Es war nur eine politische Sternschnuppe am Himmel über Berlin – die Ankündigung der Berliner Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch, die Geschichte der DDR aus dem Pflichtstoff für die Oberstufe der Gymnasien zu streichen. Und sie war schon wieder verglüht, bevor man sie überhaupt richtig wahrnehmen konnte. Denn der öffentliche Protest kam sofort und war heftig. Die CDU-Politikerin beeilte sich daher schleunigst, ihre Schnapsidee wieder fallen zu lassen und der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass sie selbstverständlich Abstand von diesen Plänen nimmt. Vielleicht ist ihr da auch erst klargeworden, dass es sich keineswegs um ein verzichtbares Nischenthema handelt, sondern um die Erinnerung an unsere geteilte Geschichte und an die Opfer, die mitten unter uns leben.  

Man weiß bei dieser Nachwendegeneration, der Frau Günther-Wünsch angehört, ja nie so genau, ob sie überhaupt an diese Geschichte und ihre eigene DDR-Kindheit erinnert werden wollen. Sie haben sie zumeist abgelegt wie einen alten Anorak, aus dem sie herausgewachsen sind bei ihrem Start in die Einheit. Aber noch leben die Zeitzeugen dieses Regimes. Noch gibt es viele Schicksale zu klären. Noch kann überhaupt keine Rede davon sein, dass die DDR ausgeforscht sei, wie manche Westhistoriker seit Jahren behaupten. Auch wenn die goldenen Jahre der Wendezeit vorbei sind, als sich die lange verschlossenen Archive im Osten öffneten und unvorstellbare Mengen aufregender Dokumente preisgaben. Ein Glücksfall für Zeithistoriker. 

Es wäre müßig, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet eine Berliner Schulsenatorin, die eine sächsische Vita besitzt und aus Dresden stammt, so einen Vorschlag überhaupt in Erwägung ziehen konnte, wenn der Vorgang nicht so bezeichnend wäre für eine Grundstimmung in dieser Zeit, in der die alten Heldengeschichten über die friedliche Revolution umgeschrieben werden und einer weit verständnisvolleren Sicht auf die DDR und das Leben unter dem SED-Regime weichen. Weshalb sich bei solchen Anlässen reflexartig der frühere Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe zu Wort meldet und unverdrossen daran erinnert, dass die DDR kein harmloses Ringelreihen war, sondern ein repressives Regime. Der »großangelegte Versuch«, wie er schreibt, »Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Mit Überwachungsapparat, Gefängnissen und dem Einsperren der eigenen Bevölkerung«. 

Man sollte der Berliner Schulsenatorin nicht unterstellen, dass sie das völlig vergessen hat. Umso unbegreiflicher aber ist deshalb ihr Vorstoß, der dringend notwendigen Wissensvermittlung über die zweite deutsche Diktatur den pädagogischen Raum zu entziehen. Die Frage muss schon erlaubt sein, warum ausgerechnet eine christlich-demokratische Politikerin mit Wurzeln in Dresden daran mitwirkt, dass geschichtspolitische Leerräume entstehen, die sich derzeit erschreckend schnell mit neuen, zum Teil haarsträubenden Erzählungen über die idyllische DDR füllen. Man muss nur in Dirk Oschmanns Erfolgsbuch über den Osten als »westdeutsche Erfindung« lesen, um zu begreifen, wie geschickt sich Geschichtsklitterung heute hinter Empörung versteckt. Sein Buch ist ein Bestseller geworden. Wohingegen die Berliner Schulsenatorin den seriösen Geschichtsunterricht für entbehrlich hält. 

Es ist müßig nach ihren persönlichen Motiven zu fragen. Wahrscheinlich würde sie gar keinebenennen wollen. Wer auf solche Karrieren wie die ihre trifft, erlebt häufig Menschen, denen ihre Patina fehlt; man braucht lange, um überhaupt etwas über ihre Biografie zu erfahren. Sie sind merkwürdig geschichtslos in die Einheit gekommen. Man fühlt sich an den Typus Merkel erinnert. Aber da diese Pragmatiker rasch gelernt haben, die Dinge nach ihrem Vorteil zu sehen, kann man sogar verstehen, warum sie mit den Gedenkritualen um ein verblichenes System nicht mehr viel anfangen können. Das gilt sowohl für die Fragen der Erinnerungskultur, der es nicht gelungen ist, die friedliche Revolution als Gründungsmythos der Einheit zu etablieren; als auch für die akademische DDR-Geschichtswissenschaft, die mittlerweile ein Nischendasein fristet.  

Denn anders, als es die Flut von Erinnerungsbüchern und Exkulpationsbemühungen derzeit vermuten lässt, scheint die DDR-Forschung in der Sackgasse zu stecken; sie spielt jedenfalls, will man Historikern wie Jürgen Kocka oder Jörg Baberowski glauben, im eigenen Fach kaum eine Rolle mehr und hat den Anschluss an die neueren Tendenzen verpasst.  

