In Indien eröffnete vor einigen Wochen eine archäologische Ausstellung, wie sie die Welt wirklich noch nicht gesehen hat! Wir kennen naturgemäß die (westliche) Erzählung, wonach die Mittelmeerregion der Antike den Resonanzraum gab. Das Museum »Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya«, kurz CSMVS, in Mumbai zeigt Indien (und Ostasien) als Knotenpunkt des globalen historischen Austausches und macht deutlich, wie der Subkontinent zur Antike beigetragen hat – und von ihr geprägt wurde. Dieser weite Blick, diese faszinierende Gegenüberstellung der Kulturen, ist als Ausstellungskonzept bislang weltweit einmalig. Der metaphorische Perspektivenwechsel wird hier zur Museumsrealität. Anhand von 300 ausgewählten Objekten zeigt das Haus in Mumbai eine antike Welt zwischen Nalandain Indien und Alexandria im griechisch-römischen Ägypten. Ausgehend von der Indus-Kultur, die sich vor etwa 5000 Jahren entwickelte, schlägt die Ausstellung einen Bogen bis zum Gupta-Reich im sechsten Jahrhundert. Das sind die inhaltlichen Pfeiler für eine Erzählung, die die indische Geschichte in einen breiteren globalen Kontext rückt. Neben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind unter anderem das British Museum in London und das Getty Sharing Collections Program an dem dreijährigen Projekt beteiligt.
Die SPK ist nach dem British Museum der zweitgrößte Leihgeber der Schau: Die Antikensammlung hat 28 Objekte nach Mumbai geschickt, darunter u. a. vier mittelgroße Steinobjekte, eine verzierte Alabasterurne, eine Grabstele, eine Marmorgruppe eines Pflügers mit seinem Ochsengespann sowie bemalte Vasen, Gold- und Edelsteinschmuckstücke, Terrakottafiguren und Tonlampen. Aus dem Vorderasiatischen Museum gingen 24 Stücke auf die Reise, darunter u. a. Tontafeln und -figuren, Keramikgefäße, Schmuck, Amulette und zwei Rollsiegel. Die Leihgaben sind eine repräsentative Auswahl für die altvorderasiatischen Kulturen zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. und belegen die Verbindungen zwischen Mesopotamien und der Indus-Kultur bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. Ein Schwerpunkt ist die Schriftentwicklung, ausgehend von Zahlsteinen und frühen Tontafeln aus dem 4. Jahrtausend v. Chr., über Schülertafeln bis zu einer aramäischen Zauberschale aus dem ersten Jahrtausend n. Chr. Weitere Leihgeber sind das Rietbergmuseum in Zürich, die private Al-Sabah Collection aus Kuwait, das Benaki-Museum und die Antikenbehörde in Athen sowie zahlreiche indische Museen. Die Auswahl an Objekten ist beeindruckend!
Allein der kulturdialogische Ansatz der Ausstellung, die Verbindungen zwischen den antiken Kulturen von China bis nach Mesopotamien, Ägypten und Europa aufweist, ist schon höchst innovativ. Aber das Museum CSMVS ist es ebenso! Das liegt insbesondere an seinem Direktor Sabyasachi Mukherjee, der noch ganz im klassischen Sinne wie ein Gelehrter wirkt – ein Mensch von zeitloser Art in Denken und Auftreten, geprägt durch eine fundierte fachliche Herkunft. Denn wie ich erfahren habe, kommen nur noch wenige indische Museumsdirektorinnen und -direktoren aus den wissenschaftlichen Disziplinen selbst; die meisten haben heute einen politischen Hintergrund. Mr. Mukherjee, so nennen ihn alle respektvoll, hat mit Leidenschaft und Konsequenz ein Vermittlungsprogramm entwickelt, das mich tief beeindruckt hat. Er bringt die Ausstellung auch zu Menschen, die sonst keine Gelegenheit haben, Museen zu besuchen. Mit drei Bussen und einer mobilen Ausstellung samt hochwertiger Repliken fährt das Museumsteam übers Land, hält in Vororten oder in Schulen. Es geht ihm dabei nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch ums Mitmachen bei kunsthandwerklichen Techniken. Seine Vision scheint aufzugehen, denn das Haupthaus des CSVMS wird inzwischen von einem auffallend jungen Publikum besucht.
Das Museum hat eine bewegte Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts als Prince-of-Wales-Museum-of-Western-India gegründet, entstand ab 1905 ein Haus im indo-sarazenischen Stil. Als der Bau 1914 fertiggesellt wurde, brach der Erste Weltkrieg aus. Das Gebäude diente fortan als Militärhospital. Erst 1922 konnte es seiner Bestimmung übergeben und mit umfangreichen Sammlungen aus Archäologie, Kunst und Naturgeschichte eingerichtet werden. Heute gehört es zu den bedeutendsten Museums- und Kulturerbestätten Mumbais und Indiens.
Da die Ausstellung »Networks of the Past. A Study Gallery of India & the Ancient World« über einen Zeitraum von drei Jahren angelegt ist, verspricht sie eine weitaus nachhaltigere Wirkung, als jedes kurzzeitige Projekt es je leisten könnte. Was mir persönlich jedoch am wichtigsten ist: Das gesamte Programm zeigt auf besonders überzeugende Weise die Kraft und die Wirksamkeit internationaler Zusammenarbeit. Das Teilen von Sammlungen schafft bedeutungsvolle Dialoge auf mehreren Ebenen – zwischen den Schätzen in unseren Sammlungen, zwischen den Objekten und unserem Publikum, und schließlich zwischen Kolleginnen und Kollegen, die über Kontinente hinweg zusammenarbeiten, denken und gestalten. Es entsteht ein vielschichtiges Gespräch und spiegelt damit auf gewisse Weise zugleich die globalen Verflechtungen der antiken Welt wider, die die Ausstellung zum Leben erweckt.