Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man lachen über das, was sich da gerade in Benin City im Streit um das neuerbaute Museum of West African Art abgespielt hat; jenem Ort also, an den die berühmten Benin Bronzen zurückkehren und dort auf moderne afrikanische Kunst treffen sollten. Große Vergangenheit und selbstbewusste Gegenwart unter einem Dach hieß die offizielle Museumsidee, und die Ausstellung »Nigeria Homecoming« wollte schon einmal vorzeigen, was an moderner Kunst heute wieder entlang der Westküste Afrikas entsteht.

Viele Unterstützer aus Übersee waren gekommen, aber sie hatten sich die Willkommenskultur vor Ort sicher anders vorgestellt. Denn militante Demonstranten störten die Eröffnungsveranstaltung so massiv, dass man sie abbrechen musste. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, wer sie womöglich geschickt hat. Der Oba Ewuare II., ein Nachfahre der alten Königsfamilie, hatte die Bronzen immer für sich reklamiert, und die nigerianische Regierung hat sie ihm gegen alle Absprachen auch übertragen. Westliche Ahnungslosigkeit prallt auf postkoloniale Realitäten.

Fachleute, wie die jüngst verstorbene Basler Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin, hatten immer gewarnt, dass es mit den Rückgaben keineswegs einfach sei und man oftmals gar nicht wisse, wer als legitimer Empfänger infrage kommt. Das war bei der persönlichen Habe des großen Nama-Führers Hendrik Witbooi genauso wie bei der Rückführung der berühmten Säule von Cape Cross. Was als große Geste gedacht war, endete in einer primitiven Lagerhalle am Hafen von Walvis Bay.

Man kann angesichts solcher Erfahrungen sehr wohl verstehen, warum der neue Kulturstaatsminister Weimer das politische Gedenken an die deutsche Kolonialgeschichte erst einmal wieder aus dem Gedenkstättenkonzept des Bundes herausgenommen hat. Schon seine Vorgängerin Roth war mit dem Versuch gescheitert, es dort zu verankern. Geschichtspolitische Gründe standen dagegen, aber auch praktische Vorbehalte. Denn gemessen am Niveau der zeitgeschichtlichen Forschung und dem Wissen über die Geschichte der beiden deutschen Diktaturen ist der postkoloniale Umgang mit dem Erbe des deutschen Kolonialismus immer noch ein ziemlich ungeordnetes Feld.

Wenn man mit Fachleuten aus der Gedenkstättenlandschaft spricht, wird deren Sorge schnell deutlich, was es für die bestehenden Einrichtungen heißen würde, ihre bisherigen staatlichen Zuwendungen künftig gegen eine lautstark auftretende postkoloniale Szene verteidigen zu müssen. Das böse Wort von der Opferkonkurrenz ist da nicht weit. Was sicher mit Besitzstandswahrung zu tun hat, aber eben auch mit dem Umstand, dass es im Land wenig plausible Orte gibt, die Deutschlands Verantwortung für sein koloniales Erbe repräsentieren könnten. Auch die Restitutionspolitik der Museen war da nicht förderlich; denn sie entzieht dem Gedenken einen Teil der notwendigen Anschauung. Vor leeren Vitrinen erinnert sich schwer.

All diesen Kontroversen wollte Weimer verständlicherweise aus dem Wege gehen, und sein Haus verweist darauf, dass es demnächst ein gesondertes Konzept für den Umgang mit der deutschen Kolonialgeschichte geben soll, was ein Fingerzeig darauf ist, worum es in Wirklichkeit geht. Man will die verschiedenen Anlässe des Gedenkens eben partout nicht vermischen. Denn die Singularität des Holocausts, die jahrzehntelang unbestrittene Grundüberzeugung in Deutschland war, droht im postkolonialen Opferdiskurs zu versinken. Die Forderungen nach einem neuen »multidirektionalen Erinnern«, wie das im heutigen Jargon heißt, stünden der besonderen deutschen Verantwortung für die Shoah entgegen. Das Gedenken daran und die fortwährende Mahnung ist zum Kern unseres deutschen Selbstverständnisses geworden. Wenn man von einer Art Nationalreligion sprechen will, dann gilt das für jene Übereinkunft. Der Berner Philosoph Luca di Blasi hat sie eine »Tätervolksgemeinschaft« genannt.

Die Sorge vor der künftigen Relativierung entspringt keiner abstrakten Gefahr. Sie zeigt sich nach dem Überfall der Hamas auf Israel in höchstaktueller Form. Dabei geht es schon gar nicht mehr um historische Vergleichbarkeit, sondern um den militant eingeforderten Perspektivwechsel von Opfern zu Tätern.

Es wäre also naiv zu glauben, dass die Debatte um die Schuld der früheren Kolonialmächte rein historisch geführt würde. Im Gegenteil: Sie trägt zur direkten politischen Auseinandersetzung bei. Israel erscheint dabei als die letzte noch sichtbare Endmoräne des westlichen, des weißen Kolonialismus. Eine fatale Sichtweise, für die eine deutsche Gedenkstättenpolitik nicht noch die Bühne bereitstellen sollte.

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ausblenden zu wollen, wäre hingegen der grundfalsche Weg. Er würde nicht nur unserem modernen, aufgeklärten Geschichtsverständnis widersprechen, sondern auch den sich verändernden Realitäten in unserem Land. Denn die Zuwanderung von Menschen aus den Ländern des – wie man heute sagt – globalen Südens lässt sich auch geschichtspolitisch nicht länger ignorieren. Diese Menschen haben eine eigene Erinnerung, und sie haben in der Regel das Wissen um ihre Kolonialgeschichte mit im Gepäck.

Es wäre doch fahrlässig, zu glauben, dass Integration sich nur auf die Dinge des täglichen Lebens beschränken lässt; auf Wohnung und Arbeit und politische Teilhabe. Genauso unentbehrlich ist doch die Identifikation mit dem neuen Land, seinen Werten und seiner Geschichte; also das Wissen darum, wo man künftig zu Hause sein will. Was den eigentlichen Vorwurf betrifft, den man dem alten Rothschen Konzept machen muss: dass es vor allem die Elendsgeschichte unseres Landes erzählte, das man nicht liebt; das nur mit fremder Hilfe zu einem demokratischen Gemeinwesen fand und nur durch Intervention von außen seine autoritären Traditionen überwinden konnte.

Es war die politische Forderung nach einem verwandelten Land, und die Migranten sollten uns dabei helfen. Aber aus Selbstverleugnung und Fremdwahrnehmung kann kein Gemeinsinn entstehen. Was auch dem neuen Gedenkstättenkonzept fehlt, der gemeinsame Spirit, den jedes Einwanderungsland braucht. Stolz hätte man früher dazu gesagt.

Und als Postscriptum vermerkt: Das deutsche Verhältnis zur Welt war nie nur von Rassismus und Herrschaftsdünkel geprägt. Dazu waren wir viel zu romantisch. Gerade unsere ethnologischen Sammlungen könnten deshalb wieder zu Orten der Erinnerung werden. Wenn man sie nicht ihrer Objekte, ihrer Geschichte und ihrer Anschaulichkeit beraubt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.