Das liegt in nicht unerheblichem Maß an ihrer Fixierung auf die innerdeutsche Perspektive, aber auch an dem Umstand, dass die Trennung zwischen Erinnerungskultur und Geschichtsforschung noch nicht vollzogen ist. Historisches Wissen und geschichtspolitische Deutung fließen weiterhin ineinander. Und wer an diesem Zustand etwas ändern will, handelt sich schnell den Vorwurf der Beschönigung ein: Harmlose Alltagsthemen statt Gewaltgeschichte eines Regimes. 

Die ernsten Fragen aber bleiben: War die DDR nun ein Unrechtsstaat oder eher eine Weggabelung deutscher Geschichte? Gab es das vielbeschworene wahre Leben im falschen System wirklich? Oder war auch der Alltag im SED-Staat nur der harmloser erscheinende Teileiner durchmachteten Gesellschaft? Aber die Geschichtsschreibung über die DDR bleibt – so könnte man die These wagen – in der Sichtweise der Wiedervereinigung gefangen. Was einer der Gründe dafür sein könnte, warum dieses Kapitel deutscher Geschichte im Bewusstsein der breiteren Öffentlich eine immer geringere Rolle spielt. Die beiden Teile unseres Landes haben sich wieder entfremdet. 

Verstärkt wird das alles noch durch die aktuelle weltpolitische Entwicklung. Die Erinnerungen an die einstigen Machtblöcke des Kalten Kriegs werden inzwischen überlagert von neuen, noch gefährlicheren Spaltungstendenzen in der globalen Welt. Der lange als die große historische Zäsur empfundene Fall der Mauer erscheint fast nur noch als Randnotiz. Mehr noch: Das einstige Siegermodell des Westens ist inzwischen selbst zum Sanierungsfall geworden. Sogar die großen Freiheitsbewegungen im Osten, die einstmals das große Vorbild waren, sind wieder in nationale Kartelle zerfallen. Was verbindet uns heute noch mit Ungarn und der ersten Grenzöffnung? Was mit dem Polen der Solidarność? Und von der russischen Perestroika unter Gorbatschow können wir ohnehin nur noch träumen. 

Die Beschäftigung mit der DDR und ihrem weiterhin schwärenden Erbe wäre gut beraten, wenn sie sich von der engen Perspektive innerdeutscher Aufrechnungen befreien würde. Der SED-Staat war ohne Frage ein sowjetisches Konstrukt; er war ein repressives Regime und ein dramatisch gescheitertes soziales und ökomischen Experiment. Aber dieses Regime stand auch in der Tradition der Arbeiterbewegung, dem anderen großen Modernisierungsstrang der neueren Geschichte und besaß ein alternatives, freilich utopisches Potenzial. Nicht ohne Grund existierte jahrzehntelang der Eindruck einer manifesten Systemkonkurrenz. 

Das alles wären triftige Gründe, die DDR-Geschichtsschreibung und ihre pädagogische Vermittlung wieder neu zu befeuern. Und es gäbe dafür auch einen aktuellen Anknüpfungspunkt. In Halle an der Saale entsteht in den nächsten Jahren das große Zukunftszentrum der neuen Länder, ein monströses Wiedergutmachungsprojekt für den gedemütigten Osten. Dort soll künftig in großem Maßstab über das Erbe der DDR, aber auch über die Freiheitsbewegungen in Osteuropa nachgedacht werden; über jene Länder mithin, die in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung genommen haben, ohne dass ihre demokratische Entwicklung damit Schritt halten konnte. Es wäre daher eine vertane Chance, wenn am Ende aus Halle nur ein lokales Stück Stadtreparatur werden würde; schlimmer noch: wenn ein neuer Tränenpalast entstünde für die verwundete Ostseele. Was man leider befürchten muss, weil die Verantwortlichen dort das Pferd vom Schwanze her aufzäumen wollen. Bisher ging es dort um Architektur und den Verwaltungsapparat. Worum es aber inhaltlich gehen soll, ist nicht so recht klar. Das große Wort von der Transformationserfahrung steht deutlich lesbar am Himmel. Aber viele Leuchtturmprojekte der Einheit sind wieder im grauen Alltag verschwunden und einer weiteren Identitätskonserve bedarf es dort wahrlich nicht mehr. Wenn die selbstbewusste Behauptung also stimmen sollte, dass der »Osten« dem »Westen« die Erfahrung des Scheiterns und des radikalen Neuanfangs voraushat, dann wäre es jetzt an der Zeit, diese Behauptung auch zu beweisen. Dann würden die Zweifel verschwinden, ob man die intensive Beschäftigung mit der untergegangenen DDR weiterhin braucht. Als gescheitertes Regime haben wir die DDR wohl längst »auserklärt«. Als Parallelkapitel deutscher Geschichte aber wirft sie immer noch wichtige Fragen auf. Nicht nur in Halle wird man sie stellen. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026