Wenn am 30. April dieses Jahres das Christian Schad Museum in Aschaffenburg seine Pforten für die Ausstellung »A European Collection. Meisterwerke aus dem Khanenko Museum Kyjiw« öffnet, wird die von Wladimir Putin befohlene russische Vollinvasion der Ukraine schon beinahe so lange gedauert haben, wie der Erste Weltkrieg. Es ist ein »totaler« Krieg, der mit gezielten Angriffen auf Zivilisten und zivile Einrichtungen staatsterroristische Züge trägt und gerade die Zerstörung von Kulturgut nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern strategisch einschließt.
So gingen bereits am 10. Oktober 2022 Bilder durch die Medien, in denen die schweren Beschädigungen an der Straßenfront des Khanenko Museums mitten in der Kyjiwer Innenstadt infolge eines russischen Raketeneinschlags zu sehen waren. Zu diesem Zeitpunkt waren die bedeutenden Kunstschätze des Hauses bereits evakuiert, und so gab es hier keinen Substanzverlust – auch wenn der Schrecken bei Museumsfachleuten hier wie dort tief saß.
Jeder Verlust wäre hier essenziell gewesen, denn das Khanenko Museum ist die wichtigste Sammlung europäischer Kunst in der Ukraine und gehört damit zu den bedeutendsten Sammlungen westlicher Kunst in Osteuropa. Es entstand aus der Privatsammlung von Bohdan und Varvara Khanenko, die in den Jahrzehnten um 1900 zusammengetragen wurde und von dem kinderlosen Paar schon bald dazu bestimmt wurde, samt dem Stadtpalais zum öffentlichen Kunstbesitz zu werden. Dieser kunstgeschichtlich ausschließlich westlich geprägte Sammlungskern sollte das Publikum an die europäische Kultur heranführen – mit bemerkenswertem, bis in die Gegenwart andauernden Erfolg. Heute beherbergt das Museum die bedeutendste Sammlung europäischer Malerei, Altertümer und ägyptischer Kunst sowie Kunst aus Asien und der islamischen Welt in der Ukraine. Einige dieser Werke sind nicht nur innerhalb der Ukraine, sondern auch im globalen Kontext einzigartig.
Sichtbar bleiben!
So wie der Verfasser mag jedoch auch manch anderer überrascht gewesen sein, dass es nach den Kriegsschäden nun keinesfalls darum ging, das Museum umgehend zu schließen und mit Verschalungen und Sandsäcken zu verbarrikadieren. Das Gegenteil war der Fall, denn das Haus blieb – wie die meisten unzerstörten Museen der Ukraine – geöffnet, und statt der ausgelagerten Schausammlung werden nun Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst, Diskussionsrunden, Führungen oder Bildungsprogramme für Kinder angeboten – eine zutiefst humane und zivilisatorisch würdige Antwort auf den russischen Kriegsfuror. Angesichts dessen war die Evakuierung – und damit letztlich das physische Verschwinden – der Sammlung keine dauerhafte Option, und so wurden aus Teilen der Gemälde- und Skulpturensammlung internationale Leihgaben: 2023 begann für 37 Objekte eine Restaurierungskampagne in Warschau, die ab Dezember 2024 in eine Kunstausstellung im dortigen Königsschloss mündete und anschließend von August bis Dezember 2025 im Nationalmuseum in Posen zu sehen war. Ein weiterer, niederländisch geprägter Teil der Gemäldesammlung war von Juni bis Dezember des vergangenen Jahres im Bredius Museum in Den Haag zu sehen. Diese Ausstellungen verfolgen eine klare Strategie: die Sammlung – und damit auch das Khanenko Museum selbst – für eine internationale Öffentlichkeit präsent zu halten und sie dabei gleichzeitig der Kriegsgefahr zu entziehen.
Getrennt, vereint
Im Juni 2025 wurden die Museen der Stadt Aschaffenburg durch einen Anruf von Nils Büttner, einem der renommiertesten Spezialisten für klassische niederländische Kunst, mit der Anfrage konfrontiert, ob die beiden Tranchen in den Niederlanden und Polen ab dem Frühjahr 2026 in einem der städtischen Museen präsentiert werden könnten. Zusätzlich sollten auch die restlichen Khanenko-Bestände an europäischer Kunst aus Kyjiw nach Aschaffenburg verbracht werden, um damit diesen bedeutenden Bestand erstmals in Deutschland und Europa in seiner Gesamtheit zu zeigen.
