»Jetzt kann ich nicht einmal mehr nach Italien fahren«, seufzte jüngst einer meiner guten Freunde, mit dem ich seit vielen Jahren die Liebe zu diesem Land teile. Den Anlass für seine Bemerkung gab die Meldung einer großen deutschen Tageszeitung, dass unter den Büchern, die Italiens Zeitungsverlage traditionell als Urlaubslektüre empfehlen, sich diesmal ein toxischer Titel befindet: »Das Heerlager der Heiligen« von Jean Raspail, ein Kultbuch der internationalen extremen Rechten, wie die deutsche Kulturkorrespondentin der FAZ mit Sitz in Mailand vermeldet. Dieser Roman ist zwar schon seit einem halben Jahrhundert auf dem Markt und der Berliner Tagesspiegel hatte vor Jahren eine dezidierte »Lesewarnung« ausgegeben, aber die Neuauflage und auch die deutsche Übersetzung passen in die gereizte Stimmung der Zeit. Raspail beschwor, lange bevor sich die Flüchtlingskrise an der italienischen Küste zuspitzte, die Gefahr einer Überflutung Europas durch Migranten aus dem globalen Süden, die symbolträchtig in einem rostigen Seelenverkäufer an Frankreichs schönstem Strand der Côte d’Azur anlanden und auf eine postheroische Gesellschaft treffen, die ihre Traditionen und Werte nicht mehr verteidigen will; das bekannte rechtsextreme Narrativ also von der »Großen Invasion« und der drohenden »Überfremdung« Europas. Das Buch zirkulierte schon immer in den entsprechenden neofaschistischen Kreisen, wurde von Trumps ehemaligem Chefberater Steve Bannon gelobt und in deutschen Medien besprochen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob so etwas unter der Hand kolportiert wird oder als wohlfeile Strandlektüre zwischen Latte macchiato und Panini mit Schinken angeboten wird: was für besorgte Beobachter ein weiteres Indiz dafür ist, wie sehr sich solches Gedankengut in die Mitte der westlichen Gesellschaften auszubreiten beginnt.

Im Falle Italiens ist das für jene Generation besonders schmerzlich, die sich einst für ihre Italienbegeisterung als Toskana-Fraktion verspotten lassen musste und ihren linken Modernismus mit einem hedonistischen Lebensstil kombinierte. Für sie verkörperte die Mitte Italiens jene Form von lustvoller Weltläufigkeit, die sich so wohltuend unterschied von der aschgrauen Realität sozialdemokratischer Ortsvereine. Denn es waren nicht zuletzt Willy Brandts politische Enkel, die in Abwandlung seiner berühmten Devise doch lieber mehr Lebensgenuss wagen wollten.

Viele haben dem Land inzwischen den Rücken gekehrt, und ich muss an ein Bonmot des früheren italienischen Botschafters, Luigi Vittorio Graf Ferraris, denken, wonach die Deutschen Italien liebten. Aber sie liebten Italien »am liebsten ohne die Italiener«.

Nun könnte man die aktuelle Enttäuschung, die sich schon seit den 1990er Jahren bemerkbar macht, zu einem besonderen Fall dieser deutschen Italienliebe erklären, wenn sich dieselbe abwehrende Haltung nicht längst auch gegenüber vielen anderen unserer Nachbarländer eingestellt hätte. Von Ungarn will man schon gar nichts mehr wissen. Russland ist aus naheliegenden Gründen von unserer mentalen Landkarte verschwunden. Dass die Ostdeutschen von ihrer Russlandfixierung nicht lassen wollen, macht sie in westdeutschen Augen nicht sympathischer. Wer will noch in einem Landstrich leben, wo die Nazis offenbar auf den Bäumen wachsen.

Dem östlichen Europa konnte die Toskana-Fraktion ohnehin nie große Sympathien abgewinnen. Prag vielleicht noch, aber dort war nicht Osten. Und seit die PìS das Bild von Polen prägt, will man auch nicht mehr nach Warschau fahren. Auch diesen Satz höre ich jetzt.

Man könnte in dieser Aufzählung fortfahren. Selbst die skandinavischen Länder wärmen das politische Herz nicht mehr. Frankreich ist zu einem tragischen Missverständnis geworden; und dass dort Autoren wie Raspail oder Renaud Camus schreiben dürfen, löst bei uns mehrheitlich Kopfschütteln aus. Und nicht zu vergessen: die USA unter Trump? Wir sind einsam geworden, ein vergrämtes Land. Dem Exportweltmeister droht die Welt abhanden zu kommen. Auch was die Ausfuhr von Heimatgefühlen angeht.

Ich bin in diesem Jahr wieder in Italien gewesen. Das Land ist mir sehr vertraut. Die alten Parolen der Lega Nord an den Mauern meines Dorfes haben inzwischen Patina angesetzt. Warum es ein »freies Patanien« geben soll, wie man dort liest, weiß man selbst im ligurischen Norden nicht mehr. Die einst rote Toskana ist ins Lager der Rechten gekippt und Frau Meloni fährt selbstverständlich mit den anderen europäischen Regierungschefs zu Donald Trump. Kaum jemand nimmt daran Anstoß.

Es mag in unseren Ohren verwerflich klingen, aber in Italien nimmt vieles immer noch seinen gewohnten Verlauf. Die hässlichen Szenen in den Küstenorten, wo die Migrantenboote landen, oder das Stöhnen über die Heerscharen von Tagestouristen sind nur die eine Seite des Landes; auf der anderen gibt es immer noch das freundliche, oft sogar freundschaftliche Gespräch. Und die Souvenirverkäufer aus dem afrikanischen Süden gehören seit Langem zum gewohnten Bild.

In dem Dorf, in dem ich so gerne lebe, haben die Alteingesessenen begonnen, mit Fototafeln an den Häuserwänden an ihre Vorfahren zu erinnern. Das hat viel mit der eigenen Selbstbehauptung zu tun, aber es ist auch eine ostentative Geste nach draußen. Die Botschaft dieser Bilder ist sonnenklar. Das waren einst die Bewohner von hier, soll das heißen; aber auch: Du bist uns herzlich willkommen. Der Ort hat wieder mit sich sprechen gelernt. Und er spricht auch mit mir, der hier leben will. Ich kenne jetzt Noto, den einstigen Tischler und die stolze Graziella im Festtagsgewand. Ich weiß, wie die großen Familien hießen und dass der letzte Esel des Ortes im Stall über der Straße stand. Heimat ist dort, wo man sich miteinander verständigen kann.

Das hat wenig mit dem lärmenden, dem touristischen Italien zu tun, mit Mailand, Venedig, Neapel, Florenz. Aber das Land hat sich seinen Grundton bewahrt, den man hören kann, wenn man nur will. An meinem Zeitungskiosk fände ich sicher ein Exemplar des Romans von Raspail. Es wäre womöglich noch eingeschweißt. Aber mit wem hier wollte ich ernsthaft darüber streiten? »Spiagge vuote«, die leeren Strände, sind das Aufregerthema des Sommers geworden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.