Kürzlich fiel mir Wolfram Weimers Konservatives Manifest in die Hände, die Geschichte von der Suprematie Europas, die unser Kulturstaatsminister historisch auf drei Hügeln gegründet sieht: Golgatha, Akropolis, Kapitol. Christliche Nächstenliebe, griechische Philosophie, römisches Recht. Die drei, so führt er aus, begründen die Vorherrschaft des Abendlandes über den Rest der Welt. Da ich aus einem protestantischen Pfarrhaus stamme, kenne ich mich auf diesen Hügeln aus. Humanistisches Gymnasium, Latein und Altgriechisch; sonntags Kirchgang mit der Familie; Weihnachtslieder unterm Tannenbaum; Bachchor, Homer, Cicero und Thomas Mann. Das klassische Abendland.
Der Blick von diesen Hügeln ist ohne Zweifel ein sehr privilegierter und verpflichtet zu gründlicher Überprüfung. Spätestens als ein Globus ins Haus kam, konnte ich sehen: Die Welt ist groß, Europa klein. Bethlehem liegt nicht ums Eck im Tannenwald, sondern am Ende des Mittelmeers, in Vorderasien. Man konnte den Globus auch drehen. Dann tauchten aus den blauen Ozeanen riesige Kontinente auf, von denen ich keine Vorstellung hatte, Asien, Afrika, Amerika, Australien. Bis heute wissen wir Europäer nur wenig davon, was sich im Lauf der Jahrtausende auf der Rückseite des Globus abgespielt hat. Das spricht nicht gegen die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Erdteile, sondern belegt die Enge des europäischen Blicks.
Mansa Musa zum Beispiel, der König von Mali, galt im 14. Jahrhundert mit seinem Gold als reichster Mann seiner Zeit; er war vielleicht sogar reicher als Elon Musk. Und anlässlich der Rückgabe der Benin-Bronzen nahmen viele in Europa erstmals zur Kenntnis, dass zur Blütezeit unserer Renaissance auch in Afrika mächtige Reiche und Kunst auf höchstem Niveau zu finden waren; nicht ohne Grund raubten die Europäer diese eindrucksvollen Bronzen und stellten sie in ihre Museen. Um 1500 gab es bedeutende Hochkulturen rund um den Globus, in Amerika, Asien, Afrika, Ozeanien. Aus der jahrtausendealten Perspektive Chinas betrachtet ist die Vormachtstellung Europas ohnehin nur eine vorübergehende Anomalie.
Wie aber kam es dann zur sogenannten Großen Divergenz, dem Aufstieg Europas zu Beginn der Neuzeit? Dafür gibt es unterschiedliche Theorien. Howard French zum Beispiel erzählt in seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch »Afrika und die Entstehung der modernen Welt«, wie die Ausbeutung und Aneignung der Ressourcen Afrikas durch die Europäer (Gold als Handelsware und Sklaven als Arbeitskräfte für die Zucker- und Baumwollplantagen in der Neuen Welt) ab dem 15. Jahrhundert zum Motor für den Aufstieg des Westens wurden. Den rechtlichen Rahmen dafür schufen die Päpste in Rom, die aus eigener Machtvollkommenheit und mit dem Segen des Herrn den Erdball unter den europäischen Mächten Spanien und Portugal aufteilten und die christlichen Herrscher zur Unterjochung und Versklavung der Ungläubigen verpflichteten. Der aus den Kolonien importierte Zucker wurde ein Leitprodukt des internationalen Handels und leistete seinen Beitrag zur Industriellen Revolution. Die von afrikanischen Sklaven gepflückte Baumwolle, die Englands Aufstieg zur Weltmacht begründete, gilt als ein Wegbereiter des Kapitalismus.
