1992 entsetzten zwei Brandanschläge in Mölln die Bundesrepublik Deutschland. Die rassistischen Anschläge galten türkischstämmigen Familien, die in Mölln lebten. In einem der beiden brennenden Häuser wohnte die Familie Arslan. Drei Menschen starben: die zehnjährige Yeliz Arslan, ihre 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz und die Großmutter der beiden Mädchen, Bahide Arslan. 27 Jahre später, im Jahr 2019, wurden im Archiv der Stadt Mölln zufällig Hunderte Beileids- und Solidaritätsbriefe entdeckt. Viele waren an die betroffenen Familien persönlich gerichtet, andere sprachen ganz allgemein ihr Mitgefühl, ihre Trauer, ihre Scham über das Geschehene aus. Die Briefe waren geöffnet und anschließend archiviert worden – ohne dass die Familien davon erfuhren. Heute liegen die Briefe im Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland DOMID.
In Martina Priessners Film »Die Möllner Briefe« geht es um dieses Versäumnis der Stadt, aber auch um die Geschichte der Familie Arslan, um Traumata, die auf die Folgegeneration weitergegeben werden, um Solidarität. Protagonist ist Ibrahim Arslan, der Bruder der ermordeten Yeliz, der inzwischen auch Vorträge und Workshops in Schulen und anderen Einrichtungen hält. Die Bundeszentrale für politische Bildung erstellt außerdem Unterrichtsmaterial. Ziel ist es, den Film im Rahmen der Schulkino-Wochen, die es in allen Bundesländern gibt, an vielen Schulen zu zeigen.
Barbara Haack: Frau Priessner, wie kam es zu der Idee, über diese Geschichte einen Film zu machen?
Martina Priessner: 2020 war ich in Offenbach bei der Vorführung des Films »Der zweite Anschlag«, in dem Ibrahim Protagonist war. Dort haben wir uns kennengelernt. Ibrahim hat mir von diesen Briefen erzählt. Ich war schockiert, betroffen, berührt. Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Zwei oder drei Wochen später habe ich ihn angerufen und gefragt, ob er Lust hat, mit mir einen Dokumentarfilm zu machen.
Für mich war Mölln eine Zäsur in meinem Leben und der Beginn einer intensiven Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und den Kontinuitäten von rechtem Terror. Insofern war ich überzeugt, dass wir diesen Film machen mussten.
Herr Arslan, wie fanden Sie die Idee, daraus einen Film zu machen, diese Geschichte zu erzählen?
Ibrahim Arslan: Es war klar, dass wir mit den Briefen etwas machen wollten. Ich wollte aber nicht allein entscheiden, was mit diesen Briefen passiert. Sie sind ja nicht persönlich an mich geschrieben, sondern an viele von dem Brandanschlag Betroffene. Es war eine Mammutaufgabe, gemeinsam mit Martina zu entscheiden, wie wir vorgehen, damit die Betroffenen sich abgeholt fühlen.
Wie war es für Sie, als Sie von den Briefen erfahren und sie gelesen haben?
Arslan: 2019 hat Nora Zirkelbach, eine Bekannte, diese Briefe im Archiv entdeckt und mich informiert. Sie hatte mich als Experten für ihre Masterarbeit befragt und war davon ausgegangen, dass wir die Briefe kennen. Das war erstmal ein sehr überraschender Moment, auch ein sehr emotionaler, als ich die Briefe in der Hand hielt. 27 Jahre lang hat die Stadt es nicht geschafft, uns darüber zu informieren, dass diese Briefe existieren. Wir wurden gar nicht damit in Verbindung gebracht.
Wie hat die Stadt dieses sehr massive Versäumnis erklärt?
Arslan: Wir haben herausgefunden, dass der ehemalige Bürgermeister Herr Dörfler, der ja die Verantwortung trägt, verschiedene Antwortschreiben aufgesetzt hatte. Also können wir davon ausgehen, dass er viele Briefe selbst gelesen und sogar beantwortet hat. Er hat mir per Mail mitgeteilt, dass er für ein Gespräch derzeit nicht zur Verfügung steht. Für den aktuellen Bürgermeister war das anders. Im Film wird gezeigt, dass die Briefe bei uns landen, aber dass er immer noch darauf beharrt, dass wir auch die Perspektive der Institution, die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger in Mölln und die Perspektive der Feuerwehrleute und Rettungskräfte verstehen müssten, dass viele Menschen mit der Situation überfordert waren. Es ist für mich allerdings unverständlich, dass das 27 Jahre gedauert hat.
