ein berühmtes Buch des Kölner Ethnologen Julius Lips, der Deutschland in der Nazizeit verlassen musste. Auch aus dem Osten kommen neuerdings solche Signale. Die Ränder verschieben sich in Richtung des liberalen Kerns unserer Republik. Die Perspektive der Wiedervereinigung kehrt sich um. Unser vereintes Land könnte womöglich doch »östlicher« werden. Simon Strauss ist zum Beobachter, aber vielmehr zum Wahrsager eines schier unglaublichen Vorgangs geworden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026