Es fällt allerdings schwer, in diesem Vorgehen der Europäer Spuren von römischer Rechtsvorstellung (Hügel drei) oder christlicher Nächstenliebe (Hügel eins) zu erkennen. Ähnliches gilt für die Kolonialzeit insgesamt und die daraus folgende und bis heute nachwirkende wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt. Wie auch für die beiden von Europa ausgehenden verheerenden Weltkriege. Macht man die europäische Suprematie am Begriff der Würde fest, einem »Ur-Wert« im Konservativen Manifest, so muss man konstatieren, dass der Artikel 1 unseres Grundgesetzes »Die Würde des Menschen ist unantastbar« in der abendländischen Geschichte keineswegs immer für alle Menschen galt, und die, für die er nicht galt, haben das nicht vergessen. Diese Korrektur an unserem Selbstbild müssen wir uns zumuten. Da ist kein Anlass für Dünkel. Nicht überall auf der Welt erscheinen wir Europäer in positivem Licht.
Und hier kommt nun auch Hügel zwei des Konservativen Manifests ins Spiel, die griechische Philosophie. Durch ihren wissenschaftlichen Ansatz bereitete sie in Europa den Weg für eine dualistische Sicht auf die Welt, für die Trennung von Geist und Materie, die Dichotomie von Natur und Kultur. Der Mensch lernte, sich nicht mehr als Teil der Natur zu sehen, sondern als ihren Herrn, der das Recht hatte, sie zu beherrschen und auszubeuten. Ein schwerer Denkfehler, dessen Folgen heute weltweit zu besichtigen sind, vom Schwund der Artenvielfalt über den Klimawandel bis zum Anstieg der Meeresspiegel. Während die Europäer, wie Wolfram Weimer schreibt, »seit Jahrhunderten in dem Bewusstsein kultureller und wirtschaftlicher Dominanz« lebten, brachten sie mit ihrer Lebensweise den Globus und damit auch die Heimat vieler Völker auf seiner Rückseite in existentielle Gefahr.
Es gibt keine dauerhaften Veränderungen ohne kulturellen Wandel, mahnt Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Laudate Deum – eine klare Aufforderung, unsere kulturellen Narrative auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, so auch das Narrativ von der Suprematie des Abendlands. Das ist nicht mehr zukunftsfähig, wenn man den Zustand der Erde betrachtet, so viel müssen wir in Demut (auch eine konservative Tugend im Manifest) konstatieren. Wo aber finden wir ein besseres Narrativ? Wenn Wolfram Weimer nach sinnstiftenden Geschichten sucht, dann schaut er zurück in die Vergangenheit; Sinnstiftung kann aber auch – und besser – aus dem Blick nach vorne entstehen, in einer Zukunftserzählung, die das Überleben der Menschheit zum Inhalt hat.
Den Begriff Nachhaltigkeit mag Wolfram Weimer nicht. Aber schon allein der gesunde Menschenverstand, der im Konservativen Manifest durchaus hochgehalten wird, müsste nahelegen, dass es so, wie die Menschheit derzeit lebt und wirtschaftet, nicht weitergehen kann. Die Fakten sind bekannt. Aufgrund seiner Vergangenheit steht Europa in besonderer Verantwortung, Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Und auch im eigenen Interesse sind wir gut beraten, unseren Blick zu weiten und den gesamten Globus in den Blick zu nehmen. Wir sind Teil einer globalen Schicksalsgemeinschaft. Wir brauchen eine globale Zukunftserzählung, in die wir auch die Weisheit anderer Kulturen einbeziehen. Einen schönen Entwurf hierfür gibt es schon, in der UNESCO-Erklärung zur Kulturellen Vielfalt, der sich auch Deutschland verpflichtet hat:
»Im Lauf von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wider in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.«
Zur Eröffnung des Humboldtforums 2021 in Berlin hielt die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie eine beeindruckende Rede. Darin rief sie das versammelte Festpublikum auf, endlich den eurozentrischen Hochmut abzulegen und in einem gegenseitigen Respekt zwischen den Kulturen »real progress« zu wagen. Das Humboldtforum mit seinen großartigen Sammlungen stellt universales Menschheitswissen zur Verfügung. Dieser Schatz muss für die Gestaltung der Zukunft genutzt werden und nicht zur Verherrlichung einer Vergangenheit, auf die wir bei genauem Hinsehen nicht durchweg stolz sein können.