Schon in den ersten Grundsatzbeschlüssen des Stiftungsrats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zu den Eckpunkten der Reform ist festgehalten, dass eine Integration des Humboldt Forums in die Stiftung zu prüfen ist. Bereits zu der Zeit, als das neue Haus noch im Bau war, galt es als ausgemacht, dass dieses Zentrum der Weltkulturen als eigenständige Einrichtung mit einer Intendanz unter dem Dach der SPK betrieben werden sollte.
Doch die Politik wollte es damals zunächst anders: Die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (SHF) wurde als privatrechtliche Stiftung in der Trägerschaft von Bund und Berlin gegründet. Die SHF ist Eigentümerin und Betreiberin der Immobilie, die SPK mit ihren Museen zusammen mit Humboldt Universität und Stiftung Stadtmuseum Berlin nur mehr einer von drei »Akteuren«. Und obwohl zwei ganze Etagen mit etwa 18.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für die Sammlungen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika in die Zuständigkeit der SPK fallen, von einigen von SPK und SHF gemeinsam betriebenen Wechselausstellungsflächen abgesehen, sind wir nicht mehr als ein »Gast«. Nicht einmal die Flächen, auf denen wir unsere Dauerausstellungen zeigen, gehören der SPK.
Organisatorische und auch inhaltliche Reibungsverluste und Zuständigkeitsgerangel sind allgegenwärtig, trotz des großen Bemühens der Mitarbeitenden beider Stiftungen. Die Struktur bleibt eine dysfunktionale, Entscheidungswege sind schwer zu durchschauen und lähmen nicht selten den Betrieb. So beschreiben zum Beispiel die Führer des Prestel-Verlags zwar Raum für Raum unserer Dauerausstellungen, müssen jedoch diejenigen Bereiche aussparen, in denen die SHF mitgestaltet. Die ratlosen Gesichter der Besuchenden, die sich das Fehlen ganzer Räume in ihrem Führer nicht erklären können und von wechselnden Zuständigkeiten nichts ahnen, kann man sich lebhaft vorstellen.
Sofern die Gäste die Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst auf den Etagen 2 und 3 überhaupt finden, denn Ausschilderung und Besuchenden-Führung sind mangelhaft, was inzwischen auch die SHF so sieht. Hier muss dringend mehr getan und die Sichtbarkeit der Museen im ganzen Haus erhöht werden. Man stelle sich nur vor, das Weltmuseum in Wien oder das Musée du quai Branly in Paris würden sich derart vor ihren Besuchenden verstecken. In Berlin weist stattdessen in der großen Eingangshalle fast nichts auf die faszinierenden Geschichten hin, die die Besuchenden weiter oben erwarten. Shops und Gastronomie sind leichter zu finden.
Aber es sind gar nicht so sehr diese praktischen Dinge, an deren Verbesserung inzwischen ja gemeinsam mit der SHF gearbeitet wird. Der eigentliche Geburtsfehler, dessen Folgen immer deutlicher hervortreten, liegt in divergierenden Zuständigkeiten. Der Generalintendant des Humboldt Forums kann nicht über die Sammlungen der SPK verfügen und muss die Fragen und Debatten zur Herkunft der Objekte, zu möglichen Restitutionen und zur Dekolonisierung der Ausstellungsnarrative in der Regel an die Museen weiterreichen. Etwas Ganzheitliches kann auf diese Weise nicht entstehen, das Humboldt Forum bleibt eine Addition von Angeboten.
Die vielen Fachleute aus aller Welt, die jährlich im Rahmen des Projekts »Kollaboratives Museum« nach Berlin kommen, sitzen nicht im Humboldt Forum, sondern im Forschungscampus Dahlem der SPK, um dort mit den Sammlungen und den zugehörigen Archiven zu arbeiten. Entstehen dabei spannende neue Inhalte für Ausstellungen, werden diese dann natürlich im Humboldt Forum gezeigt.
Aber auch das Zusammenspiel mit der Museumsinsel ist noch nicht in Gang gekommen. Ist es wirklich sinnvoll, dass Museumsinsel und Humboldt Forum getrennte Wege gehen? Mehr Synergien und die Nutzung gemeinsamer Ressourcen wären doch gerade in Zeiten knapper Budgets mehr als naheliegend. Und mehr Austausch und Gemeinsamkeit würden auch die Verflechtungen der Weltkulturen deutlicher aufzeigen lassen.
Die Verbindungen von Forschungscampus Dahlem und Humboldt Forum sowie die von Museumsinsel und Humboldt Forum sind von zentraler inhaltlicher Bedeutung und damit erfolgskritisch, weil sich nur so immer wieder neue Inhalte generieren lassen. Man darf nicht trennen, was zusammengehört.
Das gilt ebenso für das Museum Europäischer Kulturen (MEK). Es war der zweite Geburtsfehler des Humboldt Forums, ausgerechnet Europa auszuklammern. Der »ethnologische« Blick auch auf Europa hätte hier eine ganz andere Wirkung entfaltet, und für die Themen des MEK etwa zum nordeuropäischen Kolonialismus in enger Kooperation mit den indigenen Gemeinschaften der Sami kann es doch in Berlin nur einen Ort geben: das Humboldt Forum.
Der Deutsche Kulturrat hat all das bereits im Dezember 2022 in einer Stellungnahme zum Humboldt Forum gefordert und überzeugend begründet. Er machte sich dabei nicht nur für die Integration des MEK in das Humboldt Forum stark, sondern forderte auch die Eingliederung des Humboldt Forums in die SPK. Dabei wies er mit Recht darauf hin, dass das Humboldt Forum in inhaltlicher Autonomie die öffentlichen Programme gestalten und den so oft eingeforderten Diskursraum »Agora«, der sich den großen Themen unserer Gegenwart widmen soll, in Zusammenarbeit mit den übrigen Partnern im Haus endlich Wirklichkeit werden lassen muss.
Es ist an der Zeit, die nötigen Schritte zu gehen. Nach dem neuen Stiftungsgesetz können der SPK auch Stiftungen des Privatrechts zugelegt werden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass damit die Stiftung Humboldt Forum gemeint ist. Der Gesetzgeber hat damit vorausschauend bereits die rechtliche Grundlage für eine Integration des Humboldt Forums gelegt.
Die scheidende Kulturstaatsministerin Claudia Roth und ihr Haus bekannten sich klar zu diesem Ziel. Dieser Schritt ist alternativlos und muss gemeinsam mit den Verantwortlichen im Humboldt Forum gestaltet werden. Daher wünsche ich der künftigen BKM-Spitze und dem Berliner Senat die Weitsicht und den nötigen Mut, diese Vision wahr werden zu lassen. Noch ist es nicht zu spät!