Ludwig Greven spricht mit Steffen Sünkel und Clara-Michaela Dvořák von der Bundeskulturstiftung über ihr Förderprogramm für gemeinsame Produktionen von Staats- und Stadttheatern mit inklusiven Gruppen und ihr Abschlussfestival »inkl. Festival für Theater, Tanz und Performance«.

 

Ludwig Greven: Wie viele Künstler und Darsteller mit Behinderungen gibt es in Deutschland?

Steffen Sünkel: Etwa jeder zehnte Mensch hat eine Behinderung, drei Prozent von Geburt an, die anderen erwerben sie im Lauf des Lebens. Wie viele es unter Künstlern sind, ist nicht erfasst. Entscheidend ist, dass in Deutschland eine spannende und vielfältige inklusive Szene existiert. Es gibt in allen Bundesländern Theater und Initiativen, die künstlerisch inklusiv arbeiten.

 

Öffentlich sind die aber nicht sehr präsent.

Sünkel: Deshalb wollten wir sie mit unserem Förderprogramm aus den Nischen, in denen sie oft zu Unrecht stecken, herausholen und auf die großen Bühnen der Staats- und Stadttheater bringen.

 

Warum waren dort Darsteller mit Behinderungen bisher selten zu sehen?

Clara-Michaela Dvořák: Da gibt es viele Barrieren. Das fängt schon damit an, dass der Zugang zu Bildungsabschlüssen, die für die Arbeit an Theatern Voraussetzung sind, für Menschen mit Behinderung sehr eingeschränkt ist, obwohl die Unis, Schauspielschulen und Kunstakademien zur Inklusion verpflichtet sind.

Sünkel: Es fehlt das Wissen und die künstlerische Praxis. Damit meine ich sowohl den Überblick über die inklusive Theaterszene als auch die Unsicherheit, wie Künstler mit Behinderung in die Strukturen der Häuser integriert werden können. Mit unserem Modellprogramm wollten wir dieses Wissen in die Institutionen hineintragen.

 

Weshalb ist es so wichtig, inklusive Kunst aus dem Schatten zu holen und sie zu leben?

Sünkel: Kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ein Menschenrecht. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Institutionen und als Gesellschaft, das zu ermöglichen. Darüber hinaus hat unser Programm gezeigt, dass inklusive Kulturpraxis auch ein großer Motor für ästhetische Innovation ist. Durch die zusätzliche Förderung der Kulturstiftung des Bundes haben die beteiligten Theater in Kooperation mit inklusiven freien Gruppen versucht herauszufinden, was sich dadurch in ihrer künstlerischen Praxis verändert. Zum Beispiel bei der Autorenschaft, bei der Einbindung von Gebärdensprache oder Audiodeskription als ästhetische Zeichen. Es geht darum, bisher nicht Gesagtes oder Gesehenes auf der großen Bühne sichtbar zu machen.

Dvořák: Es entstehen dadurch neue Ästhetiken. Wenn man Behinderungen als künstlerische Kompetenz sieht und nicht nur als Defizit, gewinnt man neue Perspektiven. Es wird ein Raum geöffnet für Innovationen in bisher nicht gekannter Weise.

 

Wie schwierig war es, Theater zu überzeugen, bei dem Inklusionsprogramm mitzumachen?

Sünkel: Wir hätten noch mehr Partner finden können. Das Interesse ist da. Oft kommt es von den Regisseuren, Autoren und Schauspielern und Schauspielerinnen, die gegenüber den Leitungen formulieren: Wir wollen mit diversen, inklusiven Ensembles arbeiten. Wenn wir zeitgenössische und relevante Inszenierungen machen wollen, sind das entscheidende Positionen. Das war dann auch für die künstlerischen Leitungen interessant, die nach neuen künstlerischen Formen suchen.

 

Was ist durch das Förderprogramm an Produktionen entstanden, und was wurde bei dem Abschlussfestival in Berlin gezeigt?