Die insgesamt 71 Werke, hauptsächlich Gemälde aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, stammen größtenteils von namhaften, teilweise weltberühmten europäischen Künstlerinnen und Künstlern. Sie bieten einen Überblick über zentrale Positionen der europäischen Malerei und folgen dabei der didaktisch geprägten Ordnung der Khanenko-Sammlung. Dazu zählen Werke einiger der bedeutendsten Meister der europäischen Kunstgeschichte wie Peter Paul Rubens, Bernardo Bellotto, Claude-Joseph Vernet, Pieter Brueghel d. J., Jacob Jordaens und Antonio Canova sowie Gemälde aus den Werkstätten von Hieronymus Bosch und Rembrandt. Das Ensemble bildet das Herzstück der Sammlung, veranschaulicht die weitreichenden kulturellen Verflechtungen Europas und steht exemplarisch für ein gemeinsames, über Jahrhunderte gewachsenes europäisches Kulturerbe.
Eine museums- und stadtinterne Rundfrage erbrachte sofort einhellige Zustimmung für die Ausstellung, und auch die Resonanz potenzieller Fördergeber war sehr ermutigend. Letztlich hätte es angesichts der täglichen Horrormeldungen aus der Ukraine wohl auch kaum jemanden in Museumsverantwortung gegeben, der hier unter kleinlichen Bedenken abgelehnt hätte. So wurde binnen weniger Tage aus einem Telefonat ein Projekt.
Gefahrgut
Als idealer Präsentationsort erwies sich das erst 2022 als Neubau im Bestand eröffnete Christian Schad Museum mit seinen beiden geräumigen Obergeschoss-Sälen, weil hier das versicherungsseitig geforderte Maß an Einbruchs- und Brandschutz, Klimastabilität sowie Flucht- und Rettungswegen bereits vorhanden war. Die Säle konnten in kürzester Zeit beräumt und vorbereitet werden und erwiesen sich als ideal geeignet für eine klassische, würdige Galeriepräsentation der ukrainischen Leihgaben. Eine Herausforderung war natürlich der Transport aus einem Kriegsgebiet ins sichere Ausland, da sich überhaupt nur ein Kunsttransporteur bereit erklärt hatte, diesen einschließlich Sicherheitseskorte und Abwicklung der nicht unkomplizierten Zollbestimmungen durchzuführen. Den Museen oblag es währenddessen, mit Hilfe der Kolleginnen in Kyjiw die obligaten Provenienzfragen zu klären, was schließlich auch rechtzeitig gelang. Wertvoll war bei Fragen wie diesen von Beginn an der Austausch mit dem Ukraine Art Aid Center, vor allem aber mit den Kolleginnen und Kollegen in Berlin, Den Haag, Heidelberg und Köln, die bereits zuvor Erfahrungen mit der Ausstellung ukrainischer Kunstwerke gesammelt hatten.
Bis Ende Januar 2026 waren die Exponate schließlich wohlbehalten in Aschaffenburg eingetroffen. Erst jetzt konnte die bei einem so heiklen Transport aus einem Kriegsgebiet obligate Geheimhaltung aufgehoben werden – an die sich dankenswerterweise alle Beteiligten gehalten haben.
Die Ausstellung, die durch einen Katalog vollständig dokumentiert wird, gliedert sich nach den großen europäischen Kunstschulen Italiens und der Niederlande sowie Frankreichs und Spaniens. Innerhalb dieser Sektionen sind die Werke generell chronologisch angeordnet, sodass sich stilistische Entwicklungen über mehrere Jahrhunderte hinweg nachvollziehen lassen. Neben ihrem künstlerischen Wert hat die Sammlung auch eine wichtige kulturvermittelnde Funktion. Sie verbindet die ukrainische Kulturlandschaft mit der europäischen Kunsttradition und macht bedeutende Werke der westlichen Kunst für Forschung, Bildung und Öffentlichkeit zugänglich. Damit trägt das Khanenko-Museum wesentlich zum kulturellen Austausch zwischen der Ukraine und Europa bei und besitzt sowohl für die Kunstgeschichte als auch für die kulturelle Identität des Landes große Bedeutung.
Kunst und Politik
Doch konnte und sollte der historisch-politische Hintergrund nicht ausgeblendet werden, und so haben sich die beiden Kooperationspartner entschlossen, die Ästhetik der Ausstellung an einer Stelle bewusst aufzubrechen: Der vollendeten Schönheit von Canovas Marmorstandbild des Friedens steht im zweiten Obergeschoss des Museums eine etwa gleich große Skulptur der international bekannten ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska gegenüber. Sie entstammt ihrer Serie Shot Figures und ist von Einschüssen und mitvergossenen Geschosshülsen brutal entstellt – ein größerer Kontrast zum kühlen Klassizismus des großen Italieners lässt sich kaum vorstellen. So bringt diese Konfrontation den düsteren historischen Hintergrund zur Sprache, vor dem diese Ausstellung stattfinden muss.
Doch macht die Sammlung der beiden Philanthropen Bohdan und Varvara Khanenko allein schon durch ihren Fortbestand über all die Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts hinweg die Kernaussage dieser Museums-Kooperation deutlich: Die Ukraine ist ein europäisches Land – oder, um es mit den berühmten Worten des Soziologen Marshall McLuhan zu sagen: »The medium is the message.«