»Nichts ist erledigt.« Das Credo des Plakatkünstlers Klaus Staeck prangt auf einer roten Box, die zu den jüngsten Neuzugängen des Archivs der Akademie der Künste gehört. Ihr Inhalt dokumentiert eine Plakat-Ausstellung, in der sich Staeck mit Fragen der Ökologie wie der Klimaerwärmung, Luftverschmutzung oder des Atommülls beschäftigt und die in den 2000er Jahren weltweit durch die Goethe-Institute tourte. Nicht nur dadurch wurde das »Staeck-Plakat« zu einem Markenzeichen für politische Kunst, die sich an ein breites Publikum richtet, gesellschaftliche Missstände satirisch entlarvt und so das Nachdenken über Kunst, Politik und Gesellschaft anregt.

Der Neuzugang steht beispielhaft für das Profil des Akademie-Archivs, das heute als bedeutendste interdisziplinäre Sammlung zur Kunst und Kultur der Moderne im deutschen Sprachraum gilt und über 1.300 Archive von Persönlichkeiten aus allen Kunstsparten sowie zahlreiche Bestände von Kunstinstitutionen und -verbänden verwahrt. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört es, Archive von herausragenden Künstlern und Künstlerinnen im deutschen Sprachraum zu erwerben und der Öffentlichkeit bekannt und zugänglich zu machen. Das Spektrum ist ein Alleinstellungsmerkmal. Es beschränkt sich nicht auf eine Kunstform; sämtliche Sparten – von der Baukunst, Literatur und Musik über die Bildende und Darstellende Kunst bis zur Film- und Medienkunst – gehören dazu. Der Netzwerkgedanke und die Interdisziplinarität spielen bei der Auswahl eine wichtige Rolle. Auch hier ist Klaus Staeck ein gutes Beispiel. Der Grafiker, politische Aktivist und Verleger ist bestens vernetzt mit der deutschen Kunstszene und arbeitete mit zahlreichen Kunstschaffenden aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, wie Joseph Beuys, Heinrich Böll, Hanne Darboven, Jochen Gerz, A. R. Penck, Nam June Paik und Katharina Sieverding. Zugleich hat er das künstlerische Geschehen seit 1968 intensiv verfolgt und dazu umfangreiche Sammlungen angelegt. Sein Hunderte von roten Kästen umfassendes Archiv wird dadurch zu einem Spiegel von über 50 Jahren deutscher Kunstgeschichte.

Im Fokus der Archiv-Erwerbungen steht die schriftliche Hinterlassenschaft von Künstlerpersönlichkeiten. Überwiegend sind es Schenkungen. Neben Werkmanuskripten, Korrespondenzen, biografischen Zeugnissen, Fotos, Dokumentationen und Materialsammlungen gehören zunehmend auch audio-visuelle und digitale Medien dazu. Ein wichtiger Leitgedanke bei der Materialauswahl ist die Frage nach der Arbeitsweise, der Werkgenese und nach künstlerischen Kooperationen. Ergänzt wird die Überlieferung durch institutionelle Archive wie die von Künstlervereinigungen und -verbänden, Verlagen oder Theaterarchiven. Sie sind für das Verständnis künstlerischer Diskurse, für die künstlerische Vermittlung und Praxis bedeutsam. Wichtige Vertreter aus Wissenschaft, Kunsthandel und Publizistik ergänzen exemplarisch die Überlieferung. Die Bestände aus der Bildenden Kunst stellen das Archiv vor besondere Herausforderungen. Eine Übernahme vollständiger Werknachlässe ist schon allein aus Platzgründen weder möglich noch sinnvoll. Zusammen mit den Archivgeberinnen wählt das Archiv exemplarisch aus, um charakteristische und herausragende Werke überliefern zu können. Oft zieht der materielle Wert jedoch enge Grenzen, da der Ankaufsetat nicht mit den Marktpreisen Schritt halten kann.

Getragen wird das Archiv von der Idee, dass die Kunst einen ganz anderen Zugang auf die Wirklichkeit, auf den Menschen und die Gesellschaft bietet und es deshalb zum Verständnis unserer komplexen Welt unverzichtbar ist, künstlerische Werke und deren Entstehungsprozesse zu überliefern. Genese und Profil des Archivs wären ohne die enge Bindung an die Akademie nicht denkbar. Mitglieder gaben die ersten Impulse für eine Lehr- und Schausammlung. Ihr künstlerisches Werk steht nicht nur im Mittelpunkt archivischer Erwerbungen, die alle Künste umfassende Mitglieder-Struktur der Akademie ist maßgeblich für das multidisziplinäre Sammlungskonzept verantwortlich. Der Horizont ist jedoch nicht nur auf die Mitgliedschaft begrenzt. Um ein realistisches Abbild künstlerischer Entwicklung zu geben, ist der Radius sehr viel weiter gespannt. Andere übergreifende Sammelschwerpunkte verweisen auf das Exil zwischen 1933 und 1945, die Situation der Künste in der DDR, Künstler und kulturelles Leben in Deutschland, insbesondere in Berlin, und die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Kunstformen. Der Rahmen ist bewusst weiträumig angelegt, um an aktuelle Entwicklungen angepasst werden zu können. Generell ist zu beobachten, dass die Überlieferung durch die Globalisierung des Kunstbetriebs internationaler, vielsprachiger und diverser wird, wenngleich das Archiv künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen immer mit einer gewissen Verzögerung abbildet.