Sünkel: Der Großteil waren Uraufführungen, die in Kooperation mit inklusiven Gruppen entstanden sind. Da wurde von Anfang an gemeinsam überlegt, wie bekommen wir das gleichberechtigt hin und was erzählen wir. Ein Beispiel für innovatives Theater ist eine Aufführung vom Schauspiel Leipzig. Eine Autorin hat ein Stück geschrieben für ein hörendes und ein nichthörendes Ensemble. Eine nichthörende Schauspielerin hat daran mitgewirkt und ihre Perspektive eingebracht. Das Stück namens »Altbau in zentraler Lage« wurde zu den Mülheimer Theatertagen 2025 eingeladen und wird jetzt auch an anderen Theatern nachgespielt. In Dortmund hat eine inklusive Gruppe ein Dreivierteljahr im Theater hospitiert.

Dvořák: Es war, und das war für uns als Stiftung wichtig, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Auf dem Festival wurden zudem drei Performances aus unserem Mentoring-Programm für Führungskräfte gezeigt. Steven Solbrig thematisierte in einer Lecture-Performance »Von Sprüngen und Klasse« die Hürden, denen Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung begegnen. Eine Performance der Künstlerinnen Anika Krbetschek und Linnéa Meiners sprach die »Crip time« an, also die Zeit, die den Bedürfnissen der Menschen aufgrund ihrer Behinderung gerecht wird.

 

Sie haben die Erfahrungen aus dem Modellprogramm in sieben Empfehlungen zusammengefasst. Was sind die wichtigsten?

Sünkel: Eine zentrale Erkenntnis ist, dass Kulturschaffende mit Behinderungen von Anfang an in die Prozesse eingebunden sein müssen. Da braucht es ein starkes Bekenntnis seitens der Leitungen, dass sie das auch wirklich wollen. Es braucht Zugangsmöglichkeiten sowohl für das Publikum als auch für die Künstler. Das bedarf finanzieller und personeller Ressourcen. Das ist anspruchsvoll. Darsteller mit Behinderungen benötigen oft Assistenzen und mehr Pausen. Aber wenn Häuser das in ihren Arbeitsablauf integrieren, wird es irgendwann zur Routine. Wir haben gesehen, dass es neben den strukturellen Lösungen auch ein hohes Maß an individuellen Lösungen gibt, die von den Mitarbeitern der Häuser gesucht und gefunden werden. Und vielleicht kommen wir dann dahin, dass man es nicht mehr mit einer Extrabedeutung auflädt, sondern dass es eine Selbstverständlichkeit ist, inklusiv zu arbeiten.

Dvořák: Dafür braucht es eine andere Haltung in den Leitungen. Eine Neugierde von beiden Seiten. Damit es nicht mehr heißt: »Ach, Du hast eine Behinderung. Dann können wir nicht richtig zusammenarbeiten.« Die Bereitschaft, voneinander zu lernen, ist eine zentrale Bedingung. Eine Rampe zu bauen und zu denken, damit sei man schon inklusiv, so einfach ist das nicht.

 

Vielleicht wirken gerade Störungen im Theaterbetrieb durch Beeinträchtigungen besonders kreativ.

Sünkel: Das Unerwartete, das über die Konventionen hinausgeht, schafft Voraussetzungen, dass etwas Neues passiert. Ich habe mit vielen Schauspielern und Ensembles gesprochen, die gesagt haben, die Probensituation verändert sich so, dass sie gar nicht mehr ohne Schauspieler mit Behinderung arbeiten wollen, weil sie das als künstlerisch bereichernd erleben.

 

Es ist ja auch wirklich eine andere Perspektive, wenn man nicht sehen oder hören kann oder im Rollstuhl sitzt.

