»Tuet auf die Pforten« – dieses biblische Zitat über ihren Portalen verband seit 1866 die Neue Synagoge Berlin mit der Stadt. Das damals größte jüdische Gotteshaus in Deutschland ist heute nicht nur Ort unseres Museums, sondern Hauptobjekt und Inspiration. Eingekerbt in das Gebäude sind fast 160 Jahre Berliner jüdische Geschichte in ihren verschiedenen Phasen: Emanzipation, ihre Erfolge und ihre Rückschläge, Verfolgung und Ermordung, der Neuaufbau der Gemeinde nach 1945. Schon das Antlitz des Prachtbaus in der Mitte der Stadt spiegelt die damalige jüdische Hoffnung auf einen Dialog auf Augenhöhe.

 

Jüdische Erfahrungen, universale Fragen

In der Gesellschaft ankommen – Berliner Jüdinnen und Juden bleiben? Als Museum spinnen wir die Fäden dieser und anderer jüdischer Sujets von der Geschichte in die Gegenwart und zurück und diskutieren ihre unverminderte Relevanz, wobei wir gerne neue kreative Forschungsperspektive nutzen und aktuelle Debatten aufgreifen. So stellte die 2021/22 gezeigte Ausstellung »Jüdisches Berlin erzählen. Mein, Euer, Unser?« die Frage nach der Deutungshoheit und danach, welche emotionale Beziehung Berlinerinnen, Berliner, alte und neue, jüdische und nichtjüdische zum jüdischen Berlin haben. Auf diesem Weg des »emotional turn« geht auch die aktuelle Wechselausstellung »Gefühlsdinge« weiter, denn sie bringt Emotionen und Erinnerungen von jüdischen Communities mit Objekten aus unserer Sammlung zusammen. Wir wollen in unserer Arbeit nicht nur partizipative Formate ausprobieren, sondern uns an diverse Öffentlichkeiten richten. Unsere Ausstellungen, Veranstaltungen und Bildungsprogramme vermitteln jüdische Kulturen und Lebenswelten, geben Kultur und Forschung eine Bühne und stellen durch das Prisma des jüdischen Berlin Fragen etwa nach der Akzeptanz von Differenz sowie den Mechanismen von Exklusion und Diskriminierung. Als jüdisches Museum fragen wir, inwieweit sich diese universalen gesellschaftspolitischen Fragen in jüdischen Erfahrungen spiegeln. Einige unserer Themen ergeben sich aus unserer eigenen Geschichte. So haben wir als Haus im ehemaligen Ostteil der Stadt und als Stiftung, die noch zu DDR-Zeiten gegründet wurde, die jüdische DDR-Geschichte stets besonders im Blick. Beispielsweise widmete sich eine unserer Veranstaltungsreihen »Kino unter der Kuppel« spezifisch der Darstellung von Jüdischem im Kino und Fernsehen der DDR. Aber auch andere Themen sind uns wichtig. Unser »Jüdisch-Literarisches Rondeel« wird in diesem Jahr, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des 7. Oktober, unter der Frage »Was kann Literatur?« israelische und deutsche Autorinnen und Autoren miteinander ins Gespräch bringen.

 

Stadt und Welt – Erzählungen und Perspektiven

Außerdem stellen wir immer wieder die Beziehungsfrage zur Stadt: Wir werten das Jüdische als bedeutenden Teil der Stadtgeschichte und immer mehr der Gegenwart. Wir erzählen also »Beziehungsgeschichten« von jüdischen und nichtjüdischen Stadt-Communities und ebenso über internationale Reichweite. Unser Thema ist jüdisches Berlin damals und heute in seinen vielen Facetten und an seinen diversen Orten: in der Oranienburger Straße, im Kiez, im Stadtraum, aber auch in seinem Einfluss auf das Land und die ganze Welt.

Jüdische Sichtbarkeit im Stadtraum ist eines unserer Kernanliegen und findet sich von thematischen Stadtrundgängen bis hin zu Social Media Reihen in vielen unserer Arbeitsfelder wieder. Dabei haben wir ganz Berlin, besonders aber unsere unmittelbare Umgebung mit ihrer herausragenden jüdischen Geschichte im Blick. Für die Spandauer Vorstadt inklusive des Scheunenviertels planen wir gerade ein Erinnerungskonzept.

 

Gedächtnis und Erinnerung am historischen Ort

Für die Präsenz des jüdischen Berlins im Damals steht nichts besser als die ikonische Silhouette der Neuen Synagoge, die Denkmal und Erinnerungsraum ist: Ihre teilrekonstruierten Gebäudeteile lassen das einstige Leben erahnen. Gerade dieser Ort unseres Museums motiviert uns, die Reflexion über Erinnerungskulturen als eines unserer Kernthemen zu betrachten. Im Gebäude ist auch unser historisches Archiv untergebracht, das uns zu einer herausragenden Gedächtnisinstitution nicht nur für das jüdische Berlin, sondern auch für das deutsche Judentum macht. Denn mit seinen beispiellosen Beständen aus dem früheren Gesamtarchiv der deutschen Juden zählt es zu den weltweit bedeutendsten Archiven zur deutsch-jüdischen Geschichte. Wir arbeiten an der digitalen Online-Stellung seiner Findbücher und wollen damit die Zugänglichkeit für Wissenschaft und Familienforschung erleichtern – und ebenso werden wir in den nächsten Jahren sukzessive die Sichtbarkeit unserer Sammlungen erhöhen.

 

Jüdisches Berlin heute und Nachkommen

Die Neue Synagoge selbst, heute wieder Sitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bezeugt die Spannung zwischen dem, was einst war, und dem, was langsam neu aufgebaut wurde. Als Museum mittendrin in jüdischem Leben und in einer Gleichzeitigkeit von alt und neu sehen wir uns prädestiniert dafür, die Gegenwart und die heutigen verschiedenen Judentümer in den Blick zu nehmen und ihnen ein Forum zu bieten. Die Anbindung an Berliner jüdische Communities ist uns ebenso wichtig wie der Kontakt zu ehemaligen Berliner Jüdinnen und Juden und ihren Nachkommen in aller Welt. So fängt unser gegenwärtiges Oral History Projekt vor allem die Stimmen der nachfolgenden Generationen ein, die sich auf Spurensuche ihrer Berliner jüdischen Familiengeschichte befinden.

 

Unsere Visionen

30 Jahre nach Eröffnung unseres Museums im Jahr 1995 wollen wir noch viel mehr eine Anlaufstelle, ein Infocenter und Ort des Zusammenkommens sein: ob für jüdische und nichtjüdische Berlinerinnen und Berliner oder internationale Besucherinnen und Besucher. Hier sollten Menschen miteinander in einem Café ins Gespräch kommen, sich in Leseecken vertiefen oder die früheren Wohnorte der Familienangehörigen erfahren können. Ein »place to be« für alle mit Neugier auf jüdische Geschichte und Gegenwart. Ein Ort, der Wissen schaffen und Vorurteile abbauen, für Empathie wirken und zum Überdenken anregen kann

 

Jüdische Museen

Seit der Ausgabe 9/24 stellen wir in jeder Ausgabe von Politik & Kultur Jüdische Museen in Deutschland vor. Die Reihe finden Sie online unter: tinyurl.com/43wrdzx7

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.