Mit seiner Leitlinie »Musikleben am Puls der Gesellschaft« begleitet, vernetzt und berät das Netzwerk Junge Ohren (NJO) seit mehr als 15 Jahren die klassische Musikszene im deutschsprachigen Raum. 2019 haben Katharina von Radowitz und Alexander von Nell als Führungstandem das Portfolio erweitert und an den Themen der Gegenwart ausgerichtet. Ende 2025 übergeben sie den Staffelstab an Franziska Haberland und Tom Verbeke als neues Leitungsduo.

 

Barbara Haack: 2007 wurde das Netzwerk junge Ohren (NJO) gegründet. Von Anfang an ging es um Musikvermittlung. Wie hat sich der Musikvermittlungsbegriff verändert, und wie seid Ihr dem als NJO gefolgt oder habt ihn auch mitgestaltet?

Katharina von Radowitz: Das NJO ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Inspiriert von Beispielen aus England sorgten auch in Deutschland neue Formate für Aufsehen: Der Geist von »Rhythm is it!« beflügelte die Orchesterszene, der Studiengang Musikvermittlung in Detmold setzte ein Zeichen für Professionalisierung. Mit der Initiative »Konzerte für Kinder« schuf die Jeunesses Musicales Deutschland eine erste Struktur, um Projekte und Akteurinnen und Akteure stärker sichtbar zu machen. Im Zusammenschluss mit der DOV (heute unisono) und weiteren Verbänden entstand daraus das NJO – als Netzwerk für Musikvermittlung im deutschsprachigen Raum. Es sollte durch Austausch und Wissenstransfer die Professionalisierung fördern und dazu beitragen, das »Publikum von morgen« zu entwickeln. Die Szene existierte also längst. Das NJO sollte ein Raum werden, um diese Vielfalt und Dynamik zu spiegeln, ohne sofort eigene Setzungen vorzunehmen. Die Regionalen Arbeitskreise ermöglichen als regelmäßige Fachtreffen Vernetzung und kollegiale Beratung. Der Junge Ohren Preis war darüber hinaus ein zentrales Instrument: Er rückte jährlich herausragende Projekte ins Licht, gab Impulse in die Szene und stärkte viele Ensembles und Initiativen, die heute zu den prägenden Akteurinnen und Akteuren zählen.

Alexander von Nell: Die Entscheidung über die Preisträger des Junge Ohren Preises lag immer bei einer unabhängigen Jury – das NJO verstand sich von Beginn an als Moderator, nicht als Bewertungsinstanz. Diese Haltung prägt uns bis heute: Wir verstehen das Netzwerk als Raum für Vielfalt und Austausch, in dem der Kompass immer wieder neu ausgerichtet wird. Mit unserem Claim »Musikvermittlung am Puls der Gesellschaft« machen wir zugleich deutlich, wozu es Musikvermittlung braucht und was ihr Ziel sein muss. Ob die Nähe zur Gesellschaft als inszenierte Performance, im Kinderkonzert oder in der Stadtteiloper, im Drum Circle oder im digitalen Format entsteht, ist zweitrangig. Wir verstehen Musikvermittlung als künstlerisches Handlungsfeld und setzen uns dafür ein, dass ihre strukturelle Bedeutung und Transformationskraft anerkannt werden. Wenn man die heutigen Diskurse im Musikleben betrachtet, zeigt sich: Das NJO war häufig seiner Zeit voraus – Themen, die wir schon früh gesetzt haben, wie Partizipation und Teilhabe, Diversität oder auch Digitalität, sind heute zentral.

 

Inwieweit ist ein Künstler, der seine Musik auf der Bühne spielt, ohne das Publikum einzubeziehen auch ein Vermittler?

Von Radowitz: Viele Künstlerinnen und Künstler gestalten seit Jahren Formate, die wir als Musikvermittlung identifizieren. Einige der Betreffenden scheuen jedoch den Begriff und bestehen darauf, dass sie alles sind, aber ganz bestimmt keine Vermittler.

Der Begriff »Musikvermittlung« mag unsexy sein, aber sich an Etiketten abzuarbeiten ist nicht hilfreich, wenn das Ziel doch dasselbe ist: Begegnung in, mit und durch Musik; Situationen, die über das Alltägliche hinausweisen und die Möglichkeit schaffen, sich in Gesellschaft zu verbinden. Das ist genuines Merkmal von Vermittlung Ob und wie wir dies reflektieren und in die Gestaltung musikalischer Anlässe einbeziehen, markiert eine Haltung, dadurch verliert niemand seinen Status als Künstlerin oder Künstler.

 

Wenn wir über Begegnung und Beziehung sprechen, welche Rolle spielen dann Emotionen?

Von Nell: Für mich ist ein Ziel von Vermittlung, mit Hilfe einer Kunstform Nähe herzustellen. Das bedeutet auch, dass es zu einer emotionalen Berührung kommt, für die anderswo seltener Raum oder Zeit ist. Darauf schauend würde ich behaupten, dass eine herkömmliche Konzertsituation – Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, Publikum im Saal – nicht jeden und jede emotional erreicht. Formate und Arbeitsweisen, die Partizipation und Musik in Gemeinschaft ermöglichen, rücken den gemeinsamen Entstehungsprozess in den Mittelpunkt. Sie erzeugen ganz andere Erfahrungen und Berührungen – selbst, wenn diese im Ergebnis dem Publikum verborgen bleiben. Dies anzuerkennen ist zentral für die Idee von Vermittlung, die daher auch viel mit demokratischer Lebenspraxis zu tun hat. Das macht gerade heute die Arbeit von Musikvermittlung so wichtig.

 

Wenn man von Partizipation und Demokratie spricht, dann muss man doch fragen: Wie erreichen wir diejenigen, die die Möglichkeit nicht haben?

Von Nell: Ich würde gerne zurückfragen: »Welche Möglichkeiten?« Wenn wir vom »Musikleben« sprechen, denken wir häufig an die Orte und Institutionen der klassischen westeuropäischen Musik. Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass Menschen, die dieses System nicht nutzen, automatisch »musikfern« sind.

Als wir 2015 die Koordination der Initiative »Kultur öffnet Welten« übernommen haben, wurde das besonders deutlich: Fluchtbewegungen brachten Menschen mit vielfältigen kulturellen Prägungen nach Deutschland. Zugleich wurde endlich deutlich, dass viele außereuropäische Musikkulturen hier schon lange heimisch sind, deren Protagonistinnen/Protagonisten und Strukturen aber keinerlei Berührung mit dem klassischen Musikbetrieb haben. Ein Ziel von »Kultur öffnet Welten« war es, diese Diversität sichtbar zu machen und die Öffnung kultureller Institutionen voranzubringen. Das war ein anspruchsvoller Auftrag, aus dem wir viel gelernt haben. Eine zentrale Erkenntnis: Kulturinstitutionen werden in der Gesellschaft oft weit weniger breit wahrgenommen, als sie selbst glauben. Betrachtet man den Aktionsradius von Menschen in einer Stadt, so verlassen diese das eigene Viertel nur selten. Man kann in Berlin leben und nicht wissen, wo Philharmonie oder Konzerthaus liegen und was dort geboten wird. Gleichzeitig existieren zahlreiche andere Orte, die im Alltag und für die Freizeitgestaltung der Personen eine zentrale Rolle spielen. Wenn klassische Kulturinstitutionen Bedeutung erlangen wollen, braucht es ein ehrliches Interesse am Gegenüber und seiner Lebenswelt. Und da sind wir wieder bei Strategien der Nähe, die uns aus unserer Komfortzone herausholen.

 

Ich gehe also nicht dorthin, um meine Kultur dorthin zu bringen, sondern um die Kultur der anderen kennenzulernen.