Dvořák: So ist es. Deshalb wollten wir ja auch weg vom sozialen Anliegen, Menschen mit Behinderung zu integrieren, hin zu einer inklusiven Kunstpraxis. Sodass die inklusive Kunst am Ende genauso ernst genommen wird wie die nicht-inklusive. Bestenfalls kommen wir dort hin, dass wir Sonderprogramme nicht mehr brauchen, weil alle Künste Inklusion mitdenken.

 

Was macht die besondere Ästhetik in der Zusammenarbeit aus?

Dvořák: Das kann man nicht so eindeutig sagen. Es gibt ja ganz unterschiedliche Formen von Behinderungen, körperliche, geistige, psychische. Entsprechend verschieden drückt sich das künstlerisch aus.

Sünkel: Es gibt das wunderbare Zitat des Schauspielers Jonas Sippel: Erst wenn ich als Mensch mit Behinderung einen Bösewicht spielen kann, ist es echte Inklusion. Er spielt damit an auf die Zuschreibungen, was ihnen zugetraut oder eben nicht zugetraut wird.

 

Gab und gibt es Einwände von Theaterleitungen und Besuchern, dass ihnen etwas genommen wird, wenn zum Beispiel ein Stück in Leichter Sprache gespielt wird?

Dvořák: Der Diskurs hat sich da schon verschoben. Inklusives Theater wird nicht mehr als defizitär wahrgenommen, sondern als bereichernd.

Sünkel: Bei den Kammerspielen in München, die mittlerweile mit einem inklusiven Ensemble arbeiten, gab es von außen durchaus Vorbehalte, u. a. darüber, ob man einen Klassiker wie »Antigone« von Sophokles in Leichter Sprache spielen sollte. Die großartige Schauspielerin Johanna Kappauf, die die Titelrolle spielt, gibt darauf künstlerisch bestechende Antworten und das wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen. Vielleicht haben die Zuschauer sogar Aspekte am Stück gesehen, die sie vorher noch nicht kannten.

 

Sollten auch in den Theaterleitungen und in Jurys Menschen mit Behinderungen sein?

Dvořák: Unbedingt. Über die Auswahl für unser Mentoring für »Disabled Leadership« haben ausschließlich Jurymitglieder unterschiedlichster Behinderungen entschieden.

 

Wird bei künftigen Förderungen generell Inklusion Bedingung sein?

Sünkel: In der regulären, offenen Projektförderung macht die Kulturstiftung des Bundes dazu keine Vorgaben, aber es gab und gibt immer wieder Förderungen für inklusive Vorhaben. Die Jury entscheidet über Projekte mit Blick auf künstlerische Qualität. Und die ist auch bei inklusiver Kunst hoch. Wir hoffen sehr, dass wir hier künftig noch mehr Anträge erhalten, an denen Künstlerinnen und Künstler mit Behinderungen maßgeblich beteiligt sind. Deswegen setzen wir auch stark darauf, dass wir Informationen zum Antrag in einfacher und Gebärdensprache zur Verfügung stellen. Wir merken, dass wir dadurch Communities erreichen, die wir bisher nicht so oft erreicht haben.

 

In Köln wurde im September eine Kunstakademie eröffnet, an der Bildende Künstler mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten und ausgebildet werden. Was versprechen Sie sich davon?

Sünkel: Die Theater waren bisher Vorreiter bei der Inklusion, aber auch in der Bildenden Kunst gibt es großen Bedarf. Unsere Hoffnung ist, dass sich das wie bei den Theatern auf andere Akademien übertragen lässt und auch da Inklusion selbstverständlich wird.

 

Vielen Dank.

 

Im Dezember 2024 präsentierten der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen und der Deutsche Kulturrat gemeinsam »Teilhabeempfehlungen für eine inklusive Kultur«, das Ergebnis intensiver Werkstattgespräche mit Vertreterinnen und Vertretern des Kultur- und Mediensektors, der Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen sowie Expertinnen und Experten der inklusiven Kulturszene: tinyurl.com/2w84yd64.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.