2003 wurde Martin Maria Krüger, Direktor des damaligen Konservatoriums in München und Präsidiumsmitglied des Bayerischen Musikrates, zum Präsidenten des Deutschen Musikrats gewählt. Nach 22 Jahren verabschiedet er sich nun aus dem Amt und tritt in der Mitgliederversammlung im Oktober nicht wieder an. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und aktuelle musikpolitische Fragen.

 

Theo Geißler: Lieber Martin, vor 22 Jahren wurdest Du – manche sagen überraschend – zum Präsidenten des Deutschen Musikrats gewählt. Gab es da eine raffinierte Verbandstaktik? Oder warst auch Du selbst überrascht?

Martin Maria Krüger: Ich war vollkommen überrascht. Ich bin mor-gens zur Mitgliederversammlung des Musikrats gefahren, weil meine Frau meinte, wenn schon der Deutsche Musikrat so auf der Kippe stünde, müsse ein Vorsitzender eines Mitgliedsverbandes dort sein. Ich habe in dieser Versammlung tatsächlich kein Wort gesagt, bis ich am Abend auf Bitten des Bayerischen Musikrats für das Präsidium kandidiert habe. Nach dieser Wahl war ich dann Präsident.

 

Der Musikrat befand sich damals in einer tiefen Finanzkrise. Wie konnte es unter Deiner Ägide gelingen, diese Krise zu bewältigen?

Es war eine strukturelle Krise. Denn die Finanzkrise war erwachsen aus der Struktur, die nicht mehr zeitgemäß war. Innerhalb einer Vereinsstruktur ein derart komplexes Gebilde wie die Projekte des Deutschen Musikrates mit ganz unterschiedlichen öffentlichen Geldgebern zu beherrschen, die über Jahrzehnte entstanden und aufgebaut worden waren mit diversen Geschäftsführungssystemen: Das konnte nicht mehr gut gehen und führte zu haushaltsrechtlichen Verstößen, die nicht aus bösem Willen vorgenommen worden waren, die aber aus haushaltsrechtlichen Gründen in die Insolvenz führen mussten. Und so ging es darum, eine neue Struktur, nämlich die eines Dachverbandes und einer ihm angeschlossenen gemeinnützigen GmbH für die Projekte mit einer entsprechend haftenden Geschäftsführung zu schaffen und ihn so ganz neu aufzustellen. Das war das Verlangen der Bundespolitik.

 

Ja, es war eigentlich ein politischer Impetus, der diese Trennung bewirkt hat. Wie würdest Du das heute beurteilen? Geht da nicht etwas von der gemeinsamen Kraft, die der Musikrat als Stimme für alle Musikerinnen und Musiker dringend braucht, verloren?

Ich bin der Überzeugung, dass es sinnvoll und sogar die einzig richtige Konstruktion ist. Einfach deshalb, weil ein so komplexes, quasi mittelständisches Unternehmen mit etwa 10 Millionen Euro Jahresumsatz nicht innerhalb einer ehrenamtlichen Struktur geführt und kontrolliert werden kann. Das Entscheidende ist letztlich, ob die Personen, die Verantwortung tragen, sei es haupt- oder ehrenamtlich, bereit und willens sind, miteinander das Beste zu erreichen.

 

Es gab über die Jahrzehnte auch Politiker und Politikerinnen, die Du gewinnen konntest, den Musikrat in verschiedenen Phasen einer finanziellen Gefährdung durch Etatkürzungen zu stabilisieren. Möchtest Du da ein paar Namen nennen?

Eine entscheidende Rolle spielte sicher Steffen Kampeter im Zusammenwirken mit dem damaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Sie waren zornig auf den Deutschen Musikrat im Zusammenhang mit Vorgängen im Nachgang zur Beendigung der Insolvenz. Sie haben sich aber umstimmen lassen und sich für den Deutschen Musikrat eingesetzt, ihn politisch weiter mitgetragen. Ich würde auch Ingeborg Berggreen-Merkel ausdrücklich nennen, die damalige Amtschefin der BKM. Und im Weiteren muss ich auch Monika Grütters nennen, der wir zu verdanken haben, dass der sehr stark auf Initiative des Deutschen Musikrates zurückgehende Musikfonds gegründet wurde. Wir hatten immer wieder Weggefährtinnen und -gefährten, die uns gestützt haben. Es gab eine aus unserer Sicht über diese letzten 20 Jahre bis heute günstig verlaufene Staffelübergabe in der politischen Verantwortung für die Kulturpolitik.

 

Wenn es um die zeitgenössische Musik ging, war auch ein feinsinniger FDP-Mensch, nämlich Gerhart Baum, hartnäckiger Kämpfer.

Er war ein großer Kämpfer und Architekt deutscher Kulturpolitik. Von ihm ging ja wesentlich der Anstoß aus, den Deutschen Kulturrat zu schaffen. Davor war nur das Musikleben über den DMR derart gut organisiert und vertreten gewesen. Gerhart Baum erkannte, dass gerade gesellschaftspolitische Fragestellungen fast immer spartenübergreifend sind.

