Viel ist gesagt und geschrieben worden über die wohl bedeutendste internationale Kunstausstellung, gerade nach ihrer letzten Ausgabe im Jahr 2022, die einige Stimmen gerne zur allerletzten erklären wollten. Die Krise, die aufgrund von Antisemitismus-Vorwürfen strukturelle Probleme offenbarte, hätte das Ende einer Ära werden können. Glücklicherweise stellte sie im Fall der documenta einen Wendepunkt dar, aus dem ein Neuanfang hervorgegangen ist – doch sie war und ist kein Einzelfall.
Es scheint aktuell, als wolle der Boden, auf dem Kultureinrichtungen stehen, erodieren. Weltweit erleben wir Beispiele von Cancel Culture. Irgendwo in der Kunst, sei es in einem Theaterstück, einer Plastik, einem literarischen Text, passiert etwas, an dem ein Teil der Gesellschaft Anstoß nimmt, wohingegen es bei einem anderen Teil zumindest Interesse weckt. Nun könnte man sagen, wunderbar, das ist ein guter Ausgangspunkt für eine Debatte. Doch stattdessen tilgt man den Stein des Anstoßes. Das ist der Versuch der Meinungsverhinderung mit der Begründung, eine Grenze sei überschritten. Gemeint sind abgesagte Konzerte, weil Menschen finden, ein Künstler wie Lahav Shani habe sich nicht genügend von den Handlungen der israelischen Regierung distanziert. Gemeint ist das Entfernen von Büchern aus Schulen und Bibliotheken, aktuell insbesondere in den USA zu sehen, weil Themen wie Diversität als moralisch bedenklich eingestuft werden.
Wir dürfen nicht vergessen: Es geht hier zunächst um Kunstwerke, aber im nächsten Schritt um Menschen, die zum Schweigen gebracht werden und die letztlich verschwinden sollen. Es ist Angst, die aus dem Versuch zu tilgen spricht und sich aggressiv gegen die unkontrollierbaren Werke und deren Urhebende wendet. Das ist ein Weg, den wir nie wieder wählen sollten, wenn wir behaupten, aus unserer eigenen Geschichte gelernt zu haben. Demokratie ist auf eine funktionierende Öffentlichkeit angewiesen. Und darauf müssen auch Kultureinrichtungen vertrauen können.
Wir vollziehen den Übergang von einer Ordnung, in der Konflikte übersichtlicher kanalisiert und normiert wurden, zu neuen Formen der Erzeugung und Verbreitung von Inhalten. Der exponenziell wachsende Raum sozialer Medien birgt eine Tendenz, alle Lebensbereiche zu erfassen, auszustellen und zu kommentieren. Schier jede Geste wird so politisch, jede Einstellung moralisch, nicht selten mit emphatischem Wahrheitsgestus aufgeladen. Hier kommt es auf das innerliche Erleben an, Authentizität und Unmittelbarkeit sind alles. Diese Erfahrung kann uns als Gesellschaft an den Rand der Überforderung bringen. Und sie begünstigt ein Geschäftsmodell der Empörung, das Populisten glänzend beherrschen. Aber diese Erfahrung fordert uns auch heraus, gerade Institutionen der Kultur nicht zu Kathedralen der Gewissheit zu machen, sondern zu Räumen, in denen Widerspruch und die Freiheit des Denkens und des Ausdrucks möglich bleiben.
Wir sollten den Abgrund nicht herbeireden, im Gegenteil. Die deutschen Kunst- und Kulturinstitutionen leisten hervorragende Arbeit, gönnen sich keine Pause und entwickeln sich ständig weiter. Doch sie können unsere Demokratie nicht retten. Und das müssen sie auch nicht. Vor einer Dienstbarmachung der Kunst, selbst für die gute Sache, sollten wir uns hüten. Die Lage der Kultureinrichtungen, wie auch die documenta, führt uns eine Zeit vor Augen, in der wir immer häufiger an Grenzen geraten – kulturell, politisch, menschlich. Gerade weil die documenta als geradezu legendärer Raum der Freiheit angelegt ist, wurde sie 2022 zum Brennpunkt dieser Entwicklung. Die Konflikte um die gezeigte Kunst waren zu komplex für die praktizierten Strukturen. Verantwortlichkeiten blieben diffus, Reaktionen kamen zu spät oder fielen panisch aus, und die öffentliche Debatte wurde schematisch. Die Krise der documenta fifteen offenbarte die Überforderung der Akteure, im diskursiven Erfahrungsraum souverän zu agieren, vielschichtige Konflikte auszuhalten und sie inhaltsbezogen und historisch verortet zu bearbeiten.
Ohne Zweifel: Die Konflikte und globalen Wunden, die in der Empörung zur letzten documenta und auch jetzt zitiert wurden, sind grauenhaft und riesig. Der Kolonialismus und seine Folgen. Der Holocaust und andauernder Antisemitismus. Die Frage von Krieg und Frieden in Nahost. Diese Konflikte bringen uns an Grenzen – der Sprache, des Erträglichen, des Sagbaren. Dennoch: Der öffentliche Diskurs darüber darf nicht einzig in einer reflexgetriebenen Wutspirale aufgehen und unsachliche Vermengungen befördern. Gerade Kulturinstitutionen müssen Räume offenhalten, in denen sich üben lässt, Spannungen und Ambiguitäten zu tolerieren, ohne vorschnell zu urteilen. Wer an der Grenze bestehen will, darf nicht auf Eindeutigkeit setzen, sondern auf Diskursfähigkeit.
Moderne Kunst ist weder Schonraum noch Diätgetränk, das sich risikofrei genießen lässt. Kunst kann Grenzen spielerisch ausloten oder sogar überschreiten. Deutungsoffenheit ist ihr zu eigen, was Kritik erforderlich macht. Kunst ist besonders exponiert, weil sie den – gesetzlich garantierten – Anspruch erhebt, unerhörte Freiheit zu wagen. Umso mehr braucht es eine entschiedene Haltung der Akteure, Hass und Verachtung auch jenseits des strafrechtlich Relevanten nicht zu tolerieren. Erst diese klare Haltung komplettiert die Voraussetzungen und festigt den Boden, auf dem die weite Freiheit der Kunst möglich wird. Und auf dieses verantwortliche Handeln kultureller Akteure müssen und können wir grundsätzlich weiter vertrauen. Was wäre die Alternative?
Für die documenta war es noch nie ein Leichtes, aber ihr ist zu wünschen, dass ihre nächste Ausgabe – wie jede große Ausstellung, jedes Theater, jedes Festival – sich diesen Spannungen stellt. Ja, es wird wieder Konflikte geben. Vielleicht neue, vielleicht alte in neuem Gewand. Aber der Maßstab werden nicht die Konflikte sein, sondern die Souveränität, mit der wir ihnen begegnen. Das gilt auch für unsere Gesellschaft. Kulturinstitutionen wie die documenta haben dann Zukunft, wenn sie sich als Foren verstehen, in denen Differenz ausgehalten, Ambiguität bearbeitet und Urteil und Spiel in Balance gebracht werden. Nur so lässt sich das Vertrauen in ihre Bedeutung und gesellschaftliche Kraft erneuern.