Als derzeitiger Vorsitzender des Netzwerks STADTKULTUR darf ich auf ein halbes Jahrhundert kommunaler Kulturzusammenarbeit der Städte in Bayern zurückblicken. STADTKULTUR Bayern entstand Mitte der 1970er-Jahre aus einer visionären Idee: Bayerische Städte und Gemeinden sollten ihre Kräfte bündeln, um Kunst und Kultur gemeinsam zu fördern – lokal verankert, überregional vernetzt. Kulturreferenten wie Hermann Glaser (Nürnberg) und Wolf Peter Schnetz (Erlangen) gehörten zu den geistigen Vätern dieser Bewegung.
Am 29. September 1975 wurde auf dem Bayerischen Städtetag in Nürnberg der »Arbeitskreis für gemeinsame Kulturarbeit bayerischer Städte« offiziell gegründet. Dieser frühe Zusammenschluss folgte einem klaren Motiv: Durch Kooperation und Austausch wollten wir kulturelle Angebote auch jenseits der Metropolen zugänglich machen und gemeinsam kulturpolitisches Gewicht entwickeln.
Schon 1979 formulierten die Mitglieder vier Kernziele, die bis heute tragen: den kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen den Kommunen zu verbessern, Kulturprogramme gegenseitig zu vermitteln, gemeinsame Projekte zu planen und langfristig organisatorische sowie finanzielle Grundlagen für mehr Zusammenarbeit zu schaffen. Es ging von Anfang an darum, Kulturarbeit durch Vernetzung effizienter, breiter und für mehr Menschen erlebbar zu machen.
Vom Arbeitskreis zum Städtenetzwerk: STADTKULTUR im Wandel
Was in den 1970ern als kleiner Arbeitskreis begann, hat sich über fünf Jahrzehnte zu einem landesweiten Städtenetzwerk entwickelt. In den Anfangsjahren lag der Schwerpunkt darauf, kulturelle Angebote der Mitgliedsstädte auszutauschen – beispielsweise gastierten Ensembles und Ausstellungen wechselseitig in verschiedenen Kommunen. Bald schon organisierte der damalige Geschäftsführer Karl Manfred Fischer eigene Wanderausstellungen, die durch Bayern tourten und sogar bundesweit gezeigt wurden. Dieser praktische Kulturtransfer war Kern unserer Arbeit: Kunst für jeden Geldbeutel.
Im Laufe der 1980er und 1990er Jahre wuchs das Netzwerk personell und thematisch. 1993 wandelte sich der Arbeitskreis in einen eingetragenen Verein, was die Strukturen professionalisierte. Spätestens mit dem Umzug der Geschäftsstelle nach Ingolstadt 2001 und der ersten hauptamtlichen Geschäftsführerin Christine Fuchs begann eine neue Phase. Eine Umfrage unter den Mitgliedern zeigte damals den Wunsch nach noch mehr Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Projekten. Der Verein stellte die Weichen entsprechend. In der Folgezeit traten immer mehr Städte bei: Zählte der Verein 2001 erst 19 Mitglieder, so waren es 2010 bereits 47. Heute umfasst STADTKULTUR über 50 Kommunen im ganzen Freistaat. Diese Expansion spiegelt den Bedarf an Vernetzung: Von der Kleinstadt bis zur Metropole schätzen Kulturverwaltungen unseren Kollegialkreis.