 

Gab es Reibungen zwischen Kulturrat und Musikrat – zwischen Musik- und Kulturpolitik?

Die Politisierung des Deutschen Musikrats entstand ganz allmählich. Gerade aus dieser neuen Struktur Dachverband und Projekt GmbH entstand eine neue Dimension der politischen Tätigkeit des Deutschen Musikrats, nämlich ein Verband, der sich explizit der Politik widmet – seit 2004 mit einem Generalsekretär Christian Höppner, der eminent politisch ist, nicht umsonst heute bereits zum wiederholten Male auch Präsident des Deutschen Kulturrates. Die mir zugeschriebenen Verdienste im politischen Raum möchte ich ausdrücklich ganz wesentlich auch immer ihm und der vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen uns und vielen weiteren Mitstreitenden zugute schreiben.

Tatsache ist, dass in diesen ersten Jahren des sogenannten neuen Musikrats, also seit 2003, viele Politiker gefragt haben: Was soll das überhaupt? Kulturpolitik, ja, aber von Musikpolitik haben wir noch nie gehört. Wir mussten erst deutlich machen, dass Musik – wie es auch in der Satzung des Deutschen Musikrates steht – ganz wesentlich gesamtgesellschaftlich verankert ist und dass der Deutsche Musikrat es laut seiner Satzung ausdrücklich als seine Pflicht sieht und gleichzeitig den Anspruch erhebt, in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung zu handeln mit dem, was er durch das und über das Musikleben bewegt.

Dadurch, dass der Deutsche Musikrat zeitweise vor allen Dingen in der Zeit vor und während der Insolvenz in seiner Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt war, bearbeitete der Deutsche Kulturrat mit einem noch dazu sehr musikkundigen Geschäftsführer oft auch unmittelbar musikpolitische Themen, gerade auch der musikalischen Bildung. Da mussten wir dann miteinander klären: Wo nur Musik drin ist oder draufsteht, ist es der Musikrat. Und bei allem, was übergeordnet ist, ist es der Kulturrat. Da sind wir uns aber schnell einig geworden. Aus meiner Sicht besteht zwischen Deutschem Kulturrat und Deutschem Musikrat seit zwei Jahrzehnten eine vorbildliche und freundschaftliche Zusammenarbeit.

 

Ein Zentrum Deines Engagements war immer die musikalische Bildung. Aktuell stellt man fest, dass verheerender Lehrermangel besteht, dass der Musikunterricht an den Schulen wegbricht, an Grundschulen existiert er fast gar nicht mehr. Gibt es Möglichkeiten, an diesen Beschädigungen etwas zu verändern?

Musikalische Bildung ist ein wesentlicher und zentraler Bestandteil der kulturellen Bildung. Musik ist die Kunstform, die in den meisten Fällen überhaupt erst durch Zusammenwirken von mehreren Menschen entsteht. Von daher hat sie eine Bedeutung für die Persönlichkeitsbildung des Einzelnen als soziales und gleichzeitig innerhalb der sozialen Einbindung kreatives Wesen. Dem wird die Situation in der schulischen Bildung nicht gerecht. Das betrifft ganz besonders die Grundschulen als Orte, an denen alle Kinder einander begegnen, an dem sie alle erfasst sind. Genau an diesem Ort müsste hochqualifizierter Unterricht gegeben werden. Übrigens auch ein Unterricht, der in der heutigen Zeit noch zusätzlich in besonderer Weise den Folgen der Zuwanderung gerecht wird. Es ist völlig unmöglich, mit einer Klasse musikalisch etwas zu machen, wenn man nicht über entsprechende Kompetenzen verfügt. Das führt dazu, dass Musik das am wenigsten ausgeübte und am wenigsten kompetent ausgeübte Fach gerade im Grundschulbereich ist. Das ist verhängnisvoll.

 

Die Komische Oper in Berlin als Institution der Hochkultur bekommt für ihre Umbauten mehrere 100 Millionen Euro. Fast alle anderen Institutionen, speziell aber die freien Theater, die freien Ensembles müssen mit grausigen Einbußen rechnen, gerade auch in Berlin. Kann man dagegen nicht politisch mal einen gewaltigen Donnerschlag starten?

Zunächst muss man unterscheiden zwischen dem, was man landespolitisch bewegen müsste und was bundespolitisch. Der Deutsche Musikrat hat definitiv wenig Einflussmöglichkeiten auf Landespolitik. Wir müssen alles tun, um die freie Szene – das betrifft alle Sparten – in Deutschland zu fördern und zu erhalten. Deutschlands Reichtum liegt im Zusammenwirken und im ergänzenden Wirken einer riesigen Freien Szene sowie des Amateurbereichs. Das ist der Nährboden, und das ist auch das, was das Wesen einer lebens- und liebenswerten Gesellschaft prägt. Wenn der verloren geht, wird dies der professionelle Bereich ungeachtet der Zahl und Qualität der kulturellen Hochburgen nicht ausgleichen können.

 

Wir erleben in dieser Zeit die Erstarkung von Populismus und Rechtsradikalismus. Der Musikrat betreibt gerade eine Aktion über Demokratie und für Demokratie. Auf was wird da abgezielt?

Aus meiner Sicht ist die UNESCO Konvention zur kulturellen Vielfalt, die ja 2005 entstand, die größte kulturpolitische Errungenschaft weltweit, die wir seit dieser Zeit haben. Es geht um die Bewahrung des kulturellen Erbes, die Förderung des zeitgenössischen kulturellen Schaffens und Lebens und um einen hierarchiefreien Dialog der Kulturen. In unserer Aktion Musik und Demokratie geht es darum, wer mit wem darüber spricht, auch um Impulse z. B. zu Themen wie Deep Democracy.

Musik liefert enorm viele Beiträge und Beispiele, z. B. das Chor- und Orchesterwesen, vor allen Dingen im Amateurbereich. In den Verbänden des Amateurmusizierens sind etwa 4 Millionen Menschen in Deutschland organisiert. Da wächst Demokratie und wird Demokratie gelebt.

 

Gerade erleben wir, dass große Konzerne die Technik beherrschen und vorantreiben, die mit künstlicher Intelligenz inzwischen immerhin schon Songs für die Hitparaden schreibt, die ausübende Künstlerinnen und Künstler durch Avatare ersetzt. Kommt da nicht ein hoher Aufklärungsdruck auf uns alle zu?

Ja, das Raffinierte an der KI, wenn sie entsprechend trainiert wird, ist, dass ich aus vielem Originalen und Originellen etwas schaffe, das zwar per se nicht neu kreativ ist, weil es nicht ein noch Unerhörtes oder Ungeschriebenes erschafft, aber doch etwas Neues insofern, als es das, was schon war, neu zusammensetzt. Das ist hochproblematisch, denn das kann die KI jetzt schon, und wir wissen nicht, wie das noch weitergeht. Aber man kann jetzt schon sagen, es wird weitergehen.

Der Deutsche Musikrat setzt sich mit KI seriös und in der richtigen Weise auseinander. Wir haben das sogenannte Living Paper zur KI, das auf unserem Kongress 2023 seinen Ausgangspunkt nahm und dann im Oktober 2024 fortgeschrieben wurde und auch weiter fortgeschrieben werden wird. Ich bin der Auffassung, dass da die richtigen Dinge drinstehen. Eine andere Frage ist, wie bringe ich das unter die Menschen? Und zwar so, dass es etwas bewegt. Wichtig ist ja, die zu erreichen – und das ist unglaublich schwer –, die ganz woanders stehen, und diese dazu zu bewegen, ihren Standpunkt aufzugeben und etwas zu ändern.

Es geht darum, dass so groß wie nur möglich die Verbünde von gesellschaftlichen Verbänden geschaffen werden müssen, damit sie gemeinsam auftreten. Denn man erreicht Wirkung im gesamtgesellschaftlichen Bereich nur, wenn man in großer Breite und mit vielen Weggefährten etwas zu bewegen versucht. Da ist der Kulturrat einer, und es muss noch darüber hinaus gehen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Sache. Ich hoffe, dass meine Nachfolgerin, die es hoffentlich wird, von der ich sehr überzeugt bin und in der ich eine große Chance für den Deutschen Musikrat sehe, dass unter ihr eine Entwicklung weitergehen wird, die sich tatsächlich noch intensivieren muss. Und ich würde mich sehr freuen, dann von außen zu sehen, dass, wenn der Deutsche Musikrat diesen Weg geht, es ihm gelingt, im Kulturrat entsprechend Weggefährten zu finden.

 

Du spielst – man kann schon fast sagen zeitlebens – Gitarre, auf stets zunehmendem hohem künstlerischen Niveau. Man wünscht Dir bei Deiner Werte-Haltung eine Fanbase, die derzeit eher ein Rockgitarrist hat. Vielleicht kannst Du Dich ja, wenn Du jetzt Zeit hast, auch mal in diese Richtung bewegen. Ist das nicht eine schöne Aussicht, dass Dir ein paar Millionen Mädels und Jungs hinterherlaufen und sagen: Der Martin Maria ist »Wow«?

Tatsächlich gebe ich zu, dass ich von meinem politischen Denken her, von dem her, was ich gerne bewegen würde, gerne ein Udo Lindenberg einer neuen Generation wäre. Das ist mir aber nicht gegeben. Ich komme definitiv ganz aus der klassischen Musik. Und ich freue mich tatsächlich darauf, wieder sehr viel mehr Zeit mit dem Instrument zu haben und es hin und wieder dort, wo es noch einer hören will, auch zum Klingen zu bringen.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.