Die Leipziger Buchmesse ist vorbei, der Kulturstaatsminister hat den Protest mit ein paar Blessuren überstanden und in der »Schwankenden Weltkugel« zieht wahrscheinlich wieder der Alltag ein. Wenn Sie mich fragen, wer oder was diese »Schwankende Weltkugel« eigentlich sei, kann ich nur antworten: ich habe diese kleine Szenebuchhandlung auch nicht gekannt, die im Zentrum der Empörung gegen Wolfram Weimer stand. Weil er sie mit zwei politisch ähnlich gelagerten Buchläden von der Liste der Preisträger des diesjährigen Buchhandlungspreises streichen ließ. Aufgrund verfassungsdienstlicher Erkenntnisse, wie die Begründung des zuständigen Ministeriums lautet, über die man aber nicht reden darf.

Die Reaktionen darauf waren doch erwartbar gewesen. Über Tage wurde diskutiert, ob Weimer jetzt tatsächlich zum Kulturkampf geblasen habe. Die Leipziger Buchmesse sollte zum Tribunal werden, wurde sie aber nicht, weil der konziliante Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung gleich zu Beginn einen versöhnlichen Ton anschlug. Aber viel bemerkenswerter noch: weil das Leipziger Publikum nicht nur protestieren, sondern auch zuhören wollte und offenkundig noch weiß, was staatliche Zensur tatsächlich bedeutet.

Und Weimer selbst? Der setzte am Eröffnungsabend sein Schwiegersohnlächeln auf, beharrte aber auf dem entscheidenden Argument: Dieser Staat dürfe nicht diejenigen noch prämieren, die offenbar gegen ihn sind. Wer »Deutschland verrecke« auf seine Ladenfront pinselt, drücke damit wohl kaum Sympathien aus.

In der Rolle des energischen Chefanklägers gefiel sich an diesem Abend der neue Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der in seiner Haltung ein wenig an frühere Gewerkschaftsführer erinnerte in seiner unerschütterlichen Selbstgewissheit, Schwarz eindeutig von Weiß unterscheiden zu können. Im Geiste des alten, heute auch in Misskredit geratenen Parteiliedes »Wann wir schreiten Seit’ an Seit’«, beschwor er die Einheitsfront des Börsenvereins mit drei linken Szenebuchläden wohl in der Hoffnung, die Entscheidung des Kulturministers auf diese Weise korrigieren zu könnte. Aber wie es bei Karl Marx heißt, wird bei Wiederholung von Geschichte aus der Tragödie eine Farce. Wer nur ein wenig mit der Tradition dieser alternativen Buchläden vertraut ist, weiß, dass sie in den studentenbewegten Achtundsechziger Jahren alles andere als ein Liebesobjekt für den Börsenverein waren. »Zerschlagt das bürgerliche Copyright« hieß eine ihrer markigen Parolen; oder martialischer noch: »Wer mehr als vier Mark für ein Buch nimmt, wird nach der Revolution erschossen.«

Dabei hätte der Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz nur ein paar Kilometer weiter vom Leipziger Messegelände zur Deutschen Nationalbibliothek blicken müssen, um auf eine Tagung über die legendäre Raubdruckbewegung zu stoßen, die einst das intellektuelle Signum der Studentenrevolte war. Autoren wie Wilhelm Reich, Karl Korsch, Herbert Marcuse oder Theodor W. Adorno gab es im offiziellen Buchhandel damals kaum zu kaufen. Reichs Hauptwerk über die Funktion des Orgasmus erschien deswegen im fiktiven Hamburger Bumms Verlag, bevor es dann bei Kiepenheuer&Witsch seine bürgerliche Buchheimat fand.

Man kann sich das in unserer heutigen Welt der Gratisnachrichten und ubiquitären Verfügbarkeiten gar nicht mehr vorstellen, mit welch verschwörerischer Miene man solche Schriften im revolutionären Tornister mit sich trug. Die ersten Szenebuchläden, in denen wir sie damals käuflich erwerben konnten, verkörperten eine neue, schummrig erregte Bewusstseinswelt. Bücher plus Espresso hieß die Zauberformel. Also beinharte Ideologie mit einem Schuss Baristakultur, weshalb die deutsche Urmutter solcher Läden das legendäre Frankfurter »Libresso« war.

Wer in den siebziger Jahren in Frankfurt am Main studierte, hat diese Szene noch miterlebt. Der lernte bei der wundervollen Buchhändlerin Melusine Huss, die mit Bazon Brock liiert war, den Unterschied von guter und schlechter Literatur kennen, ging dann aber meist eine Ecke weiter in die universitätsnahe Jordanstraße, wo sich die legendäre Karl Marx-Buchhandlung befand.

Ich habe Joschka Fischer dort noch als korpulenten Antiquar erlebt, der den klammen Studenten ihre teuer bei Melusine Huss erworbenen Klassikerausgaben wieder abkaufte, damit diese sich ihren Flug zum Bhagwan nach Poona (korrekt: Pune) leisten konnten; man traf auf Querköpfe wie Günter Maschke, den einzig wirklichen Renegaten der 68er-Bewegung, wie Jürgen Habermas ihn genannt haben soll; oder auf Daniel Cohn-Bendit, der sich für die Sonne von 68 hielt und im Rückraum der Buchhandlung vorrübergehend seine privaten Zelte aufschlug. Damals passte eben noch vieles zusammen. Eine politische Idylle ist daraus nie geworden. Der Frankfurter Kaufhausbrand lag noch nicht lange zurück.

Gemessen an solchen wahrhaft heroischen Zeiten wirkt der Streit um die »Schwankende Weltkugel«, die Göttinger »Rote Straße« oder den Bremer »Golden Shop« wie ein Aufstand im Legoland. Doch die Wahrheit ist noch viel simpler: Dieses einst alternative Biotop will auf Staatsknete nicht mehr verzichten. Weimer hat an politische Lebenslügen gerührt. Das flog ihm jetzt um die Ohren.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 4/2026