Ab den 2000er Jahren initiierte STADTKULTUR bayernweite Kulturfestivals zu aktuellen Themen. Eine Erweiterung des Netzwerks und der Mitgliederzahlen war die Folge. So standen etwa 2004/06 die Literaturlandschaften im Zeichen der regionalen Literatur, 2008 beleuchtete »Kunsträume Bayern« die Bildende Kunst, 2012 rückte »Stadt.Geschichte.Zukunft« den Stadtraum als künstlerischen Schauplatz ins Zentrum. Mit »Lokalklang« feierten wir 2014 die Musik der Regionen, während »Gewebe« Textile Projekte 2016 in den Fokus nahm. In den späten 2010er Jahren reagierten wir auf gesellschaftliche Herausforderungen: Das Festival »kunst&gesund« sowie das 2019 AOK-geförderte Projekt »gesund mit kunst« erkundeten 2018 den Zusammenhang von Kultur und Gesundheit. Und zwischen 2020 und 2023 widmeten wir uns mit dem Städtefestival »Kunst:Klima:Kunst« dem Klimawandel. Bemerkenswert: Diese Projekte fanden ab 2020 Eingang in die deutschen Staatenberichte zur UNESCO-Konvention Kulturelle Vielfalt.
All diese Projekte zeigen: STADTKULTUR Bayern denkt Kulturarbeit als Reaktion auf gesellschaftliche Fragen – immer verankert in der kommunalen Praxis, immer offen für Neues.
Kommunale Kultur als Treiber der Transformation
Die Beispielprojekte machen deutlich, welche Rolle das Netzwerk STADTKULTUR Bayern als Netzwerk für die Transformation der Städte spielt. Kulturpolitik ist längst nicht mehr nur »schönes Beiwerk«, sondern ein Gestaltungsfeld für Zukunftsfragen. Unsere Mitgliedsstädte stehen vor vielfältigen Transformationsaufgaben – von der demografischen Entwicklung über Digitalisierung bis zur ökologischen Nachhaltigkeit. STADTKULTUR versteht sich dabei als Plattform und Motor, um diesen Wandel gemeinsam zu gestalten. Wir haben jüngst die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ausdrücklich in unserer Satzung verankert. Damit bekennen wir uns zu ökologischer und sozialer Verantwortung: Von ökologischer Nachhaltigkeit über Kulturelle Bildung, Stadtentwicklung, soziale Teilhabe, Diversität bis Digitalisierung – all diese Schwerpunkte haben wir uns gemeinsam gesetzt. Ein aktuelles Praxisbeispiel ist die von uns herausgegebene Broschüre »Nachhaltige Kulturkommunen«, in der zehn Städte ihre Konzepte für klimafreundliche Kulturarbeit vorstellen. Die Botschaft dahinter: Kulturelle Qualität und Klimaverträglichkeit widersprechen sich nicht – sie gehören im Gegenteil zusammen. Gerade die Kommunen können hier vorangehen, indem sie Kulturprojekte nachhaltig ausrichten, ohne die künstlerische Freiheit einzuschränken. Als Netzwerk helfen wir, solche guten Ansätze sichtbar zu machen und in andere Städte zu tragen.
Nicht zuletzt fördert STADTKULTUR die Transformation im Kleinen: In unseren Städten entwickeln wir neue Formate der Bürgerbeteiligung und der kulturellen Bildung. Unsere Runden Tische greifen Themen wie Diversität, Antidiskriminierung oder die Zukunft der Kulturförderung auf. So treiben wir lernend und vernetzend den kulturellen Wandel voran. Ich bin überzeugt, dass gerade in Zeiten rasanter Veränderungen kommunale Netzwerke ein Stabilitätsanker sind.
Als Vorsitzender von STADTKULTUR trete ich dafür ein, dass Kulturpolitik in Bayern auch in den kommenden 50 Jahren mutig, vernetzt und inklusiv bleibt. Bayern ist ein Kulturstaat – doch diesen Anspruch mit Leben zu füllen, gelingt nur gemeinsam, vor Ort mit den Menschen. Unser Netzwerk ist bereit, weiterhin als Transformationslabor für die Städte zu dienen – damit die kulturelle Landschaft Bayerns vielfältig blüht und gedeiht. In diesem Sinne: Lassen Sie uns die Stadt als Garten begreifen und gemeinsam dafür sorgen, dass Vielfalt Wurzeln schlägt!