Vermuten Sie rassistische Motive hinter diesem Versäumnis?
Arslan: Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen: Was wäre passiert, wenn dieser Anschlag einer weißen deutschen Familie passiert wäre? Hätte man diese Briefe genauso behandelt? Das muss jede und jeder, die und der den Film gesehen hat, mit sich selbst klären. Ich glaube, die Frage ist sehr schnell beantwortet, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Mit dem Film wollen wir die Geschichte der Betroffenen erzählen, und zwar nicht nur der Menschen, die direkt von den Anschlägen betroffen sind, sondern auch die indirekt Betroffenen, deren Briefe nicht weitergeleitet wurden. Es geht dabei um Solidarität, um Hilfsangebote, vielleicht sogar um den Wunsch nach Erfahrungsaustausch selbst betroffener Menschen, die uns geschrieben haben.
Priessner: Die Frage, ob es einen rassistischen Hintergrund gab, hat mich auch beschäftigt. Man fragt sich natürlich, wie kann so etwas passieren? Ich glaube, dass das Thema »Institutioneller Rassismus« eine große Rolle spielt. Das haben wir versucht darzustellen. Es ging mir nicht darum, den Bürgermeister oder den Archivar als Rassisten zu outen, es ging mir sehr um diese strukturelle Ebene. Ich bin überzeugt davon, dass das eine Form von Verdrängung ist, nicht individuell, sondern als ein kollektiver Akt. Der Archivar hat immerhin darauf aufgepasst. Die Briefe hätten auch vernichtet werden können. Aber die eigentliche Bedeutung der Briefe, die Solidarität mit den Betroffenen, die hat man komplett verdrängt.
Der Archivar spricht an einer Stelle von einem Versäumnis. Da werden Sie, Herr Arslan, sehr energisch und sagen: Das reicht mir nicht. Haben Sie heute Erwartungen an die Stadt?
Arslan: Wenn wir hier von einer unterlassenen Hilfeleistung sprechen und von gravierenden Straftaten, vom vielfachen Verstoß gegen das Briefgeheimnis, dann erwarte ich schon eine gewisse Entschädigung für Betroffene. Es muss nicht unbedingt eine materielle Entschädigung sein. Wie könnte die Entschädigung aussehen? Da muss man die einzelnen Betroffenen fragen. In einer Szene sprechen die Betroffenen darüber, wann sie die Briefe gebraucht hätten. Eine Betroffene im Film erzählt, dass sie obdachlos war, und sie weint. Sie sagt, wir hätten gar nicht in diese Lage gebracht werden müssen, weil Leute in den Briefen Angebote gemacht haben.
Ich erwarte von der Stadt auf jeden Fall, auch wenn das zu spät kommt, dass die Leute vernünftig entschädigt werden, z. B. die Menschen, die keine psychiatrische Behandlung bekommen haben. Bis heute nicht. Bei meinem Bruder, der auch im Film spricht, musste erst durch verschiedene Gutachten anerkannt werden, dass seine Symptome Folge des Anschlages sind. Das gilt für viele, die ihre Geschichte bisher nicht erzählen konnten. Einige sprechen im Film zum ersten Mal darüber. Es kann nicht sein, dass die Stadt Mölln einfach davonkommt
Im Film wird z. B. bei Ihrem Bruder deutlich, dass das Trauma dieser Brandanschläge nach wie vor da ist und sich auch auf Nachfolgegenerationen auswirkt. Sie selbst sind sehr aktiv, halten Vorträge und reden darüber. Hilft Ihnen das dabei, dieses Trauma zu bewältigen?
Arslan: Das aktive Sprechen über das Geschehnis kann eine Bewältigungsstrategie sein, das muss aber nicht unbedingt für alle Betroffenen gelten. Die Betroffenen entscheiden selbst, wie sie ihre Geschichte erzählen. Viele Betroffene sagen, keiner hat mit uns gesprochen, bis heute nicht. Eigentlich waren wir unsichtbar für die Stadt.