Von Radowitz: Im klassischen Musikleben sind wir sehr darauf trainiert, zu senden. Das Konzert wird aufführungsreif geprobt und dem Publikum dargeboten. Eine Seite präsentiert, und eine Seite rezipiert – so sind Bühne und Publikum verbunden. Dieses Prinzip gilt es zu hinterfragen und neu ins Spiel zu kommen. Das gelingt durch neue Formate und Arbeitsweisen, die Zugänge eröffnen, Mitwirkung möglich machen und das Erleben von Musik anders strukturieren. Häufig fällt aktuell der Begriff der Gastgeberschaft. Das ist ein schönes Bild. Aber: Wie würden wir es selbst finden, wenn uns jemand einlädt, der sich uns noch nie vorgestellt hat? Geschweige denn danach gefragt hat, wer wir eigentlich sind? Wenn wir andere Menschen einladen möchten, müssen wir uns zuerst mit ihnen bekannt machen. Das bedeutet, den Sendemodus zu verlassen, neugierig zu sein und aufzunehmen, was woanders klingt.

 

Welche Art von Kulturvermittler brauchen wir heute? Es liegt doch eine große Verantwortung in dieser Aufgabe, v. a., wenn sie eben nicht nur darin besteht, dass man sich auf die Bühne stellt und etwas zum nächsten Stück erzählt.

Von Radowitz: Vermittlung bedeutet aus unserer Sicht heute vor allem darin, Strategien der Nähe im Kontext einer Institution oder allgemeiner einer Kulturpraxis zu entwickeln. Es geht um die Art und Weise, wie wir tragfähige Beziehungen zu Menschen aufbauen und gestalten. Dabei stehen Öffnungsprozesse und die eigene Veränderung heute stärker im Vordergrund als die Vermittlung bestimmter Inhalte oder die Pflege eines etablierten kulturellen Kanons.

 

Welche Rolle spielt das Netzwerk heute in eurer Arbeit? Hat es sich mit der Zeit verändert? Gehen alle Teilnehmer mit bei den Veränderungen?

Von Radowitz: Das NJO ist für die Akteurinnen und Akteure der Musikvermittlung ein zentraler Raum, um Inspiration zu finden, Kontakte zu knüpfen und das eigene Handeln zu reflektieren. Unsere diesjährige Umfrage zu Arbeitsbedingungen hat gezeigt, dass Berufseinstieg und Jobwechsel in der Musikvermittlung herausfordernd sind: Unter den oft prekären Arbeitsbedingungen kann kaum strukturell abgesichertes Wissen aufgebaut werden. Hier spielt das NJO eine wichtige Rolle als Plattform für den praxisbezogenen Wissenstransfer. Angebote wie die Regionalen Arbeitskreise oder das digitale Format »How To…?!!« ermöglichen es, Erfahrungen weiterzugeben und voneinander zu lernen. Zugleich trägt der kollegiale Austausch zur emotionalen und mentalen Balance bei, indem er den Akteurinnen und Akteuren Raum gibt, Erfahrungen und Herausforderungen zu teilen.

 

Ihr hört als Doppelspitze gemeinsam am Ende des Jahres auf. Wie kann es weitergehen? Wenn zwei Geschäftsführende, die so eine Institution geprägt haben, gleichzeitig weggehen, macht das etwas mit der Organisation.

Von Nell: Im Idealfall ändert sich nichts an der Institution selbst – jedenfalls in unserem Rollen- und Führungsverständnis. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass wir als Personen mit unseren individuellen Hintergründen und Erfahrungen Spuren hinterlassen werden. Das Besondere daran, diesen Job gemeinsam zu machen, war für uns, Verantwortung nicht allein und hierarchisch, sondern partnerschaftlich zu tragen. Das erforderte Auseinandersetzungen, Kompromisse und ein hohes Maß an Abstimmung – und wir glauben, dass uns das sehr gut gelungen ist.

Von Radowitz: Es wird erneut eine Doppelspitze geben, aber eine völlig andere – und das ist eine Chance für das NJO. Ein Netzwerk lebt von Vielfalt und braucht ständige Erneuerung. Entscheidend ist die Neugier der Menschen, die hier arbeiten – nicht, dass es Katharina und Alexander sind.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.