Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus setzte häufig spät ein – oft erst dann, wenn zeitliche Distanz entstanden war, Verantwortliche verstorben waren und eine neue Generation begann, Fragen zu stellen. Hochschulen bilden hier keine Ausnahme. Wenn sie heute von Verantwortung sprechen, ist meist die Zukunft gemeint: Innova-tion, Transfer, Nachhaltigkeit. Als Präsident der Technischen Universität Clausthal war es mir wichtig, dass institutionelles Erinnern selbst Teil kultureller Verantwortung sein muss.
Bei meinem Amtsantritt in Clausthal-Zellerfeld waren die zentralen Fakten zur NS-Vergangenheit der Hochschule bekannt. Die Rektoren der NS-Zeit hatten das Regime aus Überzeugung unterstützt: Max Paschke stieg beispielsweise bis zum Leiter der Fachsparte Eisen und Stahl im Reichsforschungsrat auf, Siegfried Valentiner unterzeichnete das »Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler«, Hans Grothe leitete den NS-Dozentenbund. Reden und Schriften waren publiziert, Zeitungen archiviert, Personalakten vorhanden.
Doch Zeitzeugen schwiegen – mangels Nachfrage. Die Nachkriegsgeschichte der Hochschule war daher von Auslassungen geprägt: Belastete wurden geehrt, ohne dass ihre Rolle im Nationalsozialismus thematisieret wurde.
Diesen Zustand skizzierte Georg Müller, Professor, Mineraloge und ehemaliger Rektor der TU Clausthal, 1995 als jahrzehntelangen blinden Fleck. Er hatte die Quellen ausgewertet und die NS-Vergangenheit der Bergakademie klar benannt. Die Hochschulleitung habe kaum Distanz zum Regime gehalten. Müller zitierte den Rechenschaftsbericht zum Rektoratswechsel 1933, in dem Paschke erklärte: »Unsere liebe Bergakademie, eine von wenigen Hochschulen, die von jeher nur Arier beherbergt, war stets eine fest gefügte nationale Hochburg.« Die Autarkie- und Rüstungspolitik des Regimes machte die Bergakademie zum »kriegswichtigen Betrieb«. Paschke stellte seine metallurgische Expertise uneingeschränkt in den Dienst der NS-Aufrüstung.
Vom Wissen um die Vergangenheit zum gemeinsamen Erinnern bedarf es jedoch weiterer Schritte. Von außen an die TU Clausthal gekommen, traf ich auf eine Universität im Wandel. Anlässlich der Jubiläen – 500 Jahre neuzeitlicher Bergbau und 250 Jahre Bergakademie – sollte die Vergangenheit vertieft untersucht werden: Wie wurde die Hochschule Teil der NS-Kriegswirtschaft? Welche politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen bestanden? Welche personellen und institutionellen Kontinuitäten wirkten in die Nachkriegszeit hinein? Und welchen Anteil hatten sie am fortgesetzten Schweigen? Dieses Schweigen selbst wurde so zum Gegenstand historischer Aufarbeitung.
Ich habe daher eine institutionalisierte Erinnerungspraxis angeregt: eine Senatskommission, ein Forschungsprojekt mit einer Historikerin, einen wissenschaftlichen Beirat und den Ausbau des Universitätsarchivs. Dies war kein technokratisches Vorhaben, sondern kulturpolitisch motiviert – und für eine kleine Universität mit begrenzten Ressourcen ein anspruchsvolles Projekt. Im Zuge dieser Arbeit rückten bislang wenig beachtete Aspekte in den Fokus, etwa die Aula Academica, 1927 eingeweiht. Als Zentrum eines neuen akademischen Forums errichtet, verband sie regionale Handwerkstradition mit moderner Architektur. Verantwortlich war der preußische Regierungsbaumeister Leopold Rother. Sein weiteres Schicksal blieb in Clausthal lange unbeachtet: Als Jude wurde ihm im Nationalsozialismus die Stellung entzogen, er floh ins Exil nach Kolumbien. Währenddessen wandelte sich die Aula zu einem Ort symbolischer Selbstvergewisserung, in dem sich deutschnationales Denken, akademische Repräsentation und staatliche Loyalitätsrituale verbanden. Farbgestaltungen waren früh übermalt worden, ein geschnitztes Professorengestühl mit NS-Symbolik dominierte den Raum. Nach 1945 wurden einzelne Symbole entfernt, ohne den Ort historisch zu kontextualisieren.
Die unter meiner Verantwortung realisierte Rekonstruktion der Aula machte diese Schichten sichtbar: Rothers Farbkonzept wurde wiederhergestellt, das Gestühl verkleinert, neu platziert und historisch erläutert. Die Aula präsentiert sich heute nicht als »unschuldiger« Raum, sondern als Ort reflektierter Erinnerung – sichtbar, erklärbar, diskutierbar.
Erinnerung ist damit mehr als historische Korrektur. Sie ist kulturelle Praxis und entscheidet darüber, welche Traditionen fortgeschrieben, welche gebrochen und welche neu gelesen werden. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit an der TU Clausthal zeigt: Institutionen können lernen – wenn sie bereit sind, Archive zu öffnen, Zitate auszuhalten und unbequeme Geschichten zu erzählen.
Nach meinem Wechsel im Jahr 2022 als Staatssekretär in das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur dauert die historische Forschung zu den NS-Verflechtungen der TU Clausthal durch die Historikerin Nadja Wischmeyer an. Auch im Ministerium haben wir die Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Standorts auf den Weg gebracht, aus der ein Erinnerungsort mit Hörstationen hervorging.