Das sollte man auch als Gesellschaft hinterfragen. Wieso sprechen Betroffene erst nach 30 Jahren? Warum müssen erst andere Betroffene sie motivieren zu sprechen? Was bekommen diese Betroffenen dann für ihre aktive Arbeit, Betroffene zu empowern? Es gibt keine Institutionen, in der aktiv Betroffene Betroffenenarbeit machen dürfen oder Gedenkarbeit. Warum kommt das nicht auf die politische Agenda?
Frau Priessner, Sie sind Ihren Protagonisten sehr nahegekommen. Wie ist das mit Distanz und Nähe bei einem solchen Film, der – als Dokumentarfilm – viele emotionale Momente hat?
Priessner: Das ist eine Gratwanderung, manchmal sehr herausfordernd, manchmal sehr anstrengend. Aber unterm Strich sehr schön. Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass es uns gelungen ist, dieses Vertrauen aufzubauen. Es war wichtig, den Rückhalt der großen Familie dafür zu erhalten. Ich war eingeladen bei der Familie und habe das Projekt vorgestellt. Ich sehe mich als Verbündete und habe versucht, die Augenhöhe, über die oft geredet wird, zu leben. Es ist natürlich viel Kommunikation, viel Fingerspitzengefühl nötig. Es war auch wichtig, dass es ein diverses Team war.
Herr Arslan, Sie haben sich mit einigen dieser Briefeschreiber getroffen. Wie waren diese Begegnungen für Sie?
Arslan: Wir haben im Film drei dieser Treffen gezeigt. Aber ich habe außerhalb des Films viel mehr Menschen getroffen, die uns Briefe geschrieben haben. Das ist immer ein extrem emotionaler Moment. Es kam auch vor, dass die Leute sagten, wir haben 30 Jahre auf Ihre Antwort gewartet. Deshalb haben wir uns überlegt, dass wir sie einladen, ins Kino, zu Veranstaltungen, zur Premiere. Zu der Berlinale waren sie eingeladen und auch zu dem Gedenktag in Mölln. Auf einmal sind sie mit betroffen, nicht direkt von Rassismus, aber vom institutionellen Versagen. Diese Menschen wurden ja auch ignoriert. Es passiert immer wieder, dass dadurch eine Verbundenheit entsteht.
Gab es für Sie beide besonders bewegende Momente während des Drehs, besondere Erfahrungen oder Überraschungen?
Arslan: Der emotionalste Moment im Film war für mich der Moment, in dem meine Schwester über ihren Namen spricht. Den Zusammenhang habe ich da erst begriffen: was es bedeutet, wenn Menschen den Namen eines ermordeten Menschen bekommen und wenn, wie im Fall meiner Schwester, deren Eltern noch leben, und diese sie deshalb immer mit der ermordeten Tochter in Verbindung bringen. Das war für mich ein neues Kapitel, ich habe mit meiner Schwester nie vernünftig darüber reden können, was es für sie bedeutet, so einen Namen zu tragen.
Priessner: Ich kann mich nicht auf eine Szene festlegen. Diese Namensgeschichte mit Yeliz war sicher ein emotionaler Höhepunkt. Aber ich habe auch andere emotionale Momente im Kopf, auch solche, die im Film gar nicht vorkommen. Es gab Momente, wo wir alle geweint haben. Als Regisseurin ist es ein Spagat, diese Emotionen im Moment zu zeigen und gleichzeitig weiter zu funktionieren und den Film nicht aus den Augen zu verlieren. Ich hatte Sorge, meine Protagonistinnen und Protagonisten zu retraumatisieren. Irgendwann habe ich realisiert, dass sie sowieso permanent retraumatisiert werden, weil der Alltag einfach krass ist mit diesen ganzen rassistischen Momenten, die man tagtäglich erlebt, wenn man als nicht weiße deutsche Person gelesen wird. Insgesamt war das Projekt das emotionalste, das ich jemals gemacht habe.
Vielen Dank.
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Kinostart war am 25.9.25. Der Film »Die Möllner Briefe« wurde bereits mehrfach ausgezeichnet:
- Panorama Publikums-Preis der Berlinale 2025
- Amnesty-International-Filmpreis 2025
- Roman Brodmann Preis 2025