Das Jüdische Museum Berlin (JMB) feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Im Unterschied zu anderen jüdischen Museen in Deutschland ist das JMB kein Stadt- oder Regionalmuseum, dessen Standort, Gebäude oder Inhalt in der lokalen jüdischen Geschichte gründet. Es ist ein Bundesmuseum, das den Blick auf über 1700 Jahre jüdischen Lebens – bis heute – in Deutschland richtet. Bei seiner Eröffnung war es Ausdruck einer politischen Haltung und der dazugehörigen Erinnerungspolitik. Der spektakuläre Neubau des Architekten Daniel Libeskind in der Mitte Berlins verkörpert diesen Anspruch.
Wir feiern einen Ort, der sich als Resonanzraum deutschlandweiter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen versteht und zum Nachdenken anregen will. Das JMB steht dafür, verschiedene jüdische Perspektiven sichtbar zu machen und in die gesamtdeutsche Gesellschaft einzubringen. Wir wollen dazu beitragen, dass Vielfalt als Wert betrachtet wird. Vielfalt hilft uns, scheinbar Gegebenes zu hinterfragen und so weiterzudenken, wie wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie stärken können.
Unsere Besucherinnen und Besucher sollen das, was wir ihnen zeigen, auf sich beziehen. Sie sollen wahrnehmen, dass in jüdischen Fragen und Themen auch die allgemeinen stecken und damit ihre eigenen. Das JMB vermittelt zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Welt, bietet einen Zwischenraum zwischen ihnen, damit beide sich hier begegnen, einander zuhören und ins Gespräch kommen.
Ein jüdisches Museum ergänzt den Blick der Mehrheitsgesellschaft auf Vergangenheit und Gegenwart um jene jüdische Dimension, die die Nationalsozialisten auslöschen wollten – und in Teilen ausgelöscht haben. Wir sammeln, bewahren und vermitteln Zeugnisse der Geschichte und Kultur der Jüdinnen und Juden in Deutschland und des deutschen Judentums von den Anfängen bis in die Gegenwart. Die Sammlung ist offen für alle Arten der materiellen und immateriellen Überlieferung: Kunstwerke, Fotografien, Dokumente, Bücher und Zeitschriften, Gegenstände der Alltagskultur und der religiösen Praxis sowie audiovisuelle Medien.
Indem wir in unserer Dauerausstellung und in den Sonderausstellungen, in Veranstaltungen und in unseren Bildungsprogrammen diese jüdische Dimension sichtbar machen, kontextualisieren wir Wissen neu, fordern heraus und eröffnen andere Zugänge zum Verstehen. Damit entziehen wir Antisemitismus seinen Nährboden und schwächen ihn. Wir stellen uns ihm und Diskriminierung verschiedener Art entgegen und greifen gesellschaftliche Entwicklungen auf. Wir ergänzen Debatten um ihre historische Dimension und bringen möglichst viele, oft auch widersprüchliche jüdische Perspektiven ein. Wir betreiben keine Tagespolitik und geben unserem Publikum keine Einsichten vor, sondern vermitteln ihm Wissen, Erfahrungen, Argumente, mit denen es sich eigene Einsichten erarbeiten kann. Wir stellen uns den Fragen von Schulklassen und anderen Besucherinnen und Besuchern und stärken zentrale demokratische Kompetenzen: kritisches Denken, Medienreflexion, Perspektivwechsel, Dialogfähigkeit.
Das ist auch konfliktträchtig. Seit dem 7. Oktober 2023 und seinen Folgen sehen wir, dass die Themen, die das Jüdische Museum Berlin verhandelt, wieder im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diskussionen stehen. Aber ganz anders als vor 25 Jahren, als das JMB im Zentrum einer als positiv bewerteten deutschen Erinnerungsarbeit stand und die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht in Frage gestellt wurde, sind jüdische Themen nun oft negativ konnotiert: Deswegen ist unsere Arbeit wichtiger denn je.
Das JMB versteht sich ausdrücklich als Bildungseinrichtung und will weiterhin eine gesellschaftliche Vermittlerrolle zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Welt einnehmen – auch wenn manche Positionen weiter auseinanderliegen als zuvor, wenn der Ton rauer geworden ist. Damit das gelingt, werden wir im Jubiläumsjahr eine Bildungsinitiative starten: In einem ersten Schritt wollen wir untersuchen, welche Wirkung unsere Bildungsarbeit – die vor Ort und die in den digitalen und hybriden Formaten – bei den Besucherinnen und Besuchern bzw. Nutzerinnen und Nutzern entfaltet. Auf dieser Grundlage werden wir in einem zweiten Schritt Methodik und Programme weiterentwickeln.
