Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 demonstrierte drastisch, was eigentlich hinlänglich bekannt war: Das in Archiven und Bibliotheken verwahrte Schriftgut – das kulturelle Gedächtnis – ist fragil und schnell schutzlos. Jenseits solcher Katastrophen ist diese Überlieferung alltäglich stilleren Gefahren ausgesetzt: säurehaltige Papiere des 19. und 20. Jahrhunderts zerfallen, Tinten korrodieren, Einbände lösen sich, Schimmel führt zu Materialverlust.
Was 2009 mit Köln als traumatische Zäsur für das kulturelle Gedächtnis Deutschlands begann, fand zwei Jahre später mit der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) seine notwendige Antwort: Bund und Länder gründeten die KEK als zentrale Instanz für den Originalerhalt. Kultur ist zwar primär Ländersache, gleichzeitig erfordert der Schutz national bedeutsamen Kulturguts eine koordinierte Gesamtstrategie. Davon zeugt der Kernauftrag der KEK der ersten Jahre: die im Jahr 2015 veröffentlichten »Bundesweiten Handlungsempfehlungen für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland.« Im Aktionsraum der KEK erweist sich das föderale Modell nicht als Hindernis, sondern als Chance: Die gemeinsame Finanzierung signalisiert politische Priorität und macht Bund und Länder zu Partnern auf Augenhöhe. Jedes Bundesland weiß sich durch das landesministeriell benannte »Expertennetzwerk für den Originalerhalt« beteiligt, das die KEK 2013 initiierte. Dadurch bleibt die regionale Expertise handlungsfähig und werden die Länderstrukturen gestärkt. Die KEK bündelt Fördermittel und Fachkompetenz, gibt Impulse, sorgt für Transparenz – und hat sich als Erfolgsbeispiel des kooperativen Kulturföderalismus etabliert. Das 2026 eingeführte, gemeinsam von Bund und Ländern getragene Förderprogramm »Schriftliches Kulturgut erhalten« ist jüngster Beleg dafür. Die Kölner Katastrophe wirkte somit als Katalysator für ein nachhaltiges Verständnis von koordiniertem Originalerhalt.
Seit ihrer Gründung hat die KEK über 27,6 Millionen Euro für bundesweit 1.246 Projekte bereitgestellt. Unter Einberechnung der Kofinanzierung wurden somit insgesamt gut 52 Millionen Euro in den Originalerhalt investiert. Im Zentrum standen Reinigung, Schutzverpackung, Massenentsäuerung und Restaurierung. Besonders bedeutsam ist ein struktureller Effekt: Einrichtungen werden dazu befähigt, systematische Schadensanalysen durchzuführen und mehrjährige Erhaltungsstrategien mit entsprechender Priorisierung zu entwickeln. Für die Notfallprävention wurden über 750.000 Euro Fördermittel ausgereicht, z. B. für Beschaffung von Notfallmaterialien oder Kompetenzentwicklung. Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, hat die KEK die interaktive Karte »Notfallverbünde zum Kulturgutschutz« entwickelt. Diese visualisiert die regionalen und überregionalen Verbünde sowie die vorhandene Ausrüstung zum Kulturgutschutz in Deutschland. Die Nennung von Förderung und Notfallkarte der KEK im Umsetzungsplan der Resilienzstrategie des Bundes unterstreicht die übergeordnete sicherheitspolitische Bedeutung des Originalerhalts im System kultureller Resilienz.
Optimierungspotenzial besteht hingegen noch im Zusammenspiel von Originalerhalt und Digitalisierung. Letztere ermöglicht den ort- und zeitunabhängigen Zugang zum Schriftgut und dessen Bestandsschonung. Der Digitalisierungsgrad ist jedoch bundesweit noch heterogen, und allein der enorme Umfang verhindert eine zeitnahe umfassende Digitalisierung aller Bestände. Häufig bedarf es zur Herstellung der Digitalisierbarkeit vorab bestandserhaltender Maßnahmen. Digitale Daten wiederum erfordern langfristige Sicherungsstrategien, regelmäßige Migration und IT-Resilienz. Zudem ersetzt die Digitalisierung nicht die materielle Erhaltung. Originalerhalt und digitale Langzeitarchivierung sollten deshalb unbedingt stärker in Verbindung gebracht werden. In einem ersten Schritt ließen sich die separat laufenden Förderprogramme besser synchronisieren. Das würde nicht nur die Originale schonen, sondern auch Personalkosten und Fördermittel einsparen.
Welche neuartigen Risikofaktoren mittelfristig an Relevanz gewinnen, wird in jüngster Zeit deutlich. Einerseits geht es in Zeiten knapper Kassen um eine nachhaltige, also planbare Finanzierung des koordinierten Originalerhalts, eine noch stärkere Verankerung des Themas in Haushaltsrunden. Andererseits verschärfen sich externe Faktoren: Extremwetterereignisse nehmen zu, was die Ansprüche an Gebäude- und Notfallmanagement erhöht. Und die aktuelle geopolitische Lage fordert die Gedächtniseinrichtungen in einem bisher nicht bekannten Maße. Sie spielen eine immer wichtigere Rolle als Schutzinstitutionen für die Demokratie, als »Anker der Wahrheit« gegenüber Desinformation und Falschmeldungen.
Der »klassische« materielle Schutz des Schriftguts wird somit existenziell: fachgerechte Lagerung in klimastabilen Magazinen. Und für eine effektive Notfallbewältigung sollte das Schriftgut verpackt sein. Einerseits schützt die Verpackung vor Außeneinwirkung, selbst vor solch massiven Druck- und Scherkräften, denen die Kölner Archivkartons beim Einsturz 2009 ausgesetzt waren. Andererseits lassen sich havarierte Bestände verpackt wesentlich effizienter evakuieren, bergen und (zu)ordnen. Ein Großteil des Schriftguts in deutschen Magazinen ist nach wie vor nicht schutzverpackt, selbst der Verpackungsgrad der hochpriorisierten Bestände lässt zu wünschen übrig: Die Altlast dieses Rückstaus gehört jedenfalls zu den mittelfristigen Herausforderungen – und ruft nach einer konzertierten Verpackungsoffensive.
Seit ihrer Gründung hat die KEK den Schutz schriftlichen Kulturguts kulturpolitisch verankert: Er ist erfolgreich in ein Netzwerk aller verantwortlichen Ebenen eingebettet. Strategische Leitlinien, Förderprogramme und Instrumente zur Notfallprävention haben die Widerstandsfähigkeit der Schriftgutbestände deutlich erhöht. Im Umfeld neuartiger Gefährdungen muss dieses Netzwerk 15 Jahre nach Gründung der KEK seine Tragfähigkeit jedoch unter veränderten Vorzeichen beweisen. Die Fortführung des Auftrags als gesamtstaatliche Aufgabe erfordert einiges: das nötige Fachpersonal an Ort und Stelle – trotz demografischen Wandels; die Weiterentwicklung von Mengenverfahren, um die verfügbaren Fördermittel ressourceneffizienter einzusetzen, baulichen Kulturgutschutz im Sinne von »Dual-Use« Gebäuden, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Jedenfalls braucht es eine stetige politische Flankierung – als eine Investition in die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie.