Wer die 12.000 lautstarken Demonstranten gegen den Gaza-Krieg Israels vor dem Brandenburger Tor erlebt hat und das dagegen verschwindend kleine Häuflein von Israel-Sympathisanten hinter dem Tor, musste zurecht befürchten, dass es bei dem Solidaritätskonzert für den israelischen Dirigenten Lahav Shani im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zwei Tage später zu ähnlichen Missverhältnissen kommen könne. Die Nervosität bei den Veranstaltern des Berliner Musikfestes und dem Kulturstaatsminister Weimer, der die Initiative zu diesem Solidaritätsakt sofort unterstützt hatte, lag in der Luft. Aber es kam an diesem Berliner Spätsommerabend vor einem der schönsten Konzertsäle der Hauptstadt wohltuend anders. Scheinbar wenig Polizei, freundliche Kontrollen und ein Konzertpublikum, das geduldig in langen Schlagen auf den Einlass wartete.

Das besorgte Deutschland war an diesem Abend zugegen; jener trotz allem immer noch überwältigend große Teil der Menschen in unserem Land, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und ihr an diesem Abend auch sichtbar nachkommen wollten. Ernsthafte, selbstverständliche Gelassenheit statt Banner, Fahnen oder Sprechchöre. Zu diesem Konzert war ein Bürgertum gekommen, dessen Stimme man so oft schmerzlich vermisst und das in diesem Moment doch zeigte, dass es um unsere Geschichte weiß.

Auch die Politik hat in der Sache Lahav Shanis eine gute Rolle gespielt, was wir Berichterstatter ja so selten konzedieren wollen. Aber der neue Kulturstaatsminister Weimer stand bescheiden auf der Bühne und man glaubte ihm, was er da sagte. Zeitgleich weihte sein Kanzler in München den Wiederaufbau der Synagoge in der Reichenbachstraße ein. Auch er hat seine Rührung dort nicht versteckt.

Vielleicht wird uns dieser Abend in der Rückschau tatsächlich als einer der selten gewordenen Momente erscheinen, wo unser Land zusammenfand. Wo es zu einer großen Geste fähig war – jenseits aller Fragen von politischer Tat und moralischer Schuld. Ja, der Gaza-Krieg spielte an diesem Abend keine vordergründige Rolle. Aber ich möchte nicht glauben wollen, dass die schrecklichen Bilder von dort nicht doch in den Köpfen waren. Die der verschleppten Geiseln und grausam misshandelten israelischen Toten ebenso wie die der hungernden Kinder und verhärmten Mütter inmitten einer jeder Zukunft beraubten Welt.

Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten dieser Genter Ausladung, dass sie einem Künstler galt, der für das liberale, das versöhnliche Israel steht; einer, der bei dem großen Daniel Barenboim in die Lehre ging und ihn an diesem Abend auch unter den Gästen wusste. Und nach Beethoven völlig selbstverständlich Richard Wagner zu dirigieren, war allein schon Bekenntnis genug. Da nimmt ein junger Dirigent aus Israel, der demnächst ein deutsches Orchester leitet, das ganze deutsche Musikerbe an und lässt sich nicht von politischen Vorzeichen leiten. An diesem Abend in Berlin hat man ihn doppelt willkommen geheißen.

Wobei er wahrscheinlich lernen muss, mit jener merkwürdigen Selbstentfremdungsmanie leben zu lernen, die in unserem Land grassiert; die gerne Bekenntnisse verlangt, noch bevor man überhaupt willens ist hinzuhören. Man kann das an der Reaktion meines klugen Kollegen Gregor Dotzauer im Berliner Tagesspiegel exemplarisch nachlesen. Er hat schon, und diese Zuspitzung muss sich der Autor gefallen lassen, eine sehr spezielle Sicht auf die Dinge und stellt, ohne mit der Wimper zu zucken, die brüske Ausladung Shanis in Gent mit den deutschen Solidaritätsreaktionen auf eine Stufe. Oder wie sollte man seine Bemerkung verstehen, dass dieser israelische Dirigent jetzt vom belgischen Regen gewissermaßen in die »Traufe des kulturstaatsministerlichen Wohlwollens« gekommen sei?

Man könnte das für die flapsige Bemerkung eines Kommentators halten, dem das Vorpreschen Weimers grundsätzlich nicht geheuer ist. Aber die eigentliche Begründung scheint eine andere zu sein. Dass der Kulturstaatsminister in seinem Grußwort vor dem Orchester an den Jahrestag der berüchtigten Nürnberger Gesetze vor genau 90 Jahren erinnert, hält Dotzauer für das »reine Abtragen einer vergangenen (wenn auch unvergänglichen) Schuld«, wenn man es nicht gleichzeitig auf alles bezöge, »was die Bundesrepublik als Zivilisationsbruch seither erlebt hat: Kambodscha, die Balkankriege, Ruanda«. Allein nur von der »Angst der Jüdinnen und Juden in Europa« zu sprechen, verrate einen »kontextlosen Antisemitismus-Begriff«, dem es zu widersprechen gelte.

Nun muss man sich ein wenig in der komplizierten Debatte um einen neuen »multidirektionalen Erinnerungsdiskurs« auskennen, in dem sogar von »Decolonizing Auschwitz« die Rede ist oder der »Intersektionalität« der Opfergruppen, um wenigstens zu ahnen, was Dotzauer meint. Will man es bösgläubig auf den Punkt bringen, dann haben Juden eben heute keinen exklusiven Anspruch mehr darauf, alleinige Opfer des Antisemitismus zu sein, zumal wenn sie es anderen mit ähnlicher Münze heimzahlen. Es sei eben, so geht es im Text weiter, nicht »Ironie, sondern eine bittere Tatsache der Geschichte, dass die israelische Armee wenige Stunden nach Shanis Konzert in einem ohnehin schon weitgehend in Trümmern liegenden Land mit der Einnahme von Gaza-Stadt begann«. Und wer die zumindest fahrlässige Verquickung immer noch nicht verstanden hat, dem öffnet ein Zitat des Philosophen Omri Boehm endgültig die Augen. »Nie wieder«, heißt es in seiner zum 80. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds nicht gehaltenen Rede, sei »nur in seiner universellen Form gültig«. Denn nur in einer Welt gänzlich ohne Ausrottungskriege bliebe auch den Juden dieses Schicksal künftig erspart.

Das versucht man in seiner lapidaren Formulierung gar nicht erst zu kommentieren, und es hat mit dem konkreten Anlass herzlich wenig zu tun. An diesem Berliner Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ging es nicht um Antisemitismus schlechthin. Da waren auch keine Lippenbekenntnisse zu hören und kein Gerede von einer vermeintlichen Staatsraison. Da zeigte sich endlich einmal wieder, was über Jahrzehnte doch selbstverständlich war: das Wissen um die besondere Schuld und die ungeteilte Verantwortung. Das deutsch-jüdische Schicksal lässt sich nicht globalisieren, sollte das Fazit von diesem Abend sein. Wer es versucht, raubt beiden Völkern einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.