Seit 25 Jahren stehen die Türen des JMB offen, 15,5 Millionen Menschen haben es insgesamt besucht. Seit 2020 ist eine neue Dauerausstellung zu sehen, die Sonderausstellungen haben dem Publikum über die Zeit verschiedene jüdische Perspektiven auf zahlreiche gesellschaftliche Themen eröffnet. Im Jahr 2025 waren 640.000 Menschen im JMB und in der Kinderwelt ANOHA.
Wir suchen den Austausch nicht nur mit unserem Ausstellungs-, sondern auch mit dem Veranstaltungsprogramm in der Akademie und im übrigen Haus sowie in unseren Social-Media-Kanälen. Wir erzählen auf der Lern- und Lehrplattform JMB di.kla, mit dem digitalen Community-Projekt »Jewish Places« – einer Website mit einer interaktive Karte, auf der wir Beiträge aus der Online-Community zur deutsch-jüdischen Geschichte sammeln und eintragen – sowie in einem Online-Schaukasten auf der Website unseres Museums von Jüdinnen und Juden, von ihrem Leben, von deutsch-jüdischer Geschichte und heutigen Erfahrungen in Deutschland: mit Themenfeatures, Interviews, Podcasts, Kurzfilmen, Online-Spielen und anderem.
Eine wichtige Basis unserer Arbeit bilden die Schenkungen, die wir über die Jahre von zahlreichen Familien erhalten haben. Die sogenannten Familiensammlungen ergänzen die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft um jüdische Perspektiven. In Familien werden Erinnerungen weitergegeben: mündlich, schriftlich manchmal gebunden an Objekte. Erinnerungen, auch wenn sie an Erinnerungsstücke geknüpft sind, sind nichts Unabänderliches. Sie werden immer wieder neu konstruiert und rezipiert. Persönliche Fotos, Zeichnungen oder andere Objekte bilden Erzählungen von Lebensrealitäten ganz unterschiedlicher Gruppen, an die wir in unserer Vermittlungsarbeit anknüpfen. Sie ermöglichen auch einen emotionalen Zugang, der Menschen nachhaltiger anspricht als ein rein intellektueller.
In den vergangenen beiden Jahren haben wir über 50.000 Digitalisate von Objekten aus Familiensammlungen erstellt. Über 20.000 davon sind bereits online zugänglich, täglich werden es mehr. Bisher konnten wir diese Arbeit durch Drittmittel finanzieren – darauf sind wir auch in Zukunft angewiesen. Nutzerinnen und Nutzer aus aller Welt können Fotos über unsere Online-Sammlung genau untersuchen, Tage- und Notizbücher können gelesen, dreidimensionale Objekte am Bildschirm betrachtet werden, und Stifterinnen und Stifter erhalten die Gelegenheit, mit ihren teilweise weit verstreuten Familienangehörigen die Sammlungen anzuschauen, ohne nach Berlin reisen zu müssen. Über 250 Jahre Lebenserfahrung jüdischer Familien können somit mit Menschen auf der ganzen Welt geteilt werden und stehen für die wissenschaftliche Forschung und Vermittlungsarbeit zur Verfügung.
Noch immer wissen viele Menschen zu wenig über jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart. Deshalb wollen wir das Jubiläumsjahr nutzen, um noch mehr Aufmerksamkeit dafür zu gewinnen. Zwei Ausstellungen setzen in diesem Jahr starke Akzente: »Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin« reflektiert ab Mai Architektur, Gründung und frühe Selbstverortung des Hauses. »Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart« richtet den Blick ab September nach vorn – auf Ambivalenzen, Kontroversen und verschiedene Möglichkeiten, die Gegenwart zu verändern. Zwölf künstlerische Werke werden eigens für die Ausstellung entwickelt und sollen das Publikum dazu anregen, die Auseinandersetzung mit einem oft bedrückenden Jetzt aufzunehmen, um ihm eigene Vorstellungen entgegenzusetzen.
Um möglichst viele Menschen zu erreichen, bieten wir im Jubiläumsjahr ein vielfältiges Programm mit vielen kostenlosen Angeboten – in Berlin, deutschlandweit und im digitalen Raum. Ich empfehle neben den Ausstellungen beispielsweise das Sommerfest im Garten, das dazu einlädt, das Museum als festlichen und fröhlichen Ort der Begegnung zu erleben. In der Kinderwelt ANOHA feiern wir fünf Jahre eines kreativen, nachhaltig gestalteten Raums, der jüdische Werte nicht erklärt, sondern erlebbar macht. An ausgewählten Sonntagen laden wir Familien dazu ein, Geschichte generationenübergreifend zu befragen. Und wir laden dazu ein, gemeinsam zu feiern, zu fragen und weiterzudenken – im Museum, außerhalb und miteinander.