Felix Klein ist der erste »Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus«. Sein Amt gibt es noch nicht lange, erstmals im Januar 2018 wurde in einer Bundestagsresolution ausdrücklich von der Bundesregierung gefordert, einen Beauftragten für dieses Thema zu berufen.

Diese Forderung griff die Regierung Merkel auf. »Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat mich für das Amt vorgeschlagen«, erläutert Klein, »und ich habe das gerne zugesagt. Ich hatte allerdings zwei Bedingungen, die mir dann auch gewährt wurden. Erstens: die Möglichkeit, meine Pressearbeit unabhängig und eigenständig gestalten zu können, und zweitens legte ich Wert darauf, nicht in die Hierarchie des Ministeriums eingebunden zu sein. Denn ich muss im Zweifel auch die Bundesregierung kritisieren können. Oder bei Bedarf an Hierarchien vorbei Sachen anstoßen. Das ist mir vom seinerzeit amtierenden Innenminister Seehofer tatsächlich bewilligt worden.« Kleins Agenda kurz zusammengefasst: die Ressort-Koordinierung der Bundesregierung vornehmen, Gesetzesinitiativen auf den Weg bringen, Öffentlichkeitsarbeit machen und Ansprechperson sein für jüdische Organisationen.

Der 1968 in Darmstadt geborene deutsche Jurist und Diplomat stammt aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen aus Sibiu (Hermannstadt). Zu seinen Vorfahren gehören evangelische Pfarrer. Felix Kleins Vater, Hans Klein, in den 1950er Jahren Geiger im Philharmonischen Orchester in Hermannstadt, siedelte 1956 nach Deutschland über und lebte mit seiner Familie seit 1967 in Darmstadt.

In der Karriereplanung nahm sich sein Sohn Felix ein Beispiel am Vater, der sechs oder sieben Jahre Berufsgeiger war, dann aber umsattelte, Mineralogie studierte und in die chemische Industrie ging. Seine Geige gab er später an seinen Sohn Felix weiter, der sich trotz entsprechender Begabung ebenfalls nicht für die Laufbahn als Musiker entschied, sondern für ein Jurastudium. Dennoch spielt Felix Klein bis heute im Streichquartett und im Klaviertrio: »Das ist eine unheimliche Erfüllung, auch weil zu meinem Tätigkeitsbereich unter anderem das jüdische Leben gehört und Musikschaffende mit jüdischem Hintergrund unsere Musikkultur unheimlich bereichert haben. Für mich stellt Musik eine große Quelle für Ausgleich und Kraftschöpfung dar.«

Obwohl in Deutschland geboren, hat Klein bis heute enge Beziehungen zu Siebenbürgen. »Das ist wirklich toll zu sehen, wie sich auch Siebenbürgen positiv entwickelt hat, insbesondere nach dem EU-Beitritt Rumäniens. Neue repressive Maßnahmen Ceaușescus hat unsere Familie damals immer mit großer Sorge zur Kenntnis genommen. Wir haben uns jedes Mal gefragt: Was bedeutet das jetzt für die deutsche Minderheit? Was bedeutet das für unsere Familienangehörigen? Diese Erfahrungen machen Juden und Jüdinnen auch. Und das hat mir geholfen, im Verständnis und in der Einarbeitung in mein Amt.«

Dass Felix Klein weder Pfarrer noch Geiger und auch nicht Wissenschaftler wurde, wie es bei seinem familiären Background vielleicht nahegelegen hätte, sondern Jurist und Diplomat, lag nicht zuletzt am Einfluss des United World College in Duino/Italien, das er die beiden letzten Jahre bis zum Abitur besuchte. Es ist eines von 18 United World Colleges, einer Bildungsbewegung, der derzeit 18 internationale Schulen angehören, an denen Schüler aus über 120 Ländern koedukativ für zwei Jahre gemeinsam lernen und zusammenleben. »In so einer internationalen Schule ist man als Deutscher immer ein bisschen auch Vertreter seines Landes«, erinnert sich Klein. »Wir kamen aus über 80 Nationen und mussten in Duino alle zusammen lernen.« Hier wurde auch der Grundstein für Kleins Sprachkompetenz gelegt. Neben Deutsch spricht er Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Die besondere Erfahrung einer internationalen Schule weckte aber auch sein Interesse für den Beruf des Diplomaten.

