Jeden Abend beobachten wir in unseren Kinos ein Phänomen, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien: Junge Menschen legen ihre Smartphones beiseite und vertiefen sich für drei Stunden in einen Arthousefilm. Die Generation, die angeblich nur noch TikTok kennt, sucht aktiv Zuflucht vor algorithmischen Feeds – und findet sie im gemeinsamen Filmerlebnis. Diese Renaissance kommt nicht zufällig. Wenn Künstliche Intelligenz Bilder generiert und Geschichten schreibt, wird das Menschliche existenziell. Denn während Maschinen Kreativität simulieren und Content optimieren, schöpfen und kuratieren wir Menschen Kunst. Das ist der entscheidende Unterschied.

 

Kuratieren als Akt der Dankbarkeit

Das Herz dieses Ökosystems schlägt in unseren Arthousekinos. Mit Kompetenz, Leidenschaft und Mut setzen sie sich dafür ein, dass die besten Filme aus aller Welt ein Publikum in ihrer Nachbarschaft finden. Sie teilen, was berührt und herausfordert. Sie gestalten Aktivitäten um Filme herum, investieren in Kommunikation und Publikumsbildung. Sie gehen aus Überzeugung Risiken ein und stehen hinter Werken, die keine einfachen Antworten geben, politisch unbequem sind oder sich der kommerziellen Verwertungslogik entziehen. Das ist unser Selbstverständnis. Oder wie Martin Scorsese es beschrieb: »Kuratieren ist weder undemokratisch noch elitär, es ist ein Akt von Dankbarkeit – du teilst, was du liebst und was dich inspiriert. Algorithmen sind dagegen Formeln, die Zuschauende als Konsumenten behandeln.«

 

Solidarität als gelebte Praxis

In Zeiten, in denen künstlerische Freiheit weltweit unter Druck gerät, stehen wir als verlässliche Partner an der Seite der Filmschaffenden. Während globale Plattformen ihre Inhalte nach Marktlogiken gestalten, öffnen wir unsere Leinwände auch für das Verdrängte, das Zensierte oder das Vergessene.

Diese Solidarität ist keine romantische Vorstellung, sondern gelebte Praxis in der europäischen Kinolandschaft. Vielfalt ist für uns nicht bloß ein Trend – sie ist unsere DNA. Wir sind die Marktplätze freier Ideen, Orte unabhängiger Filmkunst in einer zunehmend monopolisierten Medienwelt. Das ist unsere Verantwortung für unsere lokale Gemeinschaft und unsere Demokratie. Dabei geht es um weit mehr als Wirtschaftlichkeit oder kulturelle Vielfalt. Angesichts wachsender Angriffe revisionistischer, illiberaler Mächte auf künstlerisches Schaffen ist die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem integralen Bestandteil unserer Sicherheit geworden.

 

Der analoge Raum als Stärke

Das Kino als physischer Ort wird in der digitalen Welt nicht obsolet – im Gegenteil. Wo soziale Medien spalten, bringen unsere Kulturorte Menschen niedrigschwellig zusammen. Wo Vereinsamung um sich greift, stiften sie Gemeinschaft. In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung sind die Kinos kulturelle Anker in ihren Nachbarschaften: Orte, an denen Begegnungen stattfinden und das Publikum nicht nur denselben Film teilt, sondern auch denselben Raum und dieselben Emotionen.

Diese gemeinsame Erfahrung macht einen Unterschied – auch in den Erzählstrukturen. Während auf den kleinen Bildschirmen oft die vereinfachten Geschichten funktionieren, sucht das Publikum im Kino zunehmend nach Tiefe. Hier reüssieren Werke, die Widersprüche aufzeigen und Diskussionen anreißen. Seit der Pandemie beobachten wir zudem ein starkes Bedürfnis nach gemeinschaftsbildenden Filmreihen und Community-Screenings, die verbindende Erlebnisse schaffen.

 

Förderung neu denken

Doch diese unverzichtbare Infrastruktur ist gefährdet. Während in den kommenden Jahren Milliarden in Film- und Fernsehproduktionen fließen, bleiben die Orte unterfinanziert, an denen Filme Sichtbarkeit erlangen, ihre gesellschaftliche Wirkung entfalten. Denn das Kino ist unverändert die Herzkammer des Films.

Oder wie Wim Wenders es formulierte: »Einen Film herzustellen ist ein kreativer und technischer Akt. Kultur wird es erst, wenn er im Kinosaal auf ein Publikum trifft.«

Die Geschäftsmodelle der Arthousekinos mit ihrem hohen gesellschaftlichen und kulturellen Engagement folgen nicht allein der Gewinnmaximierung. Unerlässlich ist daher, dass die Bundesregierung ihre Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag umsetzt und nicht allein die Produktion im Blick behält. Die neue anreizorientierte Kinoprogrammprämie zur Stärkung vielfältiger Programme ist ein bedeutender erster Schritt, doch die Arthouse- und Landkinos brauchen weiterhin eine verlässliche Investitionsförderung: Das Zukunftsprogramm Kino muss als eigenständiges Programm im Bundeshaushalt verankert und verstetigt werden. Kinos sterben langsam – und es beginnt, wenn sie nicht mehr investieren können.

Kino ist keine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten. Es ist die Antwort auf die Vereinsamung unserer Zeit, ein Bollwerk gegen algorithmische Vereinfachung und kommerzielle Selbstzensur globaler Plattformen. Die Frage ist nicht, ob wir uns Kinos leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, sie zu verlieren.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.