Christine Fuchs, Vorständin des Kulturnetzwerks Bayerischer Städte, spricht mit Ludwig Greven über das Festival »Die Stadt als Garten«.

 

Ludwig Greven: Wie sähen für Sie Nürnberg, Ingolstadt oder München aus, wenn man sie sich als Garten dächte, wie das Motto Ihres zweijährigen Sommerfestivals lautet?

Christine Fuchs: Die Menschen treffen sich bei Straßenfesten und in Parks zu Kulturprogrammen. Lesungen, Konzerte, Performances machen den öffentlichen Raum zu einem Ort der Begegnung und des Miteinanders, die Stadt wird zu einem Garten, der zum Verweilen einlädt. Es gibt in allen Straßen Pflanzen, auch auf den Balkonen und in Innenhöfen. Plätze sind so ausgerichtet, dass die Menschen gut draußen sein können, mit Bänken, Brunnen und Sitzgelegenheiten. Die Leute würden sich begegnen und kennenlernen, als Gemeinschaft in der Stadt, wie man es aus Dörfern und urbanen Quartieren der Großstädte kennt. Man würde Lieblingsgerichte und Lieder teilen und überlegen, wer wann welche Kinder in die Schule bringt.

 

Was ist ihr Ziel bei dem Festival?

Es geht darum ein neues Bild entstehen zu lassen. »Die Stadt als Garten« ruft innere Bilder wach. Der Garten ist ein Symbol – auch für das Zusammenleben von Menschen. Gärten sind kulturelle Wohlfühlorte. Wir möchten die Städte zu echten Lebensräumen machen, die man mitgestaltet, in denen man sich gerne aufhält und die Seele baumeln lassen kann. Was auch bedeutet, im Sommer den Baum vorm Haus mit einem Eimer Wasser zu versorgen.

 

Wie ist die Idee entstanden?

Sie ist aus unserem letzten Projekt heraus erwachsen. Das Nachhaltigkeitsfestival »Kunst:Klima:Kunst« hat sich den kulturellen Herausforderungen des Klimawandels gewidmet. Wie gehen die Kultureinrichtungen mit dem Klimawandel um, und wie gelingt eine nachhaltige Kulturförderung? Das sind Fragen, die oft beängstigen, wenn es darum geht, was wir künftig nicht mehr tun können. Das Bild des Gartens ist ein ganz anderes. Es ist zukunftsweisend und hoffnungsvoll. Als ich das Thema in unseren Gremien vorgeschlagen habe, war das Belebende dieser Idee sofort zu spüren. Jeder hat eine innere Verbindung zu Gärten. Sie sind Sehnsuchtsorte.

 

Es geht Ihnen nicht nur darum, Städte zu begrünen, sondern die urbane Landschaft als Raum des Wachsens, der Begegnung und der kulturellen Reflexion zu begreifen. Wie unterscheidet sich das von anderen Sommerfestivals und Kulturevents, die oft ähnliche Ziele verfolgen?

Es ist eine andere Haltung. Die Stadt nicht nur als Bühne oder Eventort zu sehen, sondern als einen sozialökologischen Kulturraum, von dem ich selbst immer Teil bin. Wenn ich das »Gärtnerische« mit bedenke, habe ich einen Gestaltungs-, Pflege- und Beteiligungsimpuls wie jeder Gärtner. Das ist etwas ganz anderes als das Besuchen eines kulturellen Angebots. Es bedeutet, dass sich Menschen in die Stadt einbringen können und sie lebendig halten.

Es geht also auch darum, dass Bewohner für ihre Stadt selbst Verantwortung übernehmen?

Ja, die Stadtverwaltungen können das befördern. Beispielsweise vergeben manche Gartenämter Baumpatenschaften. Bürgerinnen und Bürger kümmern sich dann um einen Baum an ihrer Straße und die Baumscheiben werden zu kleinen Vorgärten, in denen Stockrosen, Tomaten und Klangspiele wachsen. Das Stadtbild verändert sich gerade in vielerlei Hinsicht. Beispielsweise bei den Grünstreifen, die oft nicht mehr gemäht werden. Da wächst plötzlich Getreide, die Stadt mutet landwirtschaftlich an oder erinnert an Orte, die man aus südeuropäischen Urlaubsländern kennt. Früher haben sich die Bürger beschwert, die Grünflächen würden vernachlässigt. Heute ist genau das gewollt, wegen des Klimas und der Biodiversität. Auch Bewegungen die sich mit urban gardening, guerilla gardening oder der Essbaren Stadt beschäftigen, zeugen von dem Verlangen der Menschen nach Grün und dem Bedürfnis sich zu verwurzeln.

 

Wie beeinflusst das die Kultur?

Mit der »Stadt als Garten« verändert sich auch die Wahrnehmung, ein zentrales Thema von Ästhetik und Kunst. Wie sehe ich meine Stadt? Fällt mir auf, was da wächst, blüht und Farbe bringt? Wie ist es zu den unterschiedlichen Jahreszeiten? Landschaftsarchitektur und Gartenkunst waren immer auch Kulturtechniken und Gegenstand künstlerischer Praxis.

 

Die Innenstädte wirken oft noch ziemlich trist. Wie wollen Sie die zu utopischen Gärten machen?

Ich habe da kein festes Bild. Gärten sind Räume des Wandels. Welche Pflanzen sich ansiedeln, ob etwas anwächst oder nicht, das ist immer im Werden. Da gibt es viele Potenziale der Veränderung. Ein Garten wandelt sich im Jahresverlauf und wird nie jedes Jahr gleich aussehen. Wenn ich ihn anlege, habe ich große Hoffnungen in die Zukunft. Das ist der Ansatz, wieso es überhaupt zu dem Thema gekommen ist.

 

Was für Veranstaltungen finden statt?

Einige Städte ergänzen bestehende Sommerfestivals mit neuen Programmpunkten. Eine Innenstadt-Brache wird zum Bürgerpark für Familienfeste. Es gibt musikalische Spaziergänge in Wassergärten, Stadtführungen unter gärtnerischem Blickwinkel, Lesungen in Museumsgärten und vieles mehr. Die meisten machen wir nicht selbst. Meine Aufgabe ist, das Thema anzustoßen, zu moderieren und dem Ganzen einen Rahmen zu geben. Im kommenden Jahr planen wir ein Projekt mit Künstlergärten, das die Nachbarschaft einbezieht, und eine abschließende kulturpolitische Tagung, die die Erfahrungen des Festivals vertieft und auswertet.

 

Wie viele bayerische Städte machen mit?

In diesem Jahr 20. Ich rechne damit, dass es im nächsten Jahr noch einige mehr sind.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.