Zunehmend erleben Mitarbeitende von NS-Gedenkstätten unangemessenes, teilweise auch strafbares Verhalten von Jugendlichen und Schulklassen. Barbara Haack sprach darüber mit Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen und Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.
Barbara Haack: Wir sprechen über Vandalismus und Missachtung in NS-Gedenkstätten, insbesondere über das Verhalten von jungen Menschen und Schulklassen, die sich bei Besuchen und Führungen unangemessen verhalten, schmähen, beleidigen, beschädigen. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gedenkstätte, was hören Sie von Kollegen und Kolleginnen an anderen Institutionen?
Elke Gryglewski: Wir machen alle die Erfahrung, dass sich das Klima verändert hat. Wir erleben in Bergen-Belsen auch, dass beispielsweise ein Schüler in der Ausstellung den Hitlergruß zeigt. Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, sagt, dass so etwas bei ihm fast täglich passiert. Kolleginnen aus Sachsenhausen haben berichtet, dass sich Schüler demonstrativ umdrehen und mit den Rücken zum Guide stellen. Man muss noch differenzieren zwischen den alten und neuen Bundesländern. Aber auch bei uns hat sich die Situation erheblich verschlechtert.
Wenn sich jemand umdreht, dann zeigt das eine deutliche, auch ideologische Positionierung. Andere sind vielleicht einfach respektlos oder desinteressiert. Was, glauben Sie, sind die Ursachen für ein solches Verhalten?
Ich glaube, dass eine inhaltliche Positionierung dabei eine große Rolle spielt. Dabei gibt es unterschiedliche Haltungen bei den Jugendlichen: Haltungen, die dezidiert rechts sind, aber auch Haltungen eines Gelangweiltseins. »Was sollen wir schon wieder mit diesem Thema?« Es kann aber auch sein, dass so ein Besuch verquer vorbereitet worden ist, zumindest ist es das, was die Kollegen aus Sachsenhausen und Buchenwald erzählen. Irgendwo muss dieser große Prozentsatz von AfD-Wählerinnen und -Wählern ja herkommen. Da sind auch Lehrkräfte dabei, die dann nicht reagieren, wenn die Jugendlichen sich auf diese Weise positionieren, die gar keine Lust und kein Interesse haben, zu intervenieren oder Einfluss darauf zu nehmen, wie ihre Gruppe sich verhält.
Wie reagieren diejenigen, die Schulklassen durch die Gedenkstätte führen? Wie kann man überhaupt adäquat reagieren?
Wir sind uns sehr bewusst, dass wir es bei Schulklassen mit pädagogischen Kontexten zu tun haben. Wenn ich solche Verhaltensweisen erlebe, dann habe ich als Gedenkstättenmitarbeiterin immer die Pflicht, das Gespräch zu suchen: Woran liegt dieses Verhalten? Es kann sein, dass sich so etwas sehr produktiv auflöst, wenn die Jugendlichen plötzlich eine Wertschätzung spüren, die sie von ihrer eigenen Lehrkraft nicht bekommen haben. Wir sind in den Gedenkstätten untereinander genau in diesen Diskussionen: Bis wohin gehen pädagogische Interventionen, und ab wo geht es um eine durchaus auch strafrechtliche Ahndung oder Anzeigenerstattung? Ab wann werden Teilnehmer und Teilnehmerinnen von Veranstaltungen ausgeschlossen? Das Spektrum dessen, was an Reaktionen nötig ist und auch ausgeübt wird, ist breit.
Das heißt, dass es tatsächlich eine Wirkung haben kann, wenn man mit den Jugendlichen ins Gespräch kommt?
Das ist ein großes »kann«. Jemand, der bereits eine rechte oder eine dezidierte Haltung zu diesen Orten hat, den werde ich nicht im Zuge eines solchen Besuchs umkehren können.
Es klingt unfassbar: Die jungen Menschen stehen in einer solchen Gedenkstätte und bekommen hautnah mit, was dort passiert ist, können es sehen und auch fühlen. Haben die Jugendlichen, die sich so verhalten, eine ganz dicke Haut, lassen sie es gar nicht an sich heran, oder glauben sie es einfach nicht?
Jens-Christian Wagner hat mir Bilder gezeigt, auf denen Jugendliche neben den Krematoriums-Öfen posieren; oder eine Schülerin kriecht in den Krematoriums-Ofen hinein und macht Posts für Instagram. Das ist schon eine besondere Form des Abgebrühtseins. Das kann damit zusammenhängen, dass viele Bilder in den digitalen Medien schon vorhanden sind, dass es gar nicht mehr dieses Überraschungsmoment gibt. Durch die Nutzung dieser Medien, in denen viel Abwertendes und Trivialisierendes unterwegs ist, findet schon außerhalb der Gedenkstätten eine Vorbereitung auf diese abwertende Haltung statt.
Es gibt allerdings in pädagogischen Kontexten kein Schema F. Vielleicht will sich diese Jugendliche vor ihrer Klasse einfach als besonders mutig beweisen? Ich weiß ja nicht, wie es ihr innerlich geht. Aber wenn ein Schüler in der Ausstellung in Bergen-Belsen steht, wo es sehr viel Gewalt transportierendes Fotomaterial gibt und da dann trotzdem den Hitlergruß zeigt, dann weist das auf eine ganz besondere Form der Abstumpfung hin.
Zeigen Sanktionen, rechtliche Eingriffe, Ausschluss aus Veranstaltungen Wirkung? Und führen solche Eingriffe auch zu Verurteilungen oder Strafen?
Das ist ein Feld, das wir gar nicht immer verfolgen können. Manche Dinge führen nicht zu einer Strafe. Es geht vor allen Dingen darum, dass diese Jugendlichen und Erwachsenen nicht die Gedenkstätte verlassen können sollen mit dem Gefühl, wir haben es denen gezeigt. Es geht für uns auch darum zu zeigen, dass wir Grenzen setzen.
Sie machen aber sicher auch positive Erfahrungen mit Schulklassen, mit Jugendlichen, die dort hingehen und betroffen sind, und sich vielleicht näher mit diesen Themen beschäftigen.
Das ist genau die Ambivalenz, in der wir uns bewegen, dass wir einerseits auf diese negative Entwicklung hinweisen müssen, auch um aufzuzeigen, dass das wirklich ein Bedrohungsszenario für die demokratische Verfasstheit unserer Gesellschaft ist. Gleichzeitig ist es wichtig zu sagen, dass der überwiegende Teil unserer Besucherinnen und Besucher interessiert ist. Es gibt viele Lehrkräfte, die sagen, gerade in der jetzigen Situation möchte ich kommen, und wir erleben eine offene Haltung der Jugendlichen.
Haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen der anderen Gedenkstätten Ideen, wie man gegensteuern könnte, auch mittel- und langfristig?
Es funktioniert nicht, wenn wir als Gedenkstätten allein darauf reagieren; wir müssen vernetzt arbeiten, z. B. mit den Lehrkräften, wenn beispielsweise Jugendliche, die nicht aus einer rechten Haltung, sondern aus anderen Haltungen heraus so reagieren, dabei unterstützt werden müssten zu erkennen, an was für einem besonderen Ort sie sind. Das schaffen wir nicht allein. Im Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Situation müssen wir uns mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und Akteurinnen vernetzen. Das tun wir auch. In Niedersachsen gibt es sehr viele völkische Gruppen und eine in ländlichen Regionen starke AfD oder sogar weiter rechts stehende Gruppierungen. Wir sind da alle in Bündnissen unterwegs, die sich dagegen wehren, die zu Demonstrationen aufrufen, die Veranstaltungen organisieren.
Gerade hat der Kulturstaatsminister ein neues Gedenkstättenkonzept vorgelegt. In der letzten Legislaturperiode wurde eines vehement abgelehnt. Wie stehen Sie zu dem neuen Konzept?
Wir haben das letzte Konzept vor allen Dingen deswegen abgelehnt, weil es additiv alles, was man machen müsste, aneinandergereiht hat, ohne bestimmte Zusammenhänge darzustellen. Das, was jetzt vorgelegt wurde, ist erheblich präziser und ist auch viel mehr das, was man unter einer Gedenkstättenkonzeption verstehen muss, nämlich schlicht eine Beschreibung der Situation und dann, daraus abgeleitet, ausführt, was man fördern sollte. In dem neuen Konzept ist die Beschäftigung mit dem Thema Kolonialismus nicht mehr enthalten. Herr Weimer hat angekündigt, dass er dazu eine gesonderte Förderlinie ins Leben rufen wird. Wenn er das tut, ist das gut. Wir haben dazu innerhalb der AG KZ-Gedenkstätten durchaus unterschiedliche Positionen. Ich hätte es besser gefunden, wenn das Thema auch in dem Papier enthalten wäre. Ich glaube, dass es dadurch klarer würde, wovon wir eigentlich sprechen.
Im Moment stehen, auch aufgrund der Situation in Nahost, bei der Frage, um was es bei dem Thema Kolonialismus geht, völlig disparate Vorstellungen im Raum. Ich finde gut, dass es im Moment eine Vernetzung zwischen den NS-Gedenkstätten und den Akteuren und Akteurinnen im Bereich Kolonialismus gibt.
Haben Sie eine spürbare Veränderung im Besucherverhalten seit dem 7. Oktober 2023 erlebt? Wurde der zunehmend sich zeigende Antisemitismus deutlich?
Das ist ganz klar ein Thema. Wir haben große Diskussionen gehabt zur Frage: Wie gehen wir damit um, wenn Besucher die Kufiya tragen. Interessanterweise kommt das eher bei Erwachsenen vor. Wir hatten aber z. B. die Situation, dass ein Schüler mit einem Free-Palestine-T-Shirt kam und dieses »Free-Palestine« auch Israel einschloss. Da gab es ein Gespräch, und aufgrund dieses Gesprächs musste der Schüler im Bus bleiben.
Wie geht es Ihnen ganz persönlich damit, dass Menschen in Ihre Gedenkstätte kommen und das, was Ihnen und vielen anderen am Herzen liegt, auf diese Art mit Füßen treten?
Wir haben als Gedenkstättenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter unsere Energiequellen oder Safe Spaces. Ich erlebe ein sehr freundliches Miteinander mit den Kollegen und Kolleginnen, auch aus anderen Gedenkstätten in Niedersachsen und der Bundesrepublik. Dieses Gemeinsame ist wichtig. Aber natürlich fragt man sich manchmal, wo wird das hinführen?
Spüren Sie in Niedersachsen bereits einen deutlichen Gegenwind von der AfD?
In Niedersachsen noch nicht. Es geht eher um die Frage, wie geht man damit um, wenn es einen Angriff gibt? Beispielsweise als der Stiftungssitz vor zwei Jahren direkt angegriffen und die Fensterscheiben zerschlagen wurden. Das war keine schöne Woche. Aber ich glaube nicht, dass wir uns diesen Ängsten hingeben sollten, wir sollten nicht aufhören, unsere Arbeit zu machen.
Vielen Dank.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026