Von seinem Jurastudium profitiere er bis heute, meint Klein, denn »wenn man für die Bundesregierung arbeitet, sind juristische Einordnungen von Vorgängen unumgänglich. Ich habe nach dem Jurastudium in Deutschland noch ein Jahr in London studiert, Völkerrecht, und habe mich von da an systematisch auf die Diplomatenschule vorbereitet. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich in meinem Leben nur eine einzige Bewerbung abschicken musste, nämlich die zur Diplomatenschule, und die hat dann auch gleich geklappt.«

Felix Klein begann seine Karriere im Auswärtigen Amt in Bonn als Referent für die Beziehungen zu den südamerikanischen Ländern Peru, Bolivien und Ecuador. Anschließend war er auf Auslandsstationen als Rechts- und Konsularreferent in Jaunde/Kamerun sowie als stellvertretender Generalkonsul in Mailand tätig. 2001 promovierte er mit der Arbeit »Eherecht und Ehewirklichkeit in Kamerun« an der Universität St. Gallen zum Dr. iur. Seit 2007 arbeitete er im Außenministerium.

Wird Klein darauf angesprochen, wie sich die sieben Jahre als Antisemitismusbeauftragter auf sein Leben ausgewirkt haben, wird er nachdenklich: »Es hat sich trotz meiner und der Aktivitäten der gesamten Bundesregierung leider die Gesamtsituation in Politik und Gesellschaft bezüglich des Themas Antisemitismus verschlechtert. Das liegt vor allem an Faktoren, die wir nicht selbst in der Hand haben. Ich denke da insbesondere an den Terroranschlag auf Israel vom 7. Oktober 2023. Das war einer der schlimmsten Tage in der Geschichte Israels.

Klein hat positiv erfahren, dass auch dank seiner Aktivitäten unsere Gesellschaft heute besser in der Lage ist als früher, systematischer und systemischer mit antisemitischen Vorfällen umzugehen. Konkret heißt das: »Ich habe mehrere Gesetzesinitiativen in den letzten Jahren erfolgreich auf den Weg gebracht, unter anderem ist es nunmehr ein Straftatbestand, Fahnen eines anderen Landes zu verbrennen. Auch sind bundesweit Antisemitismusbeauftragte an den Staatsanwaltschaften berufen worden. Wir müssen Antisemitismus bekämpfen, nicht nur im Interesse der jüdischen Gemeinschaft, sondern im Interesse unserer demokratischen Gesellschaft. Wir haben da überhaupt keine Alternative.«

Gerade vor dem Hintergrund der Zunahme der Straftaten nach dem 7. Oktober ist Felix Klein in der breiteren Öffentlichkeit vor allem als Antisemitismusbeauftragter bekannt und nicht so sehr als Beauftragter für jüdisches Leben. »Zuerst muss die Community geschützt werden«, betont er, »sie muss sicher leben können. Das ist der Pflichtteil, darauf zu achten, dass der Staat dafür sorgt, dass jüdische Einrichtungen geschützt werden, dass der Verfassungsschutz gut funktioniert, dass die Polizei gut aufgestellt ist. Der schönste Teil meines Jobs ist natürlich der gestalterische und ideelle: jüdisches Leben sichtbarer zu machen, Kulturprogramme vorzuschlagen, Ausstellungsprojekte mitzubegleiten. Ich habe nur wenig an Fördermitteln, aber ich kann doch Vieles vermitteln. Ich bin froh, dass trotz ihrer Bedrohung die jüdische Gemeinschaft, gerade weil sie so resilient ist, sich nicht entmutigen lässt, und dass es weiterhin viele Kulturtage gibt und alle möglichen interreligiösen Projekte weiterlaufen. Das sollte natürlich die Bundesregierung und die Öffentlichkeit sehr positiv begleiten.«

Kürzlich gab es die Meldung, dass sich immer mehr jüdische US-Bürger um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühen. »Mit die bewegendste Situation in den sieben Jahren meiner Amtszeit war«, sagt Klein, »dass ich am Generalkonsulat New York einem Termin beiwohnen durfte, bei dem Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen. Der Ansturm, man kann es wirklich gar nicht anders sagen, von Juden weltweit auf die deutsche Staatsangehörigkeit ist wirklich ein tolles Zeichen.«

In seiner Sitzung vom 11. Februar 2026, also kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe, hat das Bundeskabinett entschieden, Felix Klein zum Sommer dieses Jahres die Leitung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris zu übertragen.

In einer Pressemitteilung äußert sich Klein: »Verantwortung und Aufgabe bleiben groß. Doch dazu beitragen zu können, den Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland wirksamer zu gestalten, insbesondere durch die Schaffung von Strukturen und die Bündelung von Kräften, war mir eine Freude und eine Ehre. Bis zu meinem Abschied werde ich mich meinem jetzigen Amt auch weiter jeden Tag mit voller Kraft und persönlichem Einsatz widmen.«

Über seine Nachfolge ist derzeit noch nicht entschieden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026