Die Institutionalisierung des Akademie-Archivs erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Infolge der politischen Spaltung Deutschlands gründeten sich im Ost- und Westteil Berlins zwei neue Akademien, die sich 1993 zusammenschlossen. Sie begannen, Künstlernachlässe zu erwerben und die ihnen zugefallenen Sammlungsteile der Preußischen Akademie professionell zu betreuen. Beide bemühten sich um die Rehabilitierung der im Nationalsozialismus verfolgten und vertriebenen Mitglieder. Es war ein Zeichen der Wiedergutmachung, aber auch der Wunsch, wieder an die künstlerische Moderne anknüpfen zu können. Oft gelang es jedoch nur noch, die schriftliche Hinterlassenschaft zu sichern und so die verfemte Kunst über die Archive sichtbar zu machen. Zu viele der Literaten, Schauspielerinnen, Musiker und Malerinnen waren Opfer der Verfolgung geworden. Kalter Krieg und politischer Standort der Exilanten spielten beim Aufbewahrungsort des Nachlasses eine nicht unwesentliche Rolle. So gelangte das Archiv des Schriftstellers und designierten Akademiepräsidenten Heinrich Mann aus den USA und der CSSR in die 1950 gegründete Ost-Berliner Künstlersozietät. Und das von Georg Kaiser, eines heute nur noch wenig gespielten expressionistischen Dramatikers, aus der Schweiz in das 1954 entstandene West-Berliner Pendant. Dass diese Form der Rückkehr zustande kam, ist vor allem dem Vertrauen der Emigranten und ihrer Familien zu verdanken. Ein mutiger und keineswegs einfacher Schritt. Hatte sich doch die Preußische Akademie 1933 den neuen nationalsozialistischen Machthabern ohne nennenswerten Widerstand gefügt und zahlreiche Mitglieder, wie Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Heinrich und Thomas Mann, ausgeschlossen oder zum Austritt gedrängt. Heute ist das Akademiearchiv eine der wichtigsten Forschungs- und Erinnerungsorte zum Exil zwischen 1933 und 1945. Über 300 Nachlässe und Sammlungen von Kreativen aus allen Bereichen der Kunst gehören dazu. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten sind aus ihnen eine Vielzahl von Aktivitäten hervorgegangen: Werkausgaben, Künstlerretrospektiven und künstlerische Programme. Eine der jüngsten Beispiele ist die Ausstellung »Kinder im Exil«, die den Blick auf den Nachwuchs der Emigranten richtete und angesichts der Flüchtlingsströme der Gegenwart von ungebrochener Aktualität ist.

Es genügt jedoch nicht, ein gigantischer Speicher von Kunst- und Kulturgeschichte zu sein. Es bedarf der »Energie der Benutzung, die das Archiv aktiviert« (Wolfgang Ernst). Das Akademie-Archiv versteht sich deshalb nicht nur als Dienstleister, der Quellen für Kunst und Wissenschaft zur Verfügung stellt, sondern auch als Kulturvermittler. Ausstellungen, ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Archiveröffnungen, Vorträgen, Lesungen, Konzerten und Publikationen vermitteln die Bandbreite seiner Bestände. So wurden in jüngster Zeit die Archive des Theaterregisseurs und Intendanten Jürgen Flimm, der Schriftstellerin Ursula Krechel oder des Schauspielers und Sängers Manfred Krug der Öffentlichkeit vorgestellt. Hinzu kommen zahlreiche Arbeits- und Forschungsprojekte und Kooperationen mit Forschungsverbünden, Arbeitsgemeinschaften und Online-Portalen. Nur durch diese Vermittlung kann die Energie der Archive wachgehalten werden, können Künstlerpersönlichkeiten mit ihrem Leben und Werk im Bewusstsein der Menschen verankert werden. Nur so kann gelingen, was die eigentliche Aufgabe von Archiven ist: kulturelles Gedächtnis zu sein.

 

Ausstellung

Out of the Box – 75 Jahre Archiv der Akademie der Künste

Ausstellung: 8. Oktober 2025 bis 18. Januar 2026.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin. Öffnungszeiten: Di-Fr 14-19 Uhr, Sa/So/feiertags 11-19 Uhr

2025 feiert das Archiv seinen 75. Geburtstag. Die Ausstellung wirft einen Blick hinter die Kulissen und zeigt, welche Aufgaben, Herausforderungen und Erträge sich mit der Arbeit am Gedächtnis verbinden. 75 Geschichten über ikonische Werke, wie Walter Benjamins Aufsatz »Was ist Aura?«, Bertolt Brechts »Dreigroschenoper«, die Nationalhymne der DDR, Anna Seghers Roman »Das siebte Kreuz«, John Heartfields Collagen oder Käthe Kollwitz’ Mahnmal für den Frieden erzählen von der Aura der Objekte, der Ordnung der Dinge und von der Macht der Archive, den Kanon für die Erinnerungsarbeit künftiger Generationen zu bestimmen. Zugleich zeigen sie, dass es im Zeitalter »alternativer Fakten« immer wichtiger wird, dass ein Archiv die Gewähr für authentische und verlässliche Informationen